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Die 24-Stunden-Pflege ist für viele Menschen eine wichtige Hilfestellung, ohne die Pflege zu Hause oft nicht möglich ist. Am kommenden Freitag, 20.2., tagt zu diesem Thema die österreichische Pflegeentwicklungskommission, zusammengesetzt aus Bund, Länder, Gemeinden und Städte. Sie ist für die Weiterentwicklung des Pflegesystems verantwortlich, das auf Grund des demografischen Wandels gerade zu wanken beginnt.
Der steigende Bedarf infolge der demografischen Alterung trifft auf knappe Budgets sowie einen zunehmenden Mangel an Fach- und Arbeitskräften – das setzt das Pflegesystem spürbar unter Druck. Gleichzeitig verlagert sich Versorgung stärker in das häusliche Umfeld: Rund 85 % der betroffenen Menschen werden zu Hause von pflegenden Angehörigen versorgt und unterstützt. Damit steigen deren finanzielle und organisatorische Belastungen deutlich. Das ambulante Unterstützungs-System kann mit der Dynamik des Bedarfs vielerorts nicht Schritt halten und ist – je nach Bundesland – sehr unterschiedlich ausgebaut.
Nicht am Tisch dieser Kommission vertreten sind diesmal die Organisationen, die diese Hilfeleistung organisieren und anbieten – wie Caritas, Hilfswerk und Malteser Care. Sie fordern ein Aufstocken der Förderung und eine realistischere Einkommensgrenze für diese. Denn aktuell fallen viele Menschen aus der Förderung und können sich eine offizielle 24-Stunden-Pflege nicht leisten. Die Hilfsorganisationen befürchten bei „realitätsfernen Entscheidungen“ ein Abwandern der Kräfte in umliegende Länder und ein Abdriften in die unregulierte Schwarzarbeit.
Zu Hause gepflegt: Wunsch Vieler und volkswirtschaftlich günstiger
Zu Hause gepflegt zu werden ist ein oft genannter Wunsch der Betroffenen – und wird immer schwieriger zu finanzieren. Insbesondere dann, wenn eine 24-Stunden-Betreuung notwendig ist: Die Kosten liegen bei etwa 3.500 EUR im Monat, die Förderung liegt bei 800 EUR. Mit der Einführung 2007 blieb der Förderbetrag bis 2022 unverändert auf 550 EUR pro Monat. Im Jahr 2023 wurde er zunächst auf 640 EUR, dann auf 800 EUR aufgestockt. An die hohe Inflation wurde seither nicht angepasst.
Der Haken: Die Förderung wurde zwar nach und nach erhöht, die Einkommensgrenze dafür aber nicht. Diese ist seit 2007 unverändert 2.500 EUR – liegt das Einkommen darüber, erhalten die Familien keine Förderung mehr. An die Inflation angepasst, müsste diese Grenze eigentlich bei mindestens 4.055 EUR Monatseinkommen liegen. Aus diesem Grund, so Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich, fallen immer mehr Menschen aus dieser Förderschiene heraus.
Da Pflege alternativlos ist, müssen die Betroffenen, die sich die private Zuzahlung nicht leisten können, wohl oder übel ins Pflegeheim. Diese sind bereits jetzt auf Grund des Fach- und Arbeitskräftemangels am Limit, und wir stehen erst am Anfang des demografischen Wandels. Ebenso sehen die Kosten für die öffentliche Hand hier ganz anders aus: Die durchschnittlich jährlichen Nettoausgaben für einen Pflegeplatz im Heim belaufen sich auf 38.728 EUR. Im Vergleich dazu liegt die 24-Stunden-Betreuung bei 9.980 EUR, in den mobilen Diensten bei 6.307 EUR.
Volkswirtschaftlich betrachtet ist daher jede und jeder PatientIn, die zu Hause gepflegt wird, ein Gewinn. Dennoch gibt es eine Schieflage, die seitens der VertreterInnen der Pflegeorganisationen nicht nachvollziehbar ist: Der Löwenanteil der Gelder fließt immer noch in die stationäre Pflege, wenngleich bereits 85% der Pflege zu Hause stattfindet. Heißt: Das Geld folgt nicht dem Bedarf und sorgt dadurch für eine zusätzliche finanzielle und organisatorische Belastung der stationären Pflege.
Drift in die ungeregelte Schwarzarbeit
Das System der 24-Stunden-Hilfe hat sich seit 2007 etabliert: Die PflegerInnen sind selbständig und legen eine Rechnung an die unterstützte Familie. Rund 30.000 Familien nehmen sie derzeit in Anspruch. Die PflegerInnen – meist aus Ost- und Südosteuropa – kommen im Turnus für 2 bis 3 Wochen ins Land, wohnen bei den Familien und kümmern sich im Alltag um die Pflegebedürftigen. Dadurch werden die Familien entlastet und können beispielsweise Arbeiten gehen.
Kippt das System durch reduzierte Förderungen, was auch bei einer Nichtanpassung an die gestiegenen Alltagskosten durch die Inflation möglich ist, warten bereits andere Länder auf diese Kräfte: Aktuell, so Anselm, verliert Österreich PflegerInnen an die Schweiz, Deutschland und Norditalien. Das ist an den Gewerbeberechtigungen zu sehen, die trotz des hohen Bedarfs sinken.
Ebenso wird ein Abdriften in den völlig ungeregelten Schwarzmarkt – also der nicht angemeldeten bzw. nicht ausgebildeten Kräfte – befürchtet. In Deutschland sind an die 850.000 ausländische Haushaltshilfen aktiv, wie der Sozialwissenschaftlicher Pof. Dr. Thomas Klie in seiner Keynote am deutschen Fachtag zu „Caring Communities“ ausführte: „Das sind mehr Vollzeitstellen als in allen ambulanten Pflegediensten zusammen. Ohne diese geduldeten Strukturen unterhalb der rechtlichen Aufmerksamkeit würde unser Pflegesystem zusammenbrechen.“ Auf der einen Seite also die regulierten professionellen Pflegestrukturen voller Vorgaben und Bürokratien. Auf der anderen Seite entsteht aus der Not heraus ein informeller Bereich, der nur schwer zu überblicken ist.
Um die 24-Stunden-Hilfe in Qualität und Unterstützung stabil zu halten, fordern die Pflegeorganisationen daher eine Verdopplung der Förderung auf 1.600 EUR sowie eine Valorisierung der Einkommensgrenze auf 4.055 EUR. Wie es in Österreich mit der 24-Stunden-Pflege nun weitergeht entscheidet die Pflegeentwicklungskommission am Freitag – wir werden berichten.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin












