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Hitze kann müde machen, den Schlaf rauben und den Kreislauf aus dem Takt bringen – viele kennen das aus eigener Erfahrung. Im höheren Alter oder mit bestimmten Vorerkrankungen wird aus „unangenehm“ jedoch schnell ein echtes Gesundheitsrisiko: In Österreich werden in den Sommermonaten bis zu mehrere hundert hitzebedingte Todesfälle beobachtet. Mit dem Klimawandel nehmen Hitzewellen und Tropennächte zu – und damit wird Hitze vom Wetter- zu einem Versorgungsthema.
Der Complexity Science Hub (CSH) untersucht nun gemeinsam mit Partnern aus Forschung, Rettungsdienst, Heim- und Spitalsbetrieb, wie sich Pflegeorganisationen, Spitäler und Regionen mit einem Hitzefrühwarnsystem besser auf Hitzeperioden vorbereiten können. Ziel ist es, Risken so gut zu verstehen, sodass vorausschauendes Handeln möglich wird und gesundheitliche Folgen reduziert werden. Das Projekt läuft aktuell noch, endgültige Resultate liegen noch nicht vor. Prof. Peter Klimek, der das Projekt am CSH in Wien leitet, gibt uns aber einen ersten Einblick in die Ergebnisse.
Warum Hitze den Körper stresst
Hitze ist für den Körper belastend, weil er seine Kerntemperatur stabil halten muss: Er leitet mehr Blut zur Haut und schwitzt, was Herz und Kreislauf beansprucht – gleichzeitig gehen Flüssigkeit und Elektrolyte verloren. Hitze macht den Sommer in Städten für viele zur Dauerbelastung. Laut European Sleep Index 2026, der die Schlafqualität in 25 europäischen Metropolen untersuchte, ist Wien unter den Städten mit der schlechtesten Schlafqualität Europas. Denn es fehlt der erholsame Schlaf, und neben Lärm und Stress sind es auch die sommerlichen Tropennächte, die den WienerInnen den Schlaf rauben.
Ältere Menschen sind besonders gefährdet, weil der Körper schrittweise die Fähigkeit verliert, sich an hohe Temperaturen anzupassen. Sie geben Wärme langsamer ab, das Herz-Kreislauf-System und die Nieren sind weniger leistungsfähig, und der Wasseranteil im Körper ist geringer. Chronische Erkrankungen und Medikamente können die Belastung zusätzlich verstärken.
Daher sind die Fragen, die sich die ForscherInnen des Projekts „Heat Protect“ stellen, in Zeiten der anhaltenden Klimaerwärmung essentiell: Wen trifft es wann und wo besonders – und welche Folgen hat dies für Pflege- und Spitalsorganisationen? Für die bislang umfassendste Bewertung von Hitzefolgen werden echte Datenschätze gehoben: Das Forschungsteam analysiert mehr als 10 Millionen Spitalsaufenthalte über 13 Jahre, mehr als eine Million Ambulanzfahrten, 10 Millionen Wetterdatenpunkte sowie Umfragedaten von SanitäterInnen, Pflegepersonal und aus Krankenhäusern.
Prof. Klimek vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) erklärt: „Das Ziel ist, besser zu verstehen, wie sich Hitze in unterschiedlichen Versorgungsbereichen niederschlägt. Wie groß ist das jeweilige Risiko je nach gesundheitlicher Situation und welche Gegenmaßnahmen sind sinnvoll? Wir wollen Hitzerisiken so gut verstehen, dass man vorausschauen kann, wo es voraussichtlich zu mehr gesundheitlichen Problemen kommt. In der letzten Phase des Projekts brechen wir die Ergebnisse bis auf das Mikroklima und auf die Ebene der Gebäudeplanung herunter.“ Diese Daten sollen künftig auch für die Standortplanung verwendet werden können.
Für ältere Menschen, Pflegeheime, mobile Dienste oder Rettungsorganisationen diese Informationen entscheidend: Wer muss wann besonders aufpassen? Wo braucht es früh zusätzliche Ressourcen – also beispielsweise in welchen Krankhäusern und welchen Abteilungen muss mehr Personal eingeplant werden? Für Einsatzorganisationen ist das entscheidend, weil sie ihre Kapazitäten nicht spontan verstärken können. Genau deshalb braucht es Vorwarnzeiten, die nicht nur allgemein sind („es wird heiß“), sondern wirklich für eine detaillierte Planung taugen.
Im Kern verfolgt das Projekt drei Ziele:
- Messen und verstehen, wie Hitze mit Spitalsaufenthalten, Rettungseinsätzen und Todesfällen zusammenhängt.
- Abschätzen, was Hitzeperiode für eine alternde Bevölkerung bedeuten.
- Übersetzen in die Praxis, also bessere Information für Betroffene und konkrete Maßnahmenpakete für Einrichtungen – vom Pflegeheim bis zum Rettungsdienst.
Nicht mehr Alarm – sondern mehr Orientierung zu konkreten Hitzefolgen
Die Herausforderung: Es gibt längst viele Tools und Warnsysteme, mit den Wetter-Apps auf unseren Smartphones verfügen praktisch alle über Hitzealarme. Ein heißer Tag in der Wetter-App sagt aber oft wenig darüber aus, wie stark die Belastung tatsächlich ist. In einer dicht bebauten Straße staut sich Wärme, Wohnungen heizen sich auf, die Nacht bringt kaum Abkühlung. Ein paar Kilometer weiter – mit mehr Grün, mehr Wind, anderer Bauweise – kann es deutlich erträglicher sein. Bisher fehlte die Information, wann und wo Hitze in bestimmten Versorgungsbereichen wirklich kritisch wird. Ziel war es auch herauszufinden, ab welcher Temperatur und über welche Dauer Hitze gefährlich wird.
In den Analysen zeigt sich: MitarbeiterInnen im Pflege- und medizinischen Bereich fühlen sich grundsätzlich gut mit allgemeinen Informationen versorgt – also etwa was die Auswirkungen von Hitze auf Körper, Gesundheit und Psyche betrifft. Woran es eher mangelt ist das Wissen, wie Hitze Medikation beeinflussen kann. Wirken sie besser oder schlechter, wenn es sehr heiß ist? Für die Erstversorgung relevant ist auch, wenn Medikamente im Einsatzwagen lagern – und das Fahrzeug in der Sonne parkt. Prof. Klimek: „Viele spezifische Einflüsse hat man nicht sofort am Schirm. Ziel ist es, diese Auswirkungen genauer aufzubereiten.“
Für den Spitalsbereich wurde mit Daten aus den Jahren 2007 bis 2019 ausgewertet, ob es während Hitzewellen häufiger zu Krankenhausaufnahmen oder zu Todesfällen kommt als in vergleichbaren Sommerphasen ohne Hitzewelle. Die Zahl der Spitalsaufnahmen steigt insgesamt nicht dramatisch, so Prof. Klimek, weil stationäre Aufnahmen oft für z.b. Operationen geplant sind. Aber die Situation wird kritischer, wenn Hitze über längere Zeit anhält: „Wir sehen ein sehr starkes Signal bei der Sterblichkeit im Spital, abhängig von der Intensität und Dauer der Hitzewelle. Lag die Tageshöchsttemperatur in den zwei Wochen davor an fünf Tagen über 30 °C, steigt das Risiko um rund 5 bis 10 %. Hält eine solche Phase zwei Wochen an, kann die Risikoerhöhung bis zu 20 % betragen.“
Hitze ist nicht überall gleich – und nicht für alle gleich gefährlich
Es zeigt sich ein heterogenes Bild je nach Diagnose: Über alle Altersgruppen hinweg steigt die Sterblichkeit für mehrere Erkrankungsgruppen. Besonders betroffen sind ältere und hochbetagte Menschen, aber eine Risikoerhöhung ist auch bei jüngeren Menschen gegeben – wenn auch auf einem viel geringeren Niveau.
Betroffen sind nicht nur Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, auch bei Stoffwechselerkrankungen, psychischen und mentalen Erkrankungen – etwa Demenz – lassen sich teils deutliche Effekte beobachten. Prof. Klimek: „Wir reden österreichweit von mehreren hundert Todesfällen, die über einen Sommer gerechnet zustande kommen können. Wir stark die Fallzahlen durch den Klimawandel in den nächsten Jahren zunehmen werden, sehen wir uns gerade mit Klimamodellrechnungen an.“
Gleichzeitig wird deutlich, dass ein großer Teil der Belastung vor allem im Akutsystem sichtbar wird: Bei Rettungseinsätzen, in der Akutversorgung – in Situationen, in denen Menschen plötzlich nicht mehr zurechtkommen. Prof. Klimek: „Hier haben wir uns die Situation in Wien besonders angesehen. Je intensiver eine Hitzewelle ist, desto stärker steigen auch die Einsätze von Rettungs- und Krankentransportwagen – an extrem heißen Tagen um bis zu 10 %. Schaut man auf die Ursachen, steht Hitzeschlag naheliegenderweise ganz vorne. Einen großen Anteil haben aber auch Atemwegserkrankungen wie COPD und Asthma, gefolgt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ Auch Unfälle und Angriffe nehmen zu: Das legt nahe, dass wir im Zuge von Hitzewellen ungeschickter werden, auch die Aggressionen nehmen zu. Frauen sind von den Entwicklungen intensiver betroffen als Männer.
