Gemeinschaftliche Wohnformen klingen für viele erst einmal nach einer schönen Idee: Weniger Einsamkeit, mehr Miteinander, gegenseitige Unterstützung. In einer alternden Gesellschaft, in der Wohnraum knapper und klassische Familienstrukturen brüchiger werden, wirken solche Modelle fast wie eine logische Antwort auf viele Probleme zugleich. Aber zwischen einer guten Idee und einem tragfähigen Projekt liegt oft ein langer Weg.
Wir haben mit Karin Demming, Mitgründerin von der Matching-Plattform bring-together.de, darüber gesprochen, warum gutes Matching weit mehr ist als ein nettes Kennenlernen, weshalb Projekte oft nicht am Geld, sondern an der Kommunikation scheitern – und worauf Menschen besonders achten sollten, wenn sie gemeinschaftliches Wohnen im In- oder Ausland ernsthaft in Betracht ziehen.
„Eher Parship als Tinder“
Die GründerInnen von bring-together bringen seit vielen Jahren Menschen mit passenden Wohnprojekten im In- und Ausland zusammen. „Entstanden ist die digitale Plattform aus der Beobachtung, dass es rund um gemeinschaftliches Wohnen lange viele Vorurteile, aber wenig Orientierung gab. Die Projekte dauerten oft sehr lange in der Entwicklung, viele Unsicherheiten verzögerten das Gründen und den Aufbau. Zuerst haben wir darüber in einem Online-Magazin geschrieben, später daraus eine Matching-Plattform entwickelt. Heute unterstützen wir auf mehreren Ebenen: Mit Information, Aufklärung, Workshops und dem Matching, und auch mit Angeboten, die Menschen helfen, vom Ich ins wir zu kommen oder eine gemeinsame Vision als Gruppe zu entwickeln“, erklärt Karin Demming.
Gemeinschaftliches Wohnen bedeutet eben nicht einfach, dass ein paar Menschen nett zusammenziehen. Es geht um Lebensweisen, Werte, das Bedürfnis von Nähe und Distanz, um Alltag. Demmings Vergleich ist daher ebenso treffend wie einleuchtend: „Wir sind eher Parship als Tinder.“ Es gehe eben um langfristige Beziehungen und nicht um schnelle Entscheidungen.
Genau deshalb müssen NutzerInnen der Plattform bring-together.de auch so einiges ausfüllen, wenn sie ein Profil anlegen. Das ist, so Demming, nicht nur für den Abgleich wichtig, sondern auch für die Selbstreflexion: Wie viel Gemeinschaft möchte ich überhaupt? Wieviel Raum brauche ich? Wie viel Rückzug brauche ich? Welche Lebensweise passt zu mir?
Warum Matching mehr ist als Sympathie
Was macht also ein gutes Matching aus? Das bedeutet nicht, dass alle BewohnerInnen die gleichen Hobbies haben, sie sollten schon gleich ticken – also die Basis sollte stimmen. Denn entscheidend ist vielmehr, dass „der Wertekanon gleich schwingen sollte“. Die grundlegende Haltung zum Zusammenleben sollte passen. Gematcht wird deshalb auf mehreren Ebenen: Nach persönlichen Bedürfnissen, Lebensweisen, Ernährung, Raumempfinden und dem gewünschten Maß an Privatsphäre. Für manche reicht ein kleines Zimmer mit viel Gemeinschaftsfläche, andere brauchen mehr Rückzug. Genau solche Unterschiede müssen früh sichtbar werden.
Der Bedarf für dieses Matching ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Dahinter steht eine ernste Beobachtung: Viele Menschen suchen heute nicht nur eine neue Wohnform, sondern auch einen Gegenentwurf zu Einsamkeit, Vereinzelung und einem Lebensmodell, das zu lange auf „höher, schneller, weiter“ gesetzt hat. Gemeinschaftliches Wohnen ist, so Demming, nicht die Komplettlösung für alle gesellschaftlichen Herausforderungen – aber für viele zumindest ein Teil der Lösung. Demming: „Solidarität, Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung gewinnen wieder deutlich an Bedeutung.“
Damit stieg auch der Bedarf an der professionellen Begleitung dieser Projekte. Dass Projekte schiefgehen, hat aus Demmings Sicht oft andere Gründe als viele zunächst vermuten würden. „Es scheitert meistens an der Kommunikation und nicht an den Finanzen“, sagt sie sinngemäß. Geld spielt natürlich eine Rolle, aber oft wird viel zu spät offen darüber gesprochen. Zu Beginn gibt es oft eine begeisterte Kerngruppe, gut besuchte Info-Veranstaltungen, viel Aufmerksamkeit und Interesse an den Projekten. Und irgendwann kommt der Moment, an dem klar wird, was jede Person persönlich und finanziell einbringen muss, um das Projekt finanzieren und umsetzen zu können. An diesem Punkt springen plötzlich viele Interessierte wieder ab. „Genau das ließe sich oft vermeiden, wenn die Erwartungen und Kosten von Anfang an transparent auf dem Tisch lägen“, erklärt Demming.
Hinzu kommt: Viele starten in das Gemeinschaftswohnen mit einer romantischen Vorstellung. Wir ziehen zusammen, das wird schon. Doch wo Menschen zusammenleben, entstehen Konflikte – und wenn mehrere Menschen zusammenkommen oft nicht weniger, sondern mehr als in einer Paarbeziehung. Das gilt auch, wenn mit FreundInnen geplant wird: Gerade wenn Menschen einander schon lange kennen, kommen oft alte Dynamiken, unausgesprochene Erwartungen und unterschiedliche Vorstellungen mit ins Spiel. Was anfangs nach Nähe und Vertrautheit klingt, kann später Konflikte verstärken.
Demming rät daher, sich Unterstützung zu holen: „Das kann bei der Finanzierung beginnen, bei der Entwicklung einer gemeinsamen Vision weitergehen und bis zur Frage reichen, wie Entscheidungen in einer Gruppe überhaupt getroffen werden sollen. Manche Projekte holen sich eine professionelle Begleitung erst dann, wenn die Situation bereits eskaliert ist. Eine gute Starthilfe und eine laufende Pflege der Gemeinschaft sind entscheidend, damit diese Fehler gar nicht erst entstehen und auch schwelende Konflikte nicht eskalieren.“
Denn es geht nicht nur darum, Konflikte zu lösen, wenn sie bereits da sind, sondern Strukturen aufzubauen, die Konflikte möglichst früh auffangen können. Deshalb arbeiten viele Projekte mittlerweile von Anfang an mit externer Beratung, Mediation oder regelmäßiger Prozessbegleitung. Gemeinschaft entsteht eben nicht allein aus guter Stimmung, sondern auch aus Klarheit, Verbindlichkeit und der Bereitschaft, sich mit schwierigen Fragen rechtzeitig auseinanderzusetzen. Unterstützung für gemeinschaftliche Wohnformen ist am Markt bereits in unterschiedlichen Bereichen vorhanden. Neben der Möglichkeit des Matchings, also dem Zusammenbringen von Gleichgesinnten, und der Prozessbegleitung haben sich inzwischen auch weitere Professionen auf diese Wohnform spezialisiert – etwa in den Feldern Finanzierung, Architektur und Mediation.
Gemeinschaft braucht auch Schutz
Gemeinschaftliches Wohnen lebt von Offenheit, Vertrauen und dem Wunsch, Dinge gemeinsam zu gestalten. Gerade deshalb braucht es aber auch Schutz. Karin Demming rät dazu, nicht zu blauäugig in Gemeinschafts-Projekte hineinzugehen – egal, ob sie im eigenen Land oder im Ausland entstehen. Wo Gemeinschaft, Sinnsuche und alternative Lebensformen attraktiv werden, tauchen auch Projekte oder Gruppierungen auf, bei denen man genau hinschauen sollte: „Achten Sie darauf, dass es keine Guru-Strukturen oder andere Gruppierungen sind, die mit ihren Weltanschauungen nichts zu tun haben.“
Wo große Versprechen gemacht werden, sollte man genau hinsehen: Wer steht hinter dem Projekt? Wie ist es finanziert? Gibt es klare Strukturen, nachvollziehbare Entscheidungen und eine tragfähige Organisation? Sind die Finanzierungsströme nachvollziehbar und die Summen gerechtfertigt? Denn auch wenn problematische Projekte nicht die Regel sind, gibt es sie. Umso wichtiger ist es, romantische Vorstellungen nicht mit Realität zu verwechseln. Demming: „Es ist wichtig, Projekte zu prüfen, eine klare Haltung zu haben und notfalls Konzepte auch abzulehnen.“
Aus ihrer Sicht ist gute Begleitung deshalb kein Luxus, sondern ein Qualitätskriterium. Gerade weil die Szene vielfältig ist – die Projekte reichen von spirituell bis pragmatisch, von sehr christlich bis sehr alternativ –, braucht es Aufmerksamkeit für die Nuancen. Demming: „Eine Plattform wie unsere kann nie für alles verantwortlich sein. Aber wir setzen Standards, sehen uns die Projekte genau an und können die Community für Qualität sensibilisieren.“
Wohnen im Ausland: Sehnsucht alleine reicht nicht
Besonders spannend wird es dort, wo gemeinschaftliches Wohnen mit dem Wunsch nach einem Leben im Ausland zusammenkommt. Im Alter in Italien, Spanien oder Frankreich zu leben klingt verlockend. Karin Demming rät aber davon ab, nur der Sehnsucht zu folgen. Entscheidend ist zunächst die Frage: Schließe ich mich einem bestehenden Projekt an – oder will ich selbst eines initiieren? Wer in ein bestehendes Projekt geht, sollte besonders auf Seriosität achten und den Hintergrund prüfen. Wer selbst gründet, muss sich zuerst sehr nüchtern mit den rechtlichen und baulichen Rahmenbedingungen des Landes auseinandersetzen. Baurecht, Eigentumsfragen, Finanzierung – das alles kommt noch vor der eigentlichen Gemeinschaftsfrage. Wer sich in dem betreffenden Land damit nicht auskennt, kann auch „ganz schnell mal über den Tisch gezogen werden“.
Auch günstige Immobilien im Süden sind aus ihrer Sicht kein Selbstläufer. Sie wirken charmant, sollten aber sehr genau geprüft werden. Ein tragfähiges Projekt braucht im Ausland deshalb nicht nur menschlich zusammenpassende Personen, sondern möglichst auch ergänzende Kompetenzen in der Gruppe – etwa zu Recht, Bau, Technik oder Organisation. Genau das sei „die halbe Miete.“ Dazu kommt: Sprache und Integration vor Ort sind keine Nebensache. Wer als geschlossene Gruppe auftritt und sich vom Umfeld abschottet, wird schnell als Fremdkörper wahrgenommen. Besser ist es, so Demming, auf Kontakt, Offenheit und Einbindung zu setzen.
Wo die Chancen liegen
Im Gemeinschaftswohnen sieht Karin Demming große Chancen – besonders für den ländlichen Raum. Dort gibt es vielerorts Leerstand, alte Höfe, große Häuser und eine spürbare demografische Schieflage. Demming: „In Regionen können gemeinschaftliche Wohnprojekte neue Lebendigkeit und neue Perspektiven schaffen. Solche Projekte haben oft einen Leuchtturmeffekt – vor allem dann, wenn sie die Menschen vor Ort mit einbeziehen.“ Sie erzählt von Ideen rund um alte Höfe, solidarische Landwirtschaft oder Orten, an denen wieder neue Formen von Alltag und Unterstützung entstehen.
Gleichzeitig stößt das dort an Grenzen, wo die Infrastruktur bereits weitgehend weggebrochen ist: Wo es kein Internet, keinen Nahversorger und keinen Bankomaten mehr gibt, wird auch die Umsetzung von Gemeinschaftsprojekten deutlich schwieriger – etwa bei der Suche nach den passenden Menschen dafür.
Karin Demming erzählt, dass inzwischen immer mehr Menschen über Modelle wie „Wohnen gegen Hilfe“ oder gemeinsames Wohnen im Einfamilienhaus nachdenken. Wenn Kinder ausgezogen sind und ein Haus zu groß wird, entstehen neue Fragen: Könnte man jemand aufnehmen? Eine junge Familie, eine Alleinerziehende, jemanden, der hilft? Solche Überlegungen nehmen aus ihrer Sicht zu, auch wenn sie bei vielen noch von Ängsten begleitet werden: Vor Störung und Lärm, vor Unordnung, vor dem Verlust von Gewohnheit.
Klarheit vor Harmonie
Das vielleicht wichtigste Learning aus diesem Gespräch: Dass gemeinschaftliches Wohnen weder romantisiert noch klein geredet werden sollte. Es kann viel ermöglichen: Weniger Einsamkeit, mehr gegenseitige Unterstützung, neue Formen von Alltag – gerade in einer alternden Gesellschaft braucht es neue Wohnformen. Aber es braucht dafür mehr als gute Absichten: Es braucht passende Menschen und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen.
Sie wollen mehr über Gemeinschaftswohnen erfahren? Hier geht’s zur Plattform bring-together.de – dem Matching mit Wohnprojekten im In- und Ausland
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin














