Die Inhalte unseres Interviews:
- Bis zu 45% der Demenzfälle lassen sich verzögern, wenn wir die Risikofaktoren ernst nehmen
- Warum Demenzerkrankungen häufig gar nicht oder viel zu spät diagnostiziert werden
- Bei welchen ersten Anzeichen macht eine medizinische Abklärung Sinn?
- Was mache ich als pflegende Angehörige, wenn sich mögliche Betroffene nicht abklären lassen wollen?
- Wie funktionieren Bluttests, die Hinweise auf eine Alzheimer-Erkrankung liefern?
- Welche Medikamente können nach einer Diagnose im Alltag helfen?
- Gentests, die auf ein höheres Risiko für eine spätere Demenz-Erkrankung hinweisen: Wie belastbar sind solche Tests und wo kommen sie in der Praxis zum Einsatz?
Demenz ist nicht nur eine medizinische Diagnose, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung: In Österreich wird aktuell von rund 170.000 Betroffenen ausgegangen, in Deutschland von etwa 1,8 Millionen. Für beide Länder rechnen Prognosen damit, dass sich diese Zahlen bis 2050 nahezu verdoppeln könnten.
Wie groß die tatsächliche Betroffenheit ist, lässt sich trotzdem nur näherungsweise erfassen. Denn Demenzerkrankungen werden noch immer häufig gar nicht oder erst sehr spät diagnostiziert – und damit oft erst dann, wenn wertvolle Zeit bereits verloren ist. Dabei zeigen große Studien: Prävention kann das Risiko deutlich senken. Und frühe Abklärung kann helfen, die Symptome hinauszuschieben, und frühzeitig die richtige Unterstützung zu organisieren.
Genau über diese Hebel sprechen wir mit Dr. Sara Silvaieh, Demenz-Expertin an der Universitätsklinik für Neurologie der Universität Wien, sowie Raphael Schönborn, Experte für Demenz, Delir und Gehirngesundheit. Was kann Medizin heute realistisch leisten? Und vor allem: Was kann jede und jeder von uns selbst tun, um möglichst lange gesund zu bleiben? Ein Gespräch über Prävention, Früherkennung und den Mut, bei ersten Anzeichen rechtzeitig hinzuschauen.
SBC: In vielen Interviews wird betont, dass wir selbst viel in der Hand haben – und bis zu einem gewissen Grad mitbestimmen können, wie gesund wir im Alter bleiben. Welche Faktoren erhöhen das Risiko, an Demenz zu erkranken, und welche konkreten Maßnahmen helfen, das Risiko realistisch zu senken? Können wir einer Demenz vorbeugen?
Dr. Silvaieh: Ganz verhindern lässt sich Demenz nach heutigem Stand nicht. Aber wir können einiges dafür tun, das Risiko zu senken und den Beginn nach hinten zu verschieben. Große Studien zeigen, dass sich bis zu 45 Prozent der Demenzfälle verzögern lassen, wenn wir die Risikofaktoren ernst nehmen.
Es gibt nur nicht den einen Auslöser, meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Ein kleiner Teil ist genetisch bedingt und damit nicht beeinflussbar, diese Form ist aber insgesamt eher selten. Der größere Hebel liegt in Dingen, die wir im Alltag steuern können. Bewegung spielt dabei eine große Rolle: Als Orientierung werden zum Beispiel rund 5.000 Schritte pro Tag genannt; mehr Bewegung kann den Effekt weiter verstärken. Auch die Ernährung zählt: Eine mediterrane, gesunde Kost – also weniger tierische Fette, insgesamt bewusster essen und zum Beispiel einmal pro Woche Fisch – gilt als günstig für unser Gehirn.
Zwei Punkte sind unbequem, aber wichtig: Rauchen und Alkohol. Rauchen ist ein sehr starker Risikofaktor, hier wird empfohlen damit aufzuhören. Beim Alkohol lautet die aktuelle Empfehlung so wenig wie möglich. Die frühere Idee, ein Glas Rotwein sei grundsätzlich gut fürs Herz und fürs Gehirn, wird heute deutlich zurückhaltender gesehen. Zusätzlich lohnt es sich, auf klassische Gesundheitswerte zu achten: Bluthochdruck sollte früh erkannt und gut behandelt werden, und auch Cholesterinwerte sowie Vorsorgeuntersuchungen sind relevant.
Oft unterschätzt werden außerdem Hören und Sehen. Wer schlechter hört, sollte Hörgeräte nutzen; wer schlechter sieht, eine Brille. Das ist nicht nur Komfort: Wenn die Wahrnehmung eingeschränkt ist, gehen oft auch die geistige und soziale Aktivität zurück – und das kann das Gedächtnis zusätzlich belasten. Entsprechend wichtig ist es, kognitiv aktiv zu bleiben: Neugierig und im Austausch bleiben, das Gehirn fordern.
Der beste Zeitpunkt, um damit anzufangen, ist idealerweise spätestens ab dem mittleren Alter von etwa 40 Jahren. Früher ist immer besser, später bringt es trotzdem noch etwas. Und noch ein wichtiger Zusatz: Die 45 Prozent sind ein Wert aus Studien. Das ist keine Garantie für die einzelne Person – auch wer vieles richtig macht, kann trotzdem erkranken. Aber die Daten zeigen: Wenn viele Menschen ihre Risiken senken, lassen sich sehr viele Demenzen in der Gesamtbevölkerung deutlich nach hinten verschieben. Ziel ist es, alle Risikofaktoren zu beachten, gesund älter zu werden und dadurch unsere Kognition, unsere Gedächtnisleistung zu schützen.
SBC: Herr Schönborn, Sie betonen in Ihren Vorträgen, dass Demenzerkrankungen häufig gar nicht oder erst sehr spät diagnostiziert werden. Woran liegt es Ihrer Einschätzung nach, dass Warnzeichen so oft übersehen oder verdrängt werden – und dass wir dadurch wertvolle Zeit verlieren, um frühzeitig auf den Verlauf Einfluss zu nehmen?
Schönborn: Viele Diagnosen werden so spät gestellt, weil Demenz in unserer Gesellschaft nach wie vor stark mit Angst, Scham und einem Stigma verbunden ist. Wer den Verdacht hat, dass sich etwas verändert, steht vor einer doppelten Hürde: Einerseits wirkt die Vorstellung einer Demenz wie ein Schreckensbild. Es dominiert die Vorstellung, man verliert den Verstand und kann nichts dagegen tun. Weiters erleben Betroffene oft, dass sie nach einer offenen Kommunikation anders behandelt werden. Das führt dazu, dass viele Menschen das Thema lieber abwehren, negieren oder vermeiden. Nicht unbedingt, weil sie nichts von den Veränderungen merken, sondern weil es schwer ist, das in das eigene Selbstbild zu integrieren.
Hinzu kommt, dass das vorherrschende Narrativ lange lautete: Bei Demenz kann man nichts machen. Wenn eine Diagnose nur als endgültiges Urteil wahrgenommen wird, sinkt die Motivation, sich frühzeitig abklären zu lassen. Dabei ist frühe Abklärung zentral – auch, weil es nicht die eine Demenz gibt, sondern unterschiedliche Formen und teils behandelbare Ursachen, sofern sie rechtzeitig erkannt werden. Selbst wenn Medikamente den Verlauf nicht stoppen können, können sie, je nach Form und Stadium, durchaus positiv beeinflussen. Vor allem aber gilt: Verdrängen löst keine Probleme, es macht sie in der Regel größer – für Betroffene wie für Angehörige.
SBC: Bei welchen Anzeichen macht eine Abklärung Sinn? Was ist normale Vergesslichkeit, und wann sollte eine Erkrankung abgeklärt werden?
Dr. Silvaieh: Grundsätzlich ist es ganz normal, dass uns in einer stressigen Situation ein Name nicht einfällt. Vor allem dann, wenn es einem später wieder einfällt und nicht ständig passiert, ist das in der Regel kein Grund zur Sorge. Genauer hinschauen sollte man aber, wenn Vergesslichkeit den Alltag beeinflusst. Zum Beispiel, wenn Rechnungen wiederholt nicht bezahlt werden, wenn Termine plötzlich ständig notiert werden müssen, obwohl das früher nicht nötig war. Oder wenn dieselben Fragen immer wieder gestellt werden, obwohl sie bereits beantwortet wurden.
Auffällig können auch häufige Wortfindungsprobleme sein. Nicht das gelegentliche Wie heißt das noch einmal?, sondern wenn Sätze regelmäßig abreißen oder nicht mehr sinnvoll zu Ende geführt werden können. Auch Veränderungen im sozialen Verhalten können ein Signal sein: Manche Menschen ziehen sich zurück, weil ihnen Gespräche in größeren Runden schwerfallen oder weil sie merken, dass sie leichter den Faden verlieren – und das kann dann aus Scham in soziale Isolation führen.
Medizinisch gesprochen ist eine Demenz vor allem dadurch definiert, dass Gedächtnisprobleme über einen längeren Zeitraum bestehen und es zu Einschränkungen im Alltag kommt. Dabei unterscheidet man zwischen komplexeren Alltagsaktivitäten wie Einkaufen, Telefonieren, Medikation richtig einteilen und einnehmen oder Haushaltsführung – und grundlegenden Tätigkeiten wie Körperpflege, Anziehen oder Essen. Wenn zuerst die komplexeren Dinge schwerer werden, kann das eher ein frühes Stadium sein; wenn bereits grundlegende Tätigkeiten betroffen sind, spricht das eher für ein fortgeschritteneres Stadium.
Wichtig ist: Auch wenn die formalen Diagnosekriterien oft von mindestens sechs Monaten sprechen, muss niemand so lange warten. Wenn Angehörige oder Betroffene schon nach wenigen Monaten deutliche Veränderungen bemerken, ist eine frühzeitige Abklärung sinnvoll – beim Hausarzt, bei einer Neurologin oder einem Neurologen oder in einer Gedächtnisambulanz. Denn es muss nicht immer eine Demenz sein: Es gibt auch behandelbare Ursachen für Gedächtnisprobleme, zum Beispiel eine ausgeprägte Schilddrüsenunterfunktion oder andere medizinische Gründe. Gerade deshalb lohnt es sich, früh hinzuschauen – nicht aus Panik, sondern um Klarheit und die richtige Behandlung zu erhalten.
SBC: Was mache ich als pflegende Angehörige, wenn sich mögliche Betroffene nicht abklären lassen wollen? Wie kann ich hier vorgehen?
Dr. Silvaieh: Wenn eine betroffene Person sich nicht abklären lassen will, liegt das oft nicht an Sturheit, sondern an Scham, Angst und daran, dass Krankheitseinsicht nicht immer vorhanden ist. In solchen Situationen hilft es meist nicht, Druck zu machen oder sofort mit dem Wort Demenz zu kommen. Sinnvoller ist es, den Einstieg niedrigschwellig zu gestalten: Nicht über eine Diagnose sprechen, sondern über eine Abklärung, ob es einen behandelbaren Grund für die Gedächtnisveränderungen gibt. Viele Ursachen sind tatsächlich therapierbar oder zumindest gut beeinflussbar, zum Beispiel Diabetes, Schilddrüsenprobleme, Vitamin-B12-Mangel, Medikamentennebenwirkungen oder auch andere medizinische Auslöser. Diese Perspektive nimmt oft Angst heraus und erhöht die Bereitschaft, den ersten Schritt zu gehen.
Manchmal kann auch ein sehr konkretes, persönliches Motiv helfen, um jemanden zur Abklärung zu bewegen – etwa der Wunsch, weiterhin sicher Auto fahren zu dürfen. Entscheidend ist, herauszufinden, was der Person wichtig ist, und daran anzuknüpfen. Das ist sehr individuell.
Praktisch hat sich bewährt, klein anzufangen und an bestehendes Vertrauen anzuknüpfen: Zunächst zur Hausärztin oder zum Hausarzt, wo eine Blutabnahme, ein Medikamentencheck und ein kurzer Gedächtnistest möglich sind. Lassen Sie sich idealerweise von einer Begleitperson begleiten, die die Veränderungen aus dem Alltag schildern kann. Denn die Eigenwahrnehmung und die Sicht von Angehörigen unterscheiden sich oft.
Bei Auffälligkeiten folgt üblicherweise die Überweisung zur Neurologie oder in eine Gedächtnisambulanz. Dort wird eine Basisdiagnostik durchgeführt, die vor allem andere Ursachen ausschließen soll. Dazu gehört meist eine MRT-Untersuchung des Kopfes, um zum Beispiel unbemerkte Schlaganfälle, andere strukturelle Ursachen oder seltenere Auslöser abzuklären. Außerdem wird eine ausführliche neuropsychologische Testung gemacht. Je nach Ergebnis kann anschließend eine weiterführende Feindiagnostik folgen, etwa durch spezielle Untersuchungen, um eine Alzheimer-Erkrankung genauer zu bestätigen. Parallel dazu können dann passende Therapien und Unterstützungen eingeleitet werden.
SBC: Es gibt inzwischen Bluttests, die Hinweise auf eine Alzheimer-Erkrankung liefern können. Wie funktioniert so ein Test in der Praxis und wo kann ich ihn durchführen lassen?
Dr. Silvaieh: Bluttests zur Abklärung von Alzheimer gelten derzeit als eine der spannendsten Entwicklungen in der Diagnostik. Bei der Alzheimer-Erkrankung lagern sich bestimmte Eiweiße – vor allem Amyloid und Tau – im Gehirn ab. Biomarker können Hinweise auf diese krankheitstypischen Veränderungen geben. Bisher wurden solche Veränderungen vor allem über ein Amyloid-PET oder über die Untersuchung der Gehirnflüssigkeit nachgewiesen. (Anmerkung: Ein PET ist eine Positronen-Emissions-Tomografie, mit der Veränderungen im Gehirn – wie z.B. Amyloid-Ablagerungen bei Alzheimer – sichtbar gemacht werden können.) Ein herkömmliches MRT kann zwar Hinweise auf fortgeschrittenere Veränderungen geben, gerade in frühen Stadien aber noch unauffällig sein. Ein unauffälliges MRT schließt eine frühe Alzheimer-Erkrankung daher nicht aus.
Blutbasierte Biomarker bedeuten daher einen wichtigen Fortschritt. Sie werden derzeit vor allem als ergänzender Baustein gesehen – insbesondere bei Menschen, bei denen bereits erste Gedächtnisveränderungen oder andere Auffälligkeiten bestehen. Entscheidend ist jedoch, dass solche Tests fachärztlich eingeordnet und in eine umfassende Diagnostik eingebettet werden.
Von einer selbst organisierten Testung ohne medizinische Begleitung wird derzeit abgeraten. Gerade bei gesunden Personen lassen sich die Ergebnisse oft nicht eindeutig interpretieren, was eher zu Verunsicherung als zu Klarheit führen kann. Die aktuelle Empfehlung lautet daher: Bluttests können künftig eine wichtige Rolle spielen, sollten derzeit aber gezielt und im Rahmen einer medizinischen Abklärung eingesetzt werden.
SBC: Nach einer Abklärung – welche Medikamente können im Alltag helfen und wie wirken diese?
Dr. Silvaieh: Langfristig ist bei der Alzheimer-Demenz ein bestimmter Botenstoff im Gehirn wichtig: Acetylcholin. Er unterstützt unser Gedächtnis und Denken. Viele Medikamente, die bei Alzheimer eingesetzt werden, haben genau ein Ziel: Sie sollen dafür sorgen, dass das Acetylcholin langsamer abgebaut wird, damit dem Gehirn länger mehr davon zur Verfügung steht.
In der Praxis gibt es aber manchmal einen Haken: Manche Medikamente wirken genau in die andere Richtung. Sie werden anticholinerg genannt und können auf Dauer die Gedächtnisleistung verschlechtern. Das betrifft besonders häufig Mittel gegen Blasenschwäche oder eine überaktive Blase, kommt aber auch bei bestimmten Allergiemedikamenten und bei manchen Antidepressiva vor.
Viele Menschen nehmen im Laufe der Zeit sehr viele Medikamente gleichzeitig ein. In der Gedächtnis-Ambulanz sehen wir häufig Listen mit zwölf oder dreizehn Präparaten. Nicht immer wird im Detail geprüft, ob es Wechselwirkungen gibt oder ob ein Medikament das Gedächtnis zusätzlich belastet. Deshalb kann es sehr hilfreich sein, die gesamte Medikation regelmäßig zu sortieren: Was ist wirklich nötig, wofür wird es genommen, und wo kann man vereinfachen oder besser abstimmen? Wichtig ist vor allem, dass man die Liste der Medikamente bewusst anschaut und auf Wechselwirkungen überprüft.
Und unabhängig davon bleiben auch im Falle einer Diagnose die bekannten Stellschrauben wichtig: Blutdruck und Cholesterin gut einstellen, Übergewicht reduzieren, nicht rauchen, Alkohol möglichst gering halten, Hör- und Sehprobleme ausgleichen, Depressionen behandeln lassen und geistig sowie sozial aktiv bleiben. Auch Schutz vor Kopfverletzungen spielt eine Rolle, etwa durch das Tragen eines Helms beim Radfahren. Selbst Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung werden inzwischen als möglicher Einfluss diskutiert.
SBC: Neben der Frage, ob bereits eine Demenz vorliegt, wird in Medienberichten auch über Gentests berichtet, die auf ein erhöhtes Risiko für eine spätere Demenz-Erkrankung hinweisen sollen. Wie ist dazu der aktuelle Wissensstand, wie belastbar sind solche Tests und wo kommen sie in der Praxis zum Einsatz?
Dr. Silvaieh: Solche Tests sind keine einfache Vorsorge wie ein Blutbild – und sie werden nicht dafür eingesetzt, gesunde Menschen allein aus Sorge heraus zu testen. Was in der Praxis gut und sinnvoll möglich ist, ist eine Abklärung, wenn es konkrete Veränderungen gibt oder wenn es in der Familie sehr frühe Erkrankungen gab. Denn viele Demenzen werden gar nicht oder erst spät diagnostiziert, und nicht alle Betroffenen scheinen in Statistiken auf. Umso wichtiger ist ein klarer, pragmatischer Weg zur Abklärung.
Wenn es in Ihrer Familie eine Demenz gab und sie sehr früh begonnen hat – als Orientierung: vor 65 – , kann das Risiko für eine seltene, genetisch bedingte Form höher sein. Diese erblichen Alzheimer-Formen treten insgesamt selten und oft sehr früh auf – teils schon im Alter um die 40. In so einem Fall wird üblicherweise zuerst die betroffene Person – z. B. die Mutter – genetisch getestet. Nur wenn dort tatsächlich eine entsprechende Genveränderung gefunden wird, kann man überhaupt darüber sprechen, ob sich ein gesundes Familienmitglied testen lassen möchte. Das ist jedoch kein normaler Test, sondern ein sensibler Prozess mit verpflichtender Beratung und psychologischer Begleitung, weil das Ergebnis die Lebensplanung stark beeinflussen kann.
Wenn bei der betroffenen Person kein genetischer Befund vorliegt, wird ein Gentest bei gesunden Angehörigen in der Regel nicht durchgeführt. Und wenn Sie nur Sorge haben, ohne eigene Symptome, ist ein Gentest im klinischen Setting ebenfalls nicht vorgesehen.
Was bedeutet das konkret, wenn Sie so einen Test möchten? Der beste erste Schritt ist meist die Hausärztin oder der Hausarzt. Wenn es nach der ersten Basisuntersuchung Hinweise gibt, kann eine gezielte Überweisung erfolgen, etwa zur Neurologie oder in eine Gedächtnisambulanz. Dort wird dann je nach Situation entschieden, welche Untersuchungen sinnvoll sind. Bluttests können dabei eine Rolle spielen, aber in der Regel sind diese eingebettet in eine ärztliche Abklärung – und nicht als Schnelltest ohne Kontext.
SBC: Herr Schönborn, Sie begleiten als Geschäftsführer von PROMENZ betroffene Menschen und pflegende Angehörige. Demenzen sind am Vormarsch: Was wäre Ihrer Meinung nach der nächste Schritt, um diesen Menschen zu helfen?
Schönborn: Aktuell fehlt zwischen der Botschaft – du kannst etwas tun – und der Realität die Übersetzung: Es wird zunehmend betont, dass Prävention möglich ist und dass man Einfluss nehmen kann. Aber gleichzeitig fehlen vielerorts niederschwellige Angebote, die Menschen früh adressieren, aufklären und fördern.
Genau hier setzen Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen an: Sie ermöglichen schnelle Unterstützung, entlasten, helfen beim Einordnen und schaffen Räume, in denen offen gesprochen werden kann. Wenn wir wollen, dass Diagnosen früher gestellt werden, braucht es deshalb nicht nur Information, sondern auch Haltung, Sprache – und gut erreichbare Strukturen, die Betroffene nicht zurücklassen.
Herzlichen Dank für das Interview!
Der nächste Online-Talk gemeinsam mit Raphael Schönborn und Dr. Silvia Silvaieh findet am Welt-Alzheimertag am 21.09.2026 17-18.30 Uhr statt. Thema: Fortschritte bei Prävention, Früherkennung und Therapie – Hoffnungen, Chancen & Fakten. Die Anmeldung ist hier möglich: https://kompetenzdemenz.at/weltalzheimertag/
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin













