Masdar City: Realität schlägt Vision 1:0

Die Vision klang vielversprechend: Masdar City sollte das ökologische Vorzeigeprojekt der Emirate werden. Das erste Match Realität vs. Vision ging 1:0 für die Realität aus.

Warum Masdar City zu früh aufgegeben wurde

Die Vision klang vielversprechend: Masdar City sollte das ökologische Vorzeigeprojekt der Emirate werden. Die Öko-Stadt der Zukunft, in der die Energie ausschließlich aus Sonne und Wind produziert wird. In der es keine Emissionen und nahezu keinen Abfall gibt, in der innovative Mobilitätskonzepte das eigene Auto obsolet machen. Der notwendige Energie-Aufwand pro Kopf sollte nur mehr bei einem Viertel des heutigen Verbrauchs liegen. So sollte die Stadt der Zukunft aussehen, in Zusammenarbeit mit dem MIT war auch ein Uni-Campus für Nachhaltige Energien geplant.

Im Jahr 2008 gestartet, sollte das Projekt ursprünglich 2016 fertig werden – nun wurde die Fertigstellung auf 2030 verschoben. Das erste Match Realität vs. Vision ging 1:0 für die Realität aus. Was ist passiert – oder besser gesagt: Was ist nicht passiert?

Von Aufbruchstimmung nichts mehr über

Vor Ort ist vor allem die Stille ohrenbetäubend. Vom Plan einer ganzen Stadt ist nur ein Bruchteil umgesetzt, von der anfänglichen Aufbruchstimmung ist nichts mehr über. Die kleine Siedlung, einst vom britischen Stararchitekten Sir Norman Foster geplant, wirkt wie eine Geisterstadt, einsam und verlassen. Wir treffen nur wenige Menschen auf unserem Rundgang.

So ist die International Renewal Energy Agency eingezogen und – nur wenig verwunderlich – auch das staatliche Nuklearunternehmen ENEC hat seinen Hauptsitz in Masdar aufgeschlagen. Atomenergie wurde erst kürzlich seitens der EU als Brückentechnologie anerkannt, um den Umstieg auf nachhaltige Energiequellen zu schaffen.

Masdar City
Die Gebäude sind klein, kompakt. Luftkissen dämmen und lassen die Hitze erst gar nicht in die Gebäude.
Masdar City
Es gibt keine direkte Sonneneinstrahlung, die Fenster sind zurückgesetzt, für eine zusätzliche Lichtbrechung sorgen z.B. Pflanzen und künstlerische Elemente.
Masdar City
Willkommen in der Geisterstadt: Die Öko-Stadt soll erst mit 2030 so richtig lostarten.
Masdar City
Künstlerische Elemente verhindern dass Hitze in den Gebäuden überhaupt erst entsteht.
Masdar City
Auch hier: Statt Glasfronten verhindern künstlerische Elemente das Aufheizen der Gebäude.
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Auf den ersten Blick wirkt das Stadtkonzept in Masdar stimmig, es vereint alte Tradition mit neuer Technologie: In Arabien wurden seit jeher die Häuser dicht beieinander gebaut. Dadurch spenden sie sich gegenseitig Schatten und können sich von vornherein nicht zu sehr erhitzen. Die Gebäude in Masdar sind klein, kompakt und nur wenige Stockwerke hoch. Die Planer haben die Häuser wie eine „Düse“ angelegt, sodass ein angenehmer Wind durch die Straßen weht. Der Wind wird aktiv durch die Stadt gelenkt, trotz den heißen Wüstentemperaturen hat es in den Straßen von Masdar angenehm kühle Temperaturen.

Während wir in Europa große Fenster gewohnt sind, gibt es in diesem Konzept keine direkte Sonneneinstrahlung, um Hitze im Gebäude erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Fenster sind zurückgesetzt eingelassen, Lichtschächte und Fensterschlitze geben Helligkeit, Luftkissen dämmen und lassen die heißen Temperaturen außen vor. Für eine zusätzliche Lichbrechung sorgen Pflanzen und dunkel gefärbte Glasfaser-Betonplatten. Ein Windturm fängt den kühlen Wind ein und lüftet die Straßen. Sonnensegel schützen vor direkter Sonneneinstrahlung, Wasser fließt über Steinbrunnen und sorgt durch Verdunstungskälte für eine natürliche Kühlung.

In den Gassen ist kein einziges klassisches Auto zu sehen – der Plan war ein anderer: Die wichtigsten Spots sollten zu Fuß schnell erreichbar sein. Wer dennoch einen fahrbaren Untersatz braucht, sollte auf selbstfahrende Autos und Busse zurückgreifen können. Das System erwies sich aber als zu teuer, da dafür Leitungen in den Boden verlegt werden mussten. Gäste können dieses Konzept dennoch auf kleinen Testtrecken ausprobieren.

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Selbstfahrendes Bussystem in Masdar City
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Kleine selbstfahrende Flitzer
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Windturm von innen
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Windturm
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Holz – ein Baustoff trotzt aggressivem Klima?

Holz wird in den Emiraten als Baustoff so gut wie gar nicht verwendet: Das Klima ist dafür zu aggressiv – zumindest bei direkter Sonneneinstrahlung, die Sandstürme tun ihr übriges. Von einem Holz-Liegestuhl, den man im Garten vergisst, bleibt innerhalb kürzester Zeit nicht besonders viel über.

Eines der Gebäude von Sir Norman Foster ist dennoch ein Holzbau. Solange keine direkte Sonneneinstrahlung auf das Holz wirkt, belegt dieser Bau, dass in Wüstenregionen auch ohne Beton gebaut werden kann. Global werden jährlich über 4,6 Milliarden Tonnen Zement verbaut, bei der Herstellung fallen an die 2,8 Milliarden Tonnen CO2 an. Das sind fast acht Prozent der weltweiten Emissionen und damit mehr als Flugverkehr und Rechenzentren zusammen ausstoßen. Angesichts der erhöhten Nachfrage in den Schwellenländern könnte dieser Wert in den kommenden Jahren noch steigen.

Derzeit formiert sich laut einem Architekten in den Emiraten eine Initiative, die den Baustoff Holz in den Fokus rücken möchte. Einfach wird dieser Prozess nicht: Holzhäuser haben es in den Emiraten schwer, überhaupt genehmigt zu werden.

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Der britische Star-Architekt Sir Norman Foster bewies, dass auch in der Wüste mit Holz gebaut werden kann.
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Holzkonstruktion by Sir Norman Foster
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An der Außenhülle ist kein Holz verbaut: Das Klima ist dafür zu aggressiv.
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Warum Masdar heute noch nicht funktioniert

Das Konzept wirkt gut durch durchdacht, und ist ein spannender Gegenpol zu den gewaltigen Bauten in den Emiraten. Daher denke ich, dass hier viel zu früh aufgegeben wurde: Durch die klimatischen Veränderungen werden wir uns in vielen Regionen dieser Welt überlegen müssen, wie wir unsere Häuser kühl halten – und nicht nur, wie wir sie heizen. Das wird die Art und Weise, wie wir Bauen und Sanieren, komplett verändern – auf lange Sicht betrachtet.   

In offiziellen Statements wird die Weltwirtschaftskrise als Hauptgrund für die Verzögerung genannt. Das Projekt startete ausgerechnet im Frühjahr 2008, also in dem Jahr, in dem Lehman Brothers zusammenbrach. Diese Erklärung ist für die ersten Jahre nachvollziehbar, erklärt aber die Verschiebung der Finalisierung in das Jahr 2030 nicht.

Aus den Gesprächen ist herauszuhören, dass man mit einem viel schnelleren Erfolg des Businessmodells gerechnet hatte. Das Hauptproblem liegt daher viel eher im Umstand, dass nachhaltiges Bauen und Sanieren einfach noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dafür braucht es einen längeren Atem: Es ist bei den Menschen noch nicht angekommen, dass wir – wenn wir die Klimaziele schaffen wollen – auch die Art und Weise, wie wir bauen und sanieren, verändern müssen.

Nur langsam ändern sich die rechtlichen Rahmenbedingungen, beispielsweise in der EU: Der im Dezember 2021 von der EU-Kommission vorgestellte Richtlinienentwurf ist noch nicht final, aber der Europäische Rat und Mitte März 2023 auch das EU-Parlament haben ihre Positionierung dazu abgegeben. Die Wünsche lesen sich ambitioniert: Ab 2028 sollen Neubauten bereits emissionsfrei sein, für Neubauten seitens Behörde soll dies bereits mit 2026 gelten. Alle Neubauten sollen ab 2028 mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet sein, sofern technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar. Außerdem wünscht das EU-Parlament konkrete Sanierungsverpflichtungen, flankiert mit Förderprogrammen. Das wird notwendig sein, denn hier werden auch EndkonsumentInnen, die privaten Häuslbauer und -sanierer, in die Pflicht genommen.

Ebenso wird die EU-Klimataxonomie – sie legt fest, dass nur die Wirtschaftstätigkeiten als „grün“ tituliert werden dürfen, die einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Umweltziele leisten können – einen essentiellen Beitrag zu dieser Transformation am Markt beisteuern. Denn dadurch wird immer mehr Geld in nachhaltig definierte Konzepte fließen, für andere wird Geld mittel- bis langfristig teurer werden.

Fakt ist: Unsere Klimaziele werden wir nur mit neuen Bau- und Sanierungskonzepten schaffen. Da nachhaltige Bau-Konzepte erst mit diesen rechtlichen Veränderungen langsam in den Fokus rücken und ihren Durchbruch schaffen werden, war Masdar schlicht viel zu früh am Markt und seiner Zeit voraus.   

Anja Herberth
Author: Anja Herberth

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Verfasst von Anja Herberth