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Im Mittelpunkt dieses Dokumentarfilms steht Eleanor Ambos: 92 Jahre alt, Innenarchitektin – und ein lebenslustiges Energiebündel, das sich nie in eine Rolle pressen ließ. Der Film erzählt von einem bunten Leben, von Eigenwilligkeit und großer Freiheit – und trifft dabei einen Nerv, der weit über die einzelne Biografie hinausgeht: Wie wollen wir alt werden? Was wird möglich, wenn Erwartungen, Tabus und Konventionen ihre Macht verlieren?
Ein Leben in Farbe kommt im März in die österreichischen Kinos – und ist alles andere als ein typischer Film über das Altern. Wir haben ihn angesehen und waren überrascht, wie viel Lebenslust, Reibung, aber auch feinsinnige Annäherung an die vielen Nuancen des Alterns darin stecken. Für unseren Beitrag haben wir Regisseur Axel Stasny interviewt: Er kannte Eleanor Ambos bereits Jahre bevor aus der Begegnung ein Film wurde – und er erzählt, wie aus Nähe, Vertrauen und Beobachtung eine Hommage an die Freiheit wurde.
„To be nuts and not to feel guilty about it“
Ein Leben in Farbe ist einer dieser Filme, nach denen man im Kino nicht einfach aufsteht und geht. Man bleibt noch einen Moment sitzen, weil etwas nachhallt: Diese leise Erlaubnis, das eigene Leben wirklich zu leben – nicht erst irgendwann, sondern jetzt. Und zwar so, wie es sich richtig anfühlt. „To be nuts and not to feel guilty about it“ – verrückt sein und sich deswegen nicht schuldig zu fühlen. Genau diese Energie setzt der Film frei.
Im Zentrum steht Eleanor Ambos: 92 Jahre alt, schillernd und lebenslustig, eigenwillig – und verliebt. Eine Persönlichkeit und scharfe Analystin, die man nicht so leicht vergisst. Vielleicht, weil ihr Leben so klar zeigt, was möglich wird, wenn man die eigene Energie nicht ins `Passend-sein´ investiert, sondern in das, was wirklich interessiert.
Axel Stasny erinnert sich: „Ich lernte Eleanor kennen, als ich meinen ersten Dokumentarfilm ‚Leaving the Nest‘ in New York drehte. Sie hat es gehasst, als Unternehmerin gesehen zu werden – sie hat radikal einfach das gemacht, was ihr Freude bereitet hat.“ Entscheidungen nur aus wirtschaftlichem Interesse hätte sie, so Stasny, niemals getroffen.
Und dann ist trotz des großen Erfolgs da dieser Kontrast, der so berührt: Während ihr berufliches Universum groß, bunt und voller ungewöhnlicher Dinge war – und sie zu keiner Zeit Geldsorgen hatte –, wirkt ihr eigenes Zuhause erstaunlich schlicht. Kleidung trug sie, bis sie wirklich nicht mehr brauchbar war. Statt ein Taxi zu nehmen, fuhr sie lieber sparsam mit der New Yorker U-Bahn. Ein Portemonnaie hatte sie nicht, Geld und Kreditkarten steckte sie in einen einfachen Umschlag. Stasny: „Sie hat keinen Wert auf Repräsentanz gelegt, auf Materielles. Sie wollte Projekte entwickeln und Spaß haben in ihrem Leben.“ Ruhestand schien für sie kein Ziel zu sein, eher ein Fremdwort. Arbeit war für sie bis zum Schluss eine Bereicherung – ein Raum, in dem sie neugierig bleiben, gestalten und ihren eigenen Rhythmus leben konnte.
Das Leben nach eigenen Bedingungen leben
Eleanor lebte mit einer Energie und Präsenz, die ansteckend wirkt. Stasny: „Kognitiv war sie unglaublich präsent, oft präsenter als viele andere. Und bis zuletzt blieb sie aktiv. Das spürt man im Film sehr deutlich: Eleanor war immer fit, zu jeder Tageszeit.“ Gleichzeitig zwang das Leben sie irgendwann an eine Grenze. Wenn bei Menschen, die sich so sehr über Kraft, Bewegung und Selbstbestimmung definieren, die Energie nachlässt, fühlt es sich an wie ein Bruch. Hinzu kommt, dass Eleanor durch Makuladegeneration zunehmend ihr Augenlicht verlor. Ausgerechnet ihr wichtigstes Werkzeug – das Sehen – wird brüchig. Der Film zeigt diese Verletzlichkeit nicht als Fall, sondern als Wendepunkt: Eine Frau, die gewohnt ist zu reparieren und zu verschönern, muss akzeptieren, dass es Strukturen gibt, die auch sie nicht wiederherstellen kann.
Und dennoch nimmt sie sich Dinge heraus, die viele in ihrem Alter längst aufgegeben hätten – oder die gesellschaftlich als Tabu gelten. Eleanor verliebt sich in einen 70 Jahre jüngeren Mann. Damit bleibt ihre persönliche Geschichte – auch mit über 90 Jahren – eine Reibungsfläche: Wer darf im Alter noch lieben, wie offen – und zu welchen Bedingungen?
„Eleanor hat es ausgekostet, dass sie es trotzdem macht. Gleichzeitig war es natürlich auch für sie nicht ohne, weil sie Angst hatte: Wie wird man über sie reden?“, erinnert sich Stasny. „Aber ihre Persönlichkeit hatte so viel Stärke, dass sie trotzdem das gemacht hat, was sie erreichen wollte. Das war schon ein wichtiger Teil von ihr: Sie wollte, dass man über die Ängste und Tabus offen spricht, damit sie ihre Wirkung verlieren. Es war ihr wichtig, dass man sich auch dagegen wehren kann – gegen die gesellschaftlichen Vorsätze und Erwartungen.“
Die Grenzen durch Moral und Erwartungen versetzen
Für Axel Stasny tragen zwei Botschaften den Kern seines Films. Die erste richtet sich gegen die Doppelmoral, mit der vor allem Frauen beurteilt werden: „Ich glaube, dass Moral und Erwartungen an eine Frau extrem hoch sind. Wenn ein Mann eine 70 Jahre jüngere Freundin hat, dann ist das normal. Umgekehrt ist es aber immer noch ein Tabu: Eine Frau mit einem viel jüngeren Mann.“ Dieser Maßstab endet für ihn nicht im Privaten, sondern setzt sich im Berufsleben fort: „Eine Frau muss viel mehr Stärke zeigen, damit sie erfolgreich sein kann. Ich sehe das in allen Aspekten, auch im Filmsektor. Kamerafrauen und Regisseurinnen kämpfen mit großen Hürden, um in den Markt einzutreten.“
Die zweite Botschaft betrifft unseren Umgang mit Alter insgesamt. Stasny kritisiert eine Kultur, die Wert fast ausschließlich an Leistung und Jugend koppelt: „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der man jung und sportlich aussehen muss, um akzeptiert zu werden. Das ist ein toxisches Verhalten – und es führt dazu, dass ältere Menschen exkludiert werden: Im Alltag, aber auch in den Filmen.“ Sobald Menschen ein bestimmtes Alter erreichen, würden sie `unsichtbar´ oder `lästig´, als hätten sie ihren gesellschaftlichen Wert verloren. „Das ist eine sehr kurzsichtige Haltung, denn wir werden alle immer älter. Ich möchte eine Diskussion anstoßen, damit wir anders mit älteren Menschen und damit auch mit uns selbst umgehen.“
Warum wir Ihnen diesen Film ans Herz legen
Für uns ist Ein Leben in Farbe auch deshalb so interessant, weil der Film eine Frage stellt, die in einem alternden Europa immer drängender wird: Wie wollen wir alt werden – und wer entscheidet das? Und was bedeutet das für uns Jüngere, für uns Angehörige, die unterstützen, mitdenken, mittragen – und manchmal auch mitkämpfen?
Eleanor Ambos ist die richtige Persönlichkeit, um diese Diskussion anzustoßen. Denn sie ist keine Figur, die brav altert. Sie tanzt, flirtet, bleibt in Bewegung, trägt Farbe, denkt groß – und sie nimmt sich, was sie vom Leben noch will. Der Film zeigt das ohne Kitsch und ohne Voyeurismus. Er schaut hin, aber er stellt nicht bloß. Er macht sichtbar, was oft unsichtbar bleibt: Wünsche, Ambivalenzen, Bedürfnisse, Eigensinn. Genau darin liegt seine Stärke: Eleanor darf kompliziert sein – voller Lebenslust, Pläne und Ideen. Zugleich verletzlich, manchmal einsam und mit Narben, die nicht einfach verschwinden. Der Film zeigt die Nuancen einer älteren Persönlichkeit, die in unserer Gesellschaft allzu oft in einer einzigen Schublade landet: „65+“.
Eleanor ist anders, weil sie selbstbestimmt entscheidet. Nicht perfekt, nicht immer bequem – aber radikal lebendig und analytisch gnadenlos. Und genau darin liegt die befreiende Kraft dieses Films: Er macht Lust darauf, das eigene Leben zu leben, statt es zu verwalten.
Regisseur Axel Stasny nähert sich Eleanor mit spürbarer Zuneigung und Respekt. Er erzählt das Altern vielschichtig und ohne die üblichen Verkürzungen. Man spürt das Vertrauen zwischen Kamera und Protagonistin – und man merkt, dass es ihm um etwas Grundsätzliches geht: Die Bilder vom Alter zurechtzurücken. Nicht als Endstation, nicht als Entsexualisierung, nicht als harmlos schrullig, sondern als Lebensphase, in der Liebe, Lust, Sehnsucht und Selbstbehauptung genauso real sind wie in jeder anderen auch.
Wir erzählen diese Geschichte in der Vergangenheit, weil Eleanor Ambos inzwischen gestorben ist. Aber der Film hält etwas von ihr fest, das bleibt: Eine bewundernswerte Haltung, geprägt durch Stärke und Lebenslust. Und vielleicht ist das sein größtes Geschenk – dass er Mut macht, Energie nicht zu sparen, bis es passt, sondern sie in das Leben zu investieren, das man jetzt wirklich führen will.
Sie können den Film in Anwesenheit von Regisseur Axel Stasny sehen:
4. März 2026: Votivkino Wien, 19.30 Uhr
5. März 2026: Moviemento Linz, 18 Uhr
8. März 2026, Cinema Paradiso St. Pölten, 11.30 Uhr
8. März 2026, Leokino Innsbruck, 19.30 Uhr
10. März 2026, Kino Freistadt, 20 Uhr
12. März 2026, KIZ Royal Graz, 18.30 Uhr
14. März 2026, Programmkino Wels, 20 Uhr
17. März 2026, Das Kino Salzburg, 18 Uhr
Weiters läuft der Film in folgenden Kinos:
Breitenseer-Lichtspiele Wien, Stadtkino Grein, Volkskino Klagenfurt, Kino im Turm Radstadt
Details & Crew
Dokumentarfilm / 71min, AT 2025, Stasny Film
Award: CROSSING EUROPA Award, Local Artist, 2025
Buch, Regie & Kamera: Axel Stasny
Montage: Cordula Werner
Musik: LYLIT
Musikmischung: Andreas Lettner
Sound Design & Tonmischung: Alex Winkler
Zusätzliche Kamera: Colin Sonner
Produktion: Stasny Film
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin













