This article is also available in:
English
Wenn über die Zukunft der Pflege gesprochen wird, geht es fast immer um dieselben Engpässe: Zu wenig Personal, zu wenig Zeit, zu wenig Geld. Gleichzeitig steigt der Druck im häuslichen Umfeld. In Österreich und Deutschland werden bereits rund 85 Prozent der pflegebedürftigen Menschen zu Hause betreut. Zugleich dürfte es bis 2030 deutlich weniger Angehörige geben, die diese Aufgabe übernehmen können. Das liegt unter anderem daran, dass die nachrückenden Generationen kleiner sind, Familien heute anders leben und viele Frauen berufstätig sind. Dazu kommt ein wachsender Fachkräftemangel bei gleichzeitig steigendem Pflegebedarf.
Genau deshalb wird die Frage immer dringlicher, wie Unterstützung im Alltag früher, verlässlicher und intelligenter organisiert werden kann – und wie sich sowohl pflegende Angehörige als auch professionelle Dienste wirksam entlasten lassen. In diesem Beitrag schauen wir uns an, was digitale, KI-gestützte Assistenzsysteme heute bereits leisten können.
Warum es neue Konzepte braucht
Zur Klarstellung: Diese Systeme ersetzen weder Pflege noch menschliche Zuwendung. Sie können aber dort helfen, wo im Alltag oft die größten Risiken entstehen: Wenn gesundheitliche Veränderungen zu spät bemerkt werden, wenn nach einem Sturz nicht rechtzeitig Hilfe kommt oder wenn Angehörige ständig das Gefühl haben, alles gleichzeitig im Blick behalten zu müssen.
Genau darin liegt ihre Stärke: Nicht im Ersetzen von Beziehung, sondern im besseren Erkennen, Weiterleiten und Einordnen von Informationen. Sie erfassen Daten, erkennen Muster und Entwicklungen und leiten relevante Hinweise an die richtigen Stellen weiter. Das können Angehörige sein, Pflegedienste, die dadurch besser planen können, oder im Notfall auch Nachbarschaft, Rettung oder andere Unterstützungsstrukturen.
Besonders relevant wird das dort, wo herkömmliche Lösungen an ihre Grenzen stoßen. Klassische Hausnotrufarmbänder oder Sturzuhren sind zwar bekannt, lösen aber viele Probleme nur eingeschränkt. Sie liefern oft zu wenig Kontext, verursachen Fehlalarme und stoßen in der Praxis an Grenzen – auch, weil ein erheblicher Teil der Alarme nicht durch medizinische Notfälle ausgelöst wird, sondern auch durch Einsamkeit, Unsicherheit oder Alltagsprobleme wie Störungen bei Heizung oder Elektrik. Gute Assistenzlösungen können hier deutlich mehr Hintergrundinformationen liefern und so helfen, Situationen besser einzuschätzen.
Hinzu kommt: Notrufarmbänder oder Sturzuhren müssen regelmäßig geladen oder gewartet werden und werden gerade von hochaltrigen Menschen nicht immer konsequent getragen. Moderne Assistenzsysteme setzen deshalb stärker auf unauffällige Sensorik im Wohnumfeld, auf vernetzte Geräte und auf Systeme, die nicht nur ein einzelnes Ereignis erfassen, sondern Veränderungen im Zusammenhang erkennen.
Die Grundidee dahinter ist einfach: Ein einzelner Sensor weiß meist nur, dass sich etwas bewegt hat oder eine Tür geöffnet wurde. Erst wenn mehrere Informationen zusammengeführt werden, entsteht ein brauchbares Gesamtbild. KI verknüpft diese Daten und kann dadurch Muster, Abweichungen und Entwicklungen erkennen.
In welchen Situationen Assistenz-Tools ihren Nutzen entfalten
Was solche Systeme leisten können, ist inzwischen deutlich breiter, als viele vermuten. Sensorik und Analyseplattformen haben sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt. Gute Lösungen am Markt können heute unter anderem Folgendes:
- Akute Notfälle rasch erkennen. Stürze und andere kritische Situationen lassen sich automatisiert erfassen. Reagiert die betroffene Person nicht, kann nach kurzer Zeit eine Alarmkette ausgelöst werden – zunächst etwa an Angehörige, Nachbarn oder auch an die Rettung. Einige Systeme arbeiten nur mehr mit Radarsensorik, und nicht mit Bild- oder Videomaterial. Bei diesen Systemen werden heute nur mehr Punktwolken analysiert (siehe Bild oben). Dadurch bleibt die Privat- und Intimsphäre gewahrt.
- Warnungen individuell anpassen. Systeme können auf den Gesundheitszustand der betreuten Person individuell abgestimmt werden. Sie registrieren An- und Abwesenheiten, erkennen, ob jemand im Bett ist oder aufgestanden ist, und können damit auch bei Themen wie Weglauftendenz bei Demenzerkrankten oder bei nächtlicher Unruhe wichtige Hinweise liefern.
- Vitaldaten einbeziehen. Je nach Lösung lassen sich Daten wie Atmung, Herzfrequenz oder Messwerte wie z.B. zum Blutzucker integrieren und mit anderen Informationen zusammenführen.
- Veränderungen im Alltag sichtbar machen. Gerade im Alter treten Probleme oft nicht punktuell auf, sondern kündigen sich an: Durch unruhige Nächte, veränderte Bewegungsmuster, häufigeres Aufstehen, zunehmende Unsicherheit oder nachlassende Alltagskompetenz. Solche Entwicklungen können mit digitalen Systemen früher sichtbar werden. Das hilft nicht nur den Betroffenen, weil Verschlechterungen besser abgefedert werden können. Angehörige und Pflegedienste sind dadurch besser informiert und können besser unterstützen. Weiters kann dies auch in der Dokumentation relevant sein – um z.B. einen gewissen Pflegegrad/Pflegestufe nachweisen zu können.
- Wiederkehrende Belastungen erkennen. Manche Systeme können nach längerer Nutzung auch auf Zusammenhänge aufmerksam machen, etwa auf besondere Belastungen durch Hitze oder auf andere Umweltfaktoren wie Pollenflug, die Beschwerden verstärken. Dadurch wird es möglich, sich besser auf diese Belastungen vorzubereiten.
- Gebäude- und Alltagssicherheit verbessern. Einige Assistenzlösungen lassen sich mit anderen Sensoren und Steuerungen vernetzen – etwa mit Herdabschaltung, Beschattung, Brand- und Einbruchsschutz, Luftqualitätsmessung oder Heizungssteuerung. Dadurch geht ihr Nutzen deutlich über den klassischen Notruf hinaus.
- Unterstützung vor Ort besser vernetzen. Digitale Assistenzsysteme enden nicht an der Wohnungstür. Gute Lösungen können mit Koordinationstools, freiwilligen Hilfenetzwerken und regionalen Angeboten verbunden werden. So entstehen Plattformen, die Hilfesuchende, Organisationen und freiwillig Engagierte zusammenbringen.
Viele Unterstützungsbedarfe im Alltag sind keine hochspezialisierte Pflege. Oft geht es um Begleitung, Orientierung, kleine Hilfen, soziale Einbindung oder rasch organisierte Entlastung. Wenn solche Aufgaben besser koordiniert werden, entlastet das nicht nur Angehörige, sondern auch Pflegedienste und Notrufstrukturen, die vielerorts bereits stark belastet sind.
Es ist sinnvoll, professionelle Pflege dort einzusetzen, wo ihre Qualifikation tatsächlich gebraucht wird. Anderes kann – wenn es gut organisiert ist – von Hilfspersonal, Technik oder unterstützenden Diensten übernommen werden. Dafür gibt es inzwischen auch Plattformen, die Unterstützungsbedarf und verfügbare Hilfe in der Nähe zusammenbringen. In unserem Interview mit Christine Freymuth, Expertin für gemeinwesenorientierte SeniorInnenarbeit, erklären wir, was Caring Communites – also unterstützende und sorgende Gemeinschaften sind.
Ein weiterer Fortschritt: Neuere Sensor-Generationen und lokale Verarbeitungs-Hubs können Daten bereits direkt in der Wohnung auswerten. Sie müssen nicht erst eine Cloud ansteuern, sind dadurch auch sicherer was den Datenschutz angeht und können in kritischen Situationen viel schneller reagieren.
Neue Lösungen für neue Herausforderungen
Digitale Assistenzsysteme werden die strukturellen Probleme in der Pflege nicht lösen. Sie können aber ein wichtiger Baustein sein. In Ländern wie Australien, Kanada oder den USA sind Assistenz- und E-Healthcare-Lösungen bereits stärker verbreitet – auch deshalb, weil dort die Versorgung über große Distanzen hinweg organisiert werden muss. Wenn das nächste Krankenhaus mehrere hundert Kilometer entfernt ist, braucht es neue Lösungen. Gesundheitsdaten z.B. von DiabetikerInnen und Herzerkrankten werden aus der Ferne überwacht, Abweichungen früh erkannt und notwendige Reaktionen schneller eingeleitet.
Solche Systeme können Veränderungen früher sichtbar machen, auf kritische Situationen hinweisen und Sicherheit schaffen, bevor Überforderung eskaliert. Lösungen, die Routinen lernen und Abweichungen erkennen, können beispielsweise Hinweise auf Mobilitätsverschlechterungen oder auf Verhaltensänderungen liefern, die auf kognitive Probleme hindeuten. Gerade für Menschen mit beginnender Demenz kann das einen erheblichen Unterschied machen, weil frühere Reaktionen möglich werden. Hinzu kommt: Menschen mit Demenz stürzen häufiger – umso wichtiger ist es, dass Hilfe rasch organisiert werden kann.
Wichtig ist bei der Auswahl des Systems, nicht in die alte Technikfalle zu tappen. Entscheidend ist nicht, was ein System theoretisch alles kann, sondern ob es niedrigschwellig, alltagstauglich und im konkreten Anwendungsfall nützlich ist. Die Technik muss sich an das Leben der Menschen anpassen – nicht umgekehrt.
Und noch etwas ist zentral: Digitale Lösungen können Information, Koordination und Zugänge verbessern, aber sie sind ein Hilfsmittel und keine sorgende Gemeinschaft. Sie können Kommunikation erleichtern, Angebote sichtbarer machen und helfen, Unterstützungsbedarfe und Hilfen besser zusammenzubringen. Sie können aber weder fehlende Zuständigkeiten noch mangelnde Finanzierung oder eine schwache lokale Infrastruktur ersetzen.
Genau das ist der entscheidende Punkt in der Debatte: KI ist kein Selbstzweck. Sie wird erst dann stark, wenn sie in tragfähige Strukturen eingebettet ist. Dazu gehört die Verbindung zu ambulanten Diensten ebenso wie die Frage, wer im Notfall reagiert, wer Informationen einordnet und wie Menschen begleitet werden, die selbst mit Technik nicht gut zurechtkommen. Es braucht also nicht nur Sensoren und Software, sondern klare Ansprechpersonen, gute Koordination und verlässliche Unterstützung vor Ort. Sonst produziert auch die beste Technik nur neue Daten – aber keine bessere Versorgung.
Und vielleicht ist das die wichtigste Einordnung überhaupt: KI-gestützte Assistenzsysteme sind dann sinnvoll, wenn sie Menschen stärken. Wenn sie keine zusätzlichen Hürden schaffen, sondern den Alltag erleichtern. Wenn sie nicht Beziehung ersetzen wollen, sondern dazu beitragen, dass Hilfe früher ankommt, die Belastung sinkt und die Selbstständigkeit länger erhalten bleibt. Genau dann können sie Teil der Antwort werden – nicht auf alles, aber auf einiges, was uns in den kommenden Jahren sehr konkret beschäftigen wird.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin








