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Sorgende Gemeinschaften: Wie Unterstützung vor Ort gelingen kann

Unsere Interviewpartnerin: Christine Freymuth, Expertin für gemeinwesenorientierte SeniorInnenarbeit im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA)

Unsere Interviewpartnerin: Christine Freymuth, Expertin für gemeinwesenorientierte SeniorInnenarbeit im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA)

Etwa 85% der Menschen mit Unterstützungsbedarf werden in Deutschland und Österreich zu Hause alt. Wie wir in Zukunft gut älter werden, hängt also nicht nur von Pflegeplätzen, Pflege-Diensten oder politischen Reformen ab. Weit seltener gestellt, aber nicht weniger wichtig ist die Frage, wie Unterstützung im Alltag so organisiert werden kann, dass diese Menschen möglichst lange gut und sicher in ihrem gewohnten Umfeld leben können. Mit verlässlichen Hilfen, sozialer Einbindung und Entlastung für Angehörige. Es geht also darum, ob Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird: Vor Ort.

Genau an diesem Punkt setzt die Idee der Caring Communities an. Sie richtet den Blick auf das, was zwischen professioneller Versorgung, Familie, Nachbarschaft und Gemeinde entstehen kann – wenn die Unterstützung gut koordiniert ist und niemand mit Pflege-Belastungen alleine bleibt. Doch wie kann das in der Praxis gelingen? Was brauchen diese sorgenden Gemeinschaften, damit sie nicht nur auf dem Papier gut klingen, sondern im Alltag wirklich tragen? Und welche Verantwortung haben dabei Kommunen, soziale Dienste, Politik und Zivilgesellschaft?

Darüber haben wir mit Christine Freymuth gesprochen: Sie ist Projektleiterin für die Integrierte Altenhilfe- und Pflegeplanung in Nordrhein-Westfalen (NRW), ausgewiesene Expertin für gemeinwesenorientierte SeniorInnenarbeit und leitet zudem das Forum Seniorenarbeit NRW.

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Im Interview geht es darum, was Caring Communities leisten können und welche Voraussetzungen es braucht, um nachhaltig tragfähige Strukturen aufzubauen. Ein Gespräch über Pflege und Teilhabe – neu gedacht.

Caring Communities - sorgende Gemeinschaften - tragen Sorge, Unterstützung und Teilhabe vor Ort gemeinsam. Credit: Shutterstock
Caring Communities - sorgende Gemeinschaften - tragen Sorge, Unterstützung und Teilhabe vor Ort gemeinsam. Credit: Shutterstock
SBC: Sie haben kürzlich einen Fachtag zum Thema Caring Communities veranstaltet: Was versteht man unter „Caring Communities“ – welche Elemente machen eine Caring Community im Kern aus?

Freymuth: Caring Communities, also sorgende Gemeinschaften, sind kein einzelnes Projekt und keine feststehende Maßnahme. Gemeint ist vielmehr ein Leitbild dafür, wie Sorge, Unterstützung und Teilhabe vor Ort gemeinsam getragen werden können. Es geht also nicht darum, Verantwortung entweder dem Staat, den Familien oder professionellen Diensten zuzuschieben, sondern darum, das Zusammenspiel von Kommune, Zivilgesellschaft, Nachbarschaften, Initiativen und professionellen Angeboten bewusst zu gestalten.

Im Kern gehören dazu sechs Elemente: Erstens ein breites Verständnis von Sorge, das über Pflege hinausgeht und das gute Leben im Gemeinwesen insgesamt in den Blick nimmt. Zweitens geteilte Verantwortung im Zusammenspiel von informeller Unterstützung, freiwilligem Engagement und professionellen Angeboten. Drittens ein klarer Bezug zum Sozialraum, denn sorgende Gemeinschaften entstehen immer an konkreten Orten. Viertens Partizipation und Mitgestaltung statt bloßer Versorgung. Fünftens verlässliche Strukturen, Koordination und Ressourcen. Und sechstens die klare Grenze, dass professionelle Pflege ergänzt, aber nicht ersetzt werden kann.

Kurz gesagt: Caring Communities stehen für eine lokale Sorgepraxis, die Teilhabe stärkt, Unterstützung frühzeitig organisiert und Verantwortung gemeinschaftlich trägt – öffentlich gerahmt, aber nah an den Lebenswelten der Menschen.

SBC: Die professionellen Pflege- und Versorgungsstrukturen geraten durch Finanzierungs- und Fachkräftemangel zunehmend unter Druck. Welche Rolle können Caring Communities aus Ihrer Sicht künftig übernehmen – und wo liegen ihre Grenzen?

Freymuth: Caring Communities können künftig vor allem dort eine wichtige Rolle übernehmen, wo Unterstützung im Alltag, soziale Einbindung und Orientierung im Hilfesystem gebraucht werden. Ihr Potenzial liegt darin, Menschen früher zu erreichen, Einsamkeit entgegenzuwirken, An- und Zugehörige zu entlasten und Brücken zwischen Beratung, Pflege, sozialer Unterstützung und dem Leben vor Ort zu schaffen. Gerade im Vor- und Umfeld von Pflege können sie also stabilisieren, vernetzen und Versorgung verlässlicher machen.

Ihre Grenzen sind aber ebenso klar. Caring Communities dürfen weder als Sparmodell missverstanden werden noch als Ersatz für professionelle Versorgung. Der Staat bleibt verantwortlich dafür, tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen, und professionelle Pflege bleibt dort unverzichtbar, wo Fachlichkeit, Verantwortung und Qualitätssicherung notwendig sind. Wo diese Grenzen verwischt werden, drohen Überforderung, soziale Ungleichheit und eine Verlagerung von Verantwortung in private Räume.

SBC: Die Einsatzmöglichkeiten von Caring Communities klingen sehr vielfältig. Wo liegt aus Ihrer Sicht derzeit der größte Hebel?

Freymuth: Den größten Hebel sehe ich in einer gut koordinierten Unterstützung vor Ort. Denn genau dort verbinden sich mehrere entscheidende Wirkungen: Menschen finden früher passende Hilfen, Übergänge zwischen Krankenhaus, Beratung, Pflege und Zuhause werden verlässlicher, und Angehörige sowie nahestehende Personen werden entlastet. Wenn es feste Ansprechpersonen, klare Informationen und gut abgestimmte Angebote gibt, lassen sich Versorgungslücken oft vermeiden, bevor sie zu Krisen werden.

Darin steckt aber mehr als Organisation. Es geht auch um eine andere Sorgekultur: Darum, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf möglichst lange selbstbestimmt in ihrem vertrauten Umfeld leben können und dass Hilfe nicht erst dann greift, wenn Überforderung schon eingetreten ist. Prävention gehört deshalb ausdrücklich dazu – also soziale Einbindung zu stärken, Einsamkeit vorzubeugen, Bedarfe frühzeitig sichtbar zu machen und Menschen darin zu unterstützen, das zu tun, was sie für sich selbst und für andere tun können.

Deshalb würde ich sagen: Der größte Hebel liegt in einer koordinierten, präventiven und teilhabeorientierten Unterstützung vor Ort.

SBC: Wenn man auf Deutschland und Österreich blickt, wirken professionelle Strukturen stark reguliert (Qualitätssicherung, Vorgaben, Dokumentation) – gleichzeitig wächst ein informeller Bereich, der schwer zu überblicken ist. Wo stehen wir Ihrer Einschätzung nach aktuell?

Freymuth: Wir stehen in einer anspruchsvollen und spannungsreichen Ausgangslage. Auf der einen Seite gibt es stark regulierte professionelle Strukturen, und das aus gutem Grund: Pflege ist eine fachlich anspruchsvolle und verantwortungsintensive Aufgabe. Gerade deshalb müssen professionelle Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie wirklich unverzichtbar sind. Auf der anderen Seite reicht das formelle System vielerorts schon heute nicht mehr aus, um die wachsenden Bedarfe verlässlich abzudecken.

Gleichzeitig ist der informelle Bereich enorm groß und schon jetzt tragend. Angehörige, Freundeskreise, Nachbarschaften und andere nahestehende Personen leisten einen erheblichen Teil der Unterstützung. Ohne diese informelle Sorge würde das System längst nicht mehr funktionieren. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob professionell oder informell, sondern wie dieses Zusammenspiel fair, verlässlich und tragfähig gestaltet werden kann.

Ich würde daraus allerdings nicht ableiten, den informellen Bereich immer stärker zu regulieren. Wichtiger sind Qualifizierung, Begleitung, Beratung und verlässliche Koordinationsstrukturen. Menschen, die Sorge übernehmen, brauchen Orientierung, fachliche Unterstützung und Anlaufstellen, die nicht erst im Krisenfall erreichbar sind. Die zentrale Zukunftsfrage lautet deshalb: Wie können professionelle Verantwortung, informelle Sorge und kommunale Infrastruktur so zusammenwirken, dass niemand überfordert wird und Unterstützung verlässlich bleibt.

SBC: Welche Entwicklungen sehen sie besonders kritisch, wenn man die nächsten fünf Jahre betrachtet?

Freymuth: Besonders kritisch sehe ich, dass wir noch immer so handeln, als ließe sich Versorgungssicherheit in Pflege und Unterstützung mit den bisherigen Strukturen einfach fortschreiben. Das wird nicht funktionieren. Die Bedarfe steigen, der Fachkräftemangel verschärft sich, familiäre Sorgearrangements werden fragiler und die sozialen Sicherungssysteme geraten zunehmend unter Druck. Wenn wir hier nicht umsteuern, werden Versorgungslücken größer und Verantwortung verlagert sich stillschweigend in private Lebensbereiche.

Kritisch ist daran nicht nur die fachliche, sondern auch die gesellschaftliche Dimension. Wenn Menschen das Vertrauen verlieren, im Fall von Hilfe- oder Pflegebedarf verlässlich unterstützt zu werden, berührt das den gesellschaftlichen Zusammenhalt sehr direkt. Deshalb braucht es jetzt einen realistischen Blick: Weder Beschwichtigung noch Alarmismus, sondern eine ehrliche Benennung von Risiken und zugleich den Mut, Handlungsspielräume zu eröffnen.

Ein ‚Wir schaffen das‘ ist möglich – aber nicht, wenn wir weitermachen wie bisher. Es braucht ein anderes Verständnis von Sorge, mehr abgestimmte Verantwortung und politische Rahmenbedingungen, die Versorgung vor Ort verlässlich sichern.

SBC: Sie thematisieren, dass immer weniger Menschen für die informelle Pflege und Unterstützung zur Verfügung stehen, während der Bedarf steigt. Auf welche Zielgruppen verschiebt sich die Belastung konkret – und wer trägt sie heute schon?

Freymuth: Die Belastung verschiebt sich nicht auf eine einzige Gruppe, sondern auf mehrere Ebenen gleichzeitig. Einen großen Teil tragen schon heute Angehörige und andere nahestehende Personen, die im Alltag unterstützen und häufig zusätzlich die Orientierung im Hilfesystem übernehmen. Gleichzeitig wird diese Form der Unterstützung fragiler – durch demografische Veränderungen, Erwerbstätigkeit, Mobiliät und veränderte Familienstrukturen.

Besonders deutlich zeigt sich der Druck bei älteren Menschen mit Unterstützungsbedarf vor allem dann, wenn sie allein leben und keine tragfähigen Netze im nahen Umfeld vorhanden sind. Gleichzeitig geraten Kommunen stärker unter Druck, weil sie Versorgungssicherheit, Beratung, Koordination und soziale Infrastruktur vor Ort sichern sollen – oft bei begrenzten finanziellen und strukturellen Spielräumen.

Hinzu kommt eine soziale Schieflage: Zusätzliche Unterstützung, Selbstorganisation und gute Zugänge zu Hilfen sind ungleich verteilt. Wenn wir über Belastungsverschiebung sprechen, geht es deshalb nicht nur um mehr Last, sondern auch um die Gefahr, dass sie sozial ungleicher getragen wird

SBC: Was braucht es Ihrer Meinung nach politisch und organisatorisch? Welche Forderungen oder Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit Caring Communities funktionieren können?

Freymuth: Politisch braucht es vor allem klare öffentliche Verantwortung. Sorgende Gemeinschaften funktionieren nicht von selbst und dürfen nicht als Sparformel missverstanden werden. Sie brauchen verlässliche Finanzierung, fachliche Begleitung und institutionelle Absicherung. Caring Communities bedeuten deshalb keinen Rückzug des Staates, sondern eher einen Staat, der seine Rolle als Garant, Rahmensetzer und Strukturgeber ernst nimmt.

Auf Bundes- und Länderebene heißt das: Tragfähige rechtliche, institutionelle und finanzielle Grundlagen schaffen, damit integrierte Ansätze nicht auf Modellprojekte begrenzt bleiben. Dazu gehört auch, Altenhilfe und Seniorenarbeit deutlich stärker als eigenständige Infrastruktur des Sozialraums zu verstehen und zu fördern.

Für die Kommunen liegt der Hebel in der sozialen Infrastruktur vor Ort: Integrierte Pflege- und Sozialplanung, feste Ansprechpersonen, niedrigschwellige Beratung, sichtbare Informationen, gute Netzwerke und öffentliche Orte der Begegnung. Zentral ist außerdem, Zuständigkeitssilos zu überwinden und Angebote so zu verbinden, dass Menschen nicht selbst mühsam zwischen Systemen navigieren müssen.

Die Zivilgesellschaft kann Beziehungen stiften, Teilhabe ermöglichen, Selbstorganisation stärken und lokale Netze tragen. Ihr Beitrag ist wichtig – aber er darf nicht zur Pflicht werden und keine professionelle Verantwortung ersetzen.

SBC: Gibt es Modelle oder Beispiele aus der Praxis, die Sie für besonders gelungen halten? Und woran zeigt sich aus Ihrer Sicht, was eine Caring Community erfolgreich macht?

Freymuth: Die Praxis von Caring Communities ist sehr heterogen. Sie reicht von kleinen Initiativen und nachbarschaftlichen Netzwerken bis hin zu Quartieren und Sozialräumen, in denen die Idee einer sorgenden Gemeinschaft systematischer umgesetzt wird. Genau diese Vielfalt ist kein Mangel, sondern Ausdruck davon, dass solche Ansätze an lokale Bedingungen, Bedarfe und Akteurskonstellationen anschließen.

Solche Entwicklungen können von unten wachsen, aus Selbstorganisation und zivilgesellschaftlichem Engagement. Sie können aber auch von Kommunen, Trägern oder anderen Institutionen angestoßen werden. Häufig ist es eine Verbindung aus beidem. Entscheidend ist weniger, wo der Impuls herkommt, sondern ob daraus verlässliche Strukturen entstehen.

Die wichtigsten Erfolgsbedingungen sind deshalb Koordination, Finanzierung, Begleitung, klare Rollen, zugängliche Informationen und genügend Zeit für Aufbau und Verstetigung. Wenn alles an einzelnen hoch engagierten Personen hängt, bleiben Ansätze oft fragil und enden mit deren Engagement. Nachhaltig werden sie erst dann, wenn Verantwortung strukturell abgesichert ist und sich schrittweise eine neue Verantwortungs- und Sorgekultur entwickelt.

SBC: Abschließend noch eine Frage zu Rolle und Grenzen von Technologie: Welche Rolle können Digitalisierung und Technologien spielen, um die Pflege und Caring Communities zu unterstützen – und wo sehen Sie klare Grenzen?

Freymuth: Digitale Lösungen können Pflege und sorgende Gemeinschaften vor allem bei Information, Koordination und Zugängen unterstützen. Sie können Kommunikation erleichtern, Angebote sichtbarer machen, Beratung ergänzen und helfen, Hilfebedarfe und Unterstützungsangebote besser zusammenzubringen.

Ihre Grenze ist aber klar: Digitalisierung ist ein Hilfsmittel, keine sorgende Gemeinschaft. Sie kann Beziehungen unterstützen, aber nicht ersetzen. Sie kann auch strukturelle Probleme wie fehlende Zuständigkeiten, mangelnde Finanzierung oder unzureichende lokale Infrastruktur nicht lösen.

Damit digitale Lösungen angenommen werden, müssen sie niedrigschwellig, alltagstauglich und erkennbar nützlich sein. Sie brauchen verständliche Zugänge, reale Anschlussfähigkeit an Beratung und Unterstützung vor Ort und Menschen oder Stellen, die bei der Nutzung unterstützen. Technik wird dort angenommen, wo sie konkret entlastet – nicht dort, wo sie zusätzliche Hürden schafft.

SBC: Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Freymuth: Ich wünsche mir, dass Caring Communities in den nächsten Jahren nicht länger als Projektidee behandelt werden, sondern als dauerhafte Aufgabe der Daseinsvorsorge. Dazu braucht es eine deutlich stärkere Altenhilfe und Seniorenarbeit als verlässliche, sozialräumlich verankerte Infrastruktur, die Teilhabe ermöglicht, Unterstützung frühzeitig organisiert und Krisen möglichst verhindert.

Gleichzeitig wünsche ich mir eine neue Verantwortungs- und Sorgekultur: Mit klarer öffentlicher Verantwortung, aber auch mit mehr Bewusstsein dafür, was Menschen präventiv für sich selbst und füreinander tun können. Dann ist ein realistisches ‚Wir schaffen das‘ möglich – nicht durch Schönreden, sondern durch verlässliche Rahmenbedingungen, Koordination und den politischen Willen zum Umsteuern.

Herzlichen Dank für das Interview!

Hier geht’s zum Forum Seniorenarbeit NRW https://www.forum-seniorenarbeit.de

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Anja Herberth
Author: Anja Herberth

Chefredakteurin

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