Nun geht es darum, maßgeschneidert nach dem Gesundheitssetting der Risikogruppen den besten Zeitpunkt vor einer herannahenden Hitzewelle herauszufiltern: Also wann eine Warnung Sinn macht. Das wiederum ist abhängig von den Prozessen und Abläufen in den Pflegeorganisationen und Gesundheitseinrichtungen. „Der Google-Alert am Handy ist dafür viel zu unspezifisch“, erläutert der Forscher, „Für die Einsatzplanung sind rechtzeitige, konkrete Warnungen ein wichtiger Faktor. Denn selbst wenn es nur 2 oder 4% mehr Fälle gibt, dann übersetzt sich das zum Beispiel in mehr Einsatzwägen, die man bereithalten muss. Und das Personal dahinter muss auch bereitstehen.“ Für Einrichtungen geht es nicht um die Entwicklung von Hightech-Maßnahmen zum Erreichen einer besseren Hitzeresilienz, sondern um das rechtzeitige Setzen einfach umsetzbare Routinen: Mehr Trinken, Abdunkeln, richtiges Lüften, Bewusstsein schaffen.
Die erste Hitzewelle ist oft die gefährlichste
Für Anpassungsmaßnahmen besonders wichtig: „Wir sehen einen wesentlich stärkeren Effekt in der ersten großen Hitzewelle eines Jahres als bei den darauf folgenden,“ so Klimek. Viele Menschen werden überrascht, sie sind noch nicht im „Hitze-Modus“ und Routinen wie vermehrtes Trinken sind noch nicht angepasst. Besonders überrascht hat Prof. Klimek, dass Hitze so intensiv nachwirkt: „Es gibt starke, messbare Verzögerungseffekte.“ Nach einer Hitzewelle kann die Belastung noch mehrere Tage anhalten: „Auch wenn die Hitzewelle schon drei Tage vorbei ist, finden wir immer noch einen Effekt, der genauso stark ist als würde die Hitzewelle noch andauern.“ Grund dafür ist häufig der Baubestand: Die Gebäude speichern Wärme, die Wohnungen kühlen nur langsam ab.
Prof. Klimek abschließend: „Verglichen mit Projekten in südeuropäischen Ländern wie Spanien oder Griechenland bewegen wir uns noch in anderen Dimensionen. Aber sobald Dauer und Intensität von Hitze zusammenkommen, steigt auch bei uns das Risiko deutlich – dann wird Hitze auch in Österreich zu einem relevanten Thema. Und diese Risikofenster werden zunehmen. Unser Projekt soll helfen, zielgenau zu intervenieren und Hitzefolgen möglichst zu verhindern. Denn auch wenn es noch nicht die gleichen Ausmaße annimmt wie in anderen Ländern, werden wir uns auch in Österreich anpassen müssen.“
Peter Klimek ist ein führender Komplexitätsforscher und Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Der promovierte Physiker ist assoziierter Professor an der MedUni Wien und arbeitet am Complexity Science Hub Vienna. Der „Wissenschaftler des Jahres“ 2021 verbindet in seiner Forschung Netzwerkanalyse, Ökonomie und Datenwissenschaft, um Risiken und Verwundbarkeiten in Lieferketten, Versorgungsnetzwerken und Gesundheitssystemen sichtbar zu machen. Hier geht’s zur Homepage des Complexity Science Hub.
Neben dem Complexity Science Hub sind noch folgende Partner bei dieser Studie dabei: Die Medizinische Universität Wien, das Austrian Institute of Technology (AIT), das Ludwig Boltzmann Institute for Digital Health and Patient Safety, die Caritas Wien, die Johanniter Österreich, die Gesundheit Österreich GmbH und der Wetterdienst UBIMET.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin













