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Ein Umzug ist nie nur eine Frage von Zimmerzahl, Miete oder Lage. Gerade im Alter beeinflusst das neue Zuhause wesentlich, wie gut der Alltag langfristig funktioniert. Was heute noch problemlos ist, kann später mühsam werden: Stufen, lange Wege, eine schwache Verkehrsanbindung oder fehlende Unterstützung in der Nähe.
Deshalb lohnt es sich, bei einem Umzug nicht nur den aktuellen Bedarf im Blick zu haben, sondern auch die kommenden Jahre mitzudenken. Wer früh auf Alltagstauglichkeit achtet, kann später Aufwand, Stress und unter Umständen auch Kosten reduzieren. Das ist auch deshalb relevant, weil viele pflegerische Unterstützungsstrukturen künftig stärker belastet sein dürften – unter anderem durch knappe Budgets und fehlendes Personal bei gleichzeitig hohem Bedarf am Markt.
Ich habe Ihnen dazu einige Punkte zusammengestellt, die mir in meinen Recherchen und Gesprächen immer wieder begegnet sind. Wenn Sie eigene Erfahrungen teilen und diesen Punkten noch etwas hinzufügen möchten, freue ich mich über Ihre Nachricht: Anja Herberth, Herausgeberin, anja@sbc.co.at
1. Erdgeschoß oder Aufzug: Hauptsache gut erreichbar
Treppen fallen oft erst dann auf, wenn sie beschwerlich werden. Was lange selbstverständlich war, kann mit der Zeit mühsam oder sogar zum Hindernis werden. Deshalb ist es sinnvoll, auf eine Wohnung zu achten, die möglichst ebenerdig liegt oder über einen Aufzug erreichbar ist. Wichtig ist auch, ob der Lift groß genug ist, damit später einmal ein Rollator, ein Rollstuhl oder eine Begleitperson gut Platz haben.
2. Nicht zu abgelegen wohnen
Ruhe und Grün sind schön — aber ein Zuhause sollte nicht so abgelegen sein, dass im Alltag alles kompliziert wird. Gerade im Alter ist es hilfreich, wenn NachbarInnen in der Nähe sind und man nicht völlig für sich allein lebt. Wer zu weit abseits wohnt, ist bei kleinen Krisen, gesundheitlichen Problemen oder spontanen Unterstützungsbedarfen oft schneller aufgeschmissen. Ein gutes Wohnumfeld ist deshalb nicht nur ruhig, sondern auch gut erreichbar und in eine Gemeinschaft eingebettet.
3. Nachbarschaft und soziale Einbindung ernst nehmen
Punkt 2 und 3 sind untrennbar miteinander verbunden: Ein Zuhause besteht nicht nur aus der Wohnung selbst. Ebenso wichtig ist, ob es im Umfeld Menschen gibt, die erreichbar sind, ob Begegnung möglich ist und ob ein Gefühl von Zugehörigkeit entstehen kann. Warum das immer wichtiger wird: Angesichts knapper werdender öffentlicher Ressourcen werden Nachbarschaft, Freiwillige HelferInnen und sogenannte Caring Communities künftig eine größere Rolle spielen. Es ist deshalb sinnvoll, darauf zu achten, ob das Umfeld eher anonym oder lebendig ist — und ob Unterstützung im Alltag im Ernstfall denkbar ist.
Weiters ist Einsamkeit eines der größten Gesundheitsrisken: Sie steht mit schwerwiegenden Erkrankungen wie Depressionen, Demenz, Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs in Verbindung und gilt als eine der häufigsten Todesursachen. Nehmen Sie die soziale Einbindung daher sehr ernst und erkundigen Sie sich, ob es Pensionistenklubs, Verbände, Spielegemeinschaften etc. in ihrer Umgebung gibt und laden Sie Ihre Nachbarn zum Kaffee ein. Gemeinsam ist das Leben nicht nur einfacher und schöner, Sie werden dadurch auch in der Krise und bei Unterstützungsbedarf resilienter. Je anonymer und dichter die Strukturen, desto mehr muss Nachbarschaft aktiv organisiert werden und sie entsteht nicht von allein. Mehr dazu erfahren Sie hier.
In unserem Interview mit Christine Freymuth finden Sie mehr zum Thema Caring Communities. In unserem PDF mit wertvollen Tipps zur Organisation des Alltags erfahren Sie, wie Sie neue Kontakte knüpfen und Anschluss finden können.
4. Einkaufsmöglichkeiten möglichst ohne Auto
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Nahversorgung. Gibt es in der Nähe einen Supermarkt, eine Apotheke, eine Bank, eine Post oder andere wichtige Anlaufstellen? Und sind diese Orte auch ohne Auto gut erreichbar? Wer im Alltag für jeden kleinen Weg auf ein Auto angewiesen ist, wird später schneller abhängig. Kurze, einfache Wege sind im Alter oft viel wertvoller als man in jüngeren Jahren zunächst denkt.
5. Ärztliche Versorgung mitdenken
Auch die medizinische Versorgung sollte bei der Wohnentscheidung mitgedacht werden. Gibt es HausärztInnen in der Nähe? Und wie sieht es mit FachärztInnen, Apotheken, Therapien und ambulanten (Pflege-)Diensten aus? Diese Frage wird in den kommenden Jahren immer wichtiger, weil der Druck auf die medizinischen und pflegerischen Versorgungssysteme steigt und die ambulante, regionale Betreuung eine immer größere Rolle spielen wird. Ein schönes Zuhause hilft wenig, wenn notwendige Unterstützung im Alter nur mit großem Aufwand erreichbar ist.
6. Die Wohnung nicht nur für heute, sondern auch für später denken
Bei einem Umzug wird oft danach gesucht, was aktuell gut passt. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, ob die Wohnung oder das Haus auch später im Alter noch funktionieren kann. Gibt es viele Schwellen, die später zu Stolperfallen werden? Ist das Bad gut nutzbar? Sind die Türen breit genug, um auch mit einem Rollator fahren zu können? Gibt es ausreichend Licht und Orientierung? Solche Punkte können entscheidend dafür sein, wie lange ein selbstbestimmtes und sicheres Leben zu Hause gut möglich bleibt.
Sollten Sie sich über manche Technologien wie z.B. einen elektrisch gesteuerten Sonnenschutz oder Assistenztechnologien wie Sturzsensorik noch nicht im Klaren sein, so können Sie für eine ausreichende Verrohrung sorgen, um im Fall der Fälle bei einem Einbau weniger Aufwand zu haben.
Eine detailliertere Liste mit Kriterien finden Sie auch in unserem PDF mit Tipps zum Alltag.
7. Heizen, Kühlen und Beschattung nicht unterschätzen
Ein Punkt, der bei einem Umzug leicht übersehen wird, ist die Frage, wie gut sich eine Wohnung temperieren lässt. Gerade im Alter verbringen viele Menschen mehr Zeit zu Hause. Gleichzeitig verändert sich im Alter das Wärme- und Kälteempfinden. Das bedeutet oft: Im Winter wird mehr geheizt, im Sommer wird Hitze stärker belastend.
Umso wichtiger ist eine zuverlässige und leistbare Wärmequelle, die langfristig nicht zur Kostenfalle wird. Gleichzeitig sollte angesichts heißer Sommer auch eine Möglichkeit zur Kühlung mitgedacht werden — sei es durch eine Klimaanlage, durch bauliche Lösungen wie Betonkernaktivierung oder zumindest durch eine Wohnung, die sich nicht extrem aufheizt. Achten Sie auch auf eine ausreichende Dämmung und gute abdichtende Fenster, damit Sie nicht Ihre Umgebung mitheizen.
In Deutschland und Österreich gibt es den sogenannten Energieausweis: Er dient Kauf- oder Mietinteressierten als Überblick über die energetische Qualität eines Gebäudes und ist bei Verkauf, Neuvermietung oder Verpachtung in der Regel Pflicht. EigentümerInnen oder MaklerInnen müssen ihn InteressentInnen spätestens beim Besichtigungstermin unaufgefordert vorlegen. Nach Abschluss des Kauf- oder Mietvertrags muss der Ausweis bzw. eine Kopie übergeben werden.
Dieser Energieausweis zeigt Ihnen auf einen Blick, ob eine Wohnung oder ein Haus eher sparsam oder eher teuer beim Heizen ist. Achten Sie besonders auf die Effizienzklasse und darauf, wie hoch der Energieverbrauch ist: Je besser die Klasse und je niedriger der Energieverbrauch, desto günstiger und oft auch angenehmer kann das Wohnen sein. Gibt es im Haus noch eine Öl- oder Gasheizung, lohnt sich ein genauer Blick: Durch den steigenden CO₂-Preis ist damit zu rechnen, dass das Heizen in den nächsten Jahren Schritt für Schritt teurer wird. Holz(etagen-)heizungen, die manuell nachgelegt werden müssen, können im Alter zu einer Herausforderung werden. Achten Sie bei einer PV-Anlage mit Speicher darauf, ob diese im Falle eines Stromausfalls funktionieren würde. Der Betrieb hängt normalerweise von Strom ab, eine PV-Anlage nicht automatisch als Ersatzstromsystem ausgelegt. Das muss als Lösung auch so installiert werden.
Auch das Thema Beschattung ist wichtig: Gibt es außenliegende Jalousien, Rollläden, Markisen oder andere wirksame Lösungen gegen Überhitzung? Wer hier früh hinschaut, verbessert nicht nur den Wohnkomfort, sondern schützt auch Gesundheit, Energieverbrauch und Leistbarkeit im Alltag.
Früh mitdenken entlastet später
Ein Umzug ist immer auch eine Chance, das eigene Wohnen neu und vorausschauend zu denken. Gerade in einer Zeit, in der pflegerische Unterstützungssysteme stärker unter Druck geraten, ist es klug, möglichst viele Alltagsfragen schon bei der Wohnungssuche mitzudenken. Nicht alles muss perfekt sein – aber ein Zuhause, das auch im Alter gut unterstützt, Sicherheit und Komfort leistet, kann später einen großen Unterschied machen.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin









