Der Weltfrauentag ist einer dieser Termine, an denen Frauen diskutiert, analysiert und beklatscht werden. Es gibt Panels, Statements und wohlfeile Sätze über Gleichstellung, Altersarmut und die unbezahlte Care-Arbeit. Und dann geht es weiter wie bisher: Im Alltag, in den Budgets, in den Strukturen.
Dabei ist die Lage längst nicht mehr nur ein Gerechtigkeitsthema, sondern eine harte Frage der gesellschaftlichen Stabilität. In der EU liegt die durchschnittliche Pension von Frauen ab 65 um rund ein Viertel unter jener von Männern – und Österreich gehört zu den Ländern mit den größten Abständen. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Teilzeit, Unterbrechungen und niedrigeren Einkommen – auch weil immer noch viele Frauen in Berufsfeldern wie Gesundheit & Soziales, Bildung, Handel & Verkauf sowie Büro arbeiten, die gesellschaftlich unverzichtbar sind, aber wirtschaftlich zu wenig wertgeschätzt werden. Dennoch sei hier angemerkt: Frauen sind heute häufiger erwerbstätig und wirtschaftlich eigenständiger. Und das hat Auswirkungen – aber dazu später.
Diese Bündelung in speziellen Sektoren ist kein österreichisches Sonderthema, sondern ein dauerhaftes Muster in OECD-Ländern, betont auch die OECD: Berufs- und Branchensegregation bleibt ein zentraler Treiber von Ungleichheiten, und viele Frauen arbeiten weiterhin in sogenannten „pink-collar“-Bereichen. Und wenn Frauen nach getaner Arbeit nach Hause kommen, wartet oft der zweite Teil des Tages: Pflege- und Unterstützungsarbeit in der Familie. Auch sie wird nach wie vor überwiegend von Frauen getragen.
Dass Frauen pessimistischer in die Zukunft blicken, ist daher nicht „Stimmung“, sondern ein Symptom. Eine aktuelle Auswertung von Allianz Research spricht von einem deutlichen „gender sentiment gap“: Frauen sind im Schnitt spürbar pessimistischer als Männer – auch, weil sie strukturell mehr Abhängigkeiten erleben. Sie sind häufiger von Dritten und von sozialen Leistungen abhängig. Und genau diese Systeme, die eigentlich abfedern sollten, geraten aktuell selbst unter Druck.
Und hier wird es unangenehm: Das Care-System, auf das wir uns faktisch verlassen, beginnt zu kippen – und immerhin werden 85% der Pflegebedürftigen zu Hause unterstützt. Die Caregiver Support Ratio – vereinfacht: wie viele potenzielle Angehörige für eine hochaltrige Person zur Verfügung stehen – sinkt in den kommenden Jahrzehnten massiv. Die Gründe sind banal und brutal zugleich: Nach den Babyboomern kommen weniger geburtenstarke Jahrgänge nach. Und die Lebenslinien von Frauen ändern sich – langsam, aber sie tun es. Und wie schon angemerkt: Frauen arbeiten mehr, sind wirtschaftlich eigenständiger und gehen ihre eigenen Wege. Die Unternehmen brauchen ja auch diese Arbeitskräfte, denn mit der Babyboomer Generation geht eine sehr geburtenstarke Generation nun in Pension.
>> Genau an diesem Punkt trifft gesellschaftlicher Fortschritt auf eine nach alten Annahmen organisierte Realität. <<
Genau an diesem Punkt trifft gesellschaftlicher Fortschritt auf eine nach alten Annahmen organisierte Realität. Die Entwicklung der Frauen ist richtig und notwendig. Aber sie kollidiert mit einem System, das stillschweigend darauf gebaut ist, dass „irgendwer“ schon pflegt – und dieser „irgendwer“ meist eine Frau ist. Wenn sich Rollen verändern, muss sich die Infrastruktur mitverändern. Sonst landen wir in einem paradoxen Zustand: Wir feiern Gleichstellung – und organisieren Versorgung weiterhin über traditionelle Erwartungshaltungen.
Wenn wir also am Weltfrauentag über Care und Altersarmut sprechen, dann bitte nicht nur als moralische Übung. Es geht um eine nüchterne Realität: Wir können die Versorgung einer alternden Gesellschaft nicht mit Appellen an private Aufopferung absichern – schon gar nicht, wenn die Zahl der verfügbaren Angehörigen sinkt. Wer das ignoriert, verschiebt die Last weiter auf jene, die ohnehin schon mehr tragen.
Vielleicht sollten wir uns tatsächlich mehr Anleihen an der wunderbaren Eleanor Ambos nehmen, die Protagonistin im Film „Ein Leben in Farbe.“ Ein Film, der die Frage stellt, wie wir altern wollen – Prädikat: Sehenswert. Wir Frauen sollten alle ein wenig mehr wie Eleanor agieren: Sich nicht in Rollen pressen lassen, sich nicht schuldig fühlen, wenn man das eigene Leben ernst nimmt. „To be nuts and not to feel guilty about it.“ In einer Gesellschaft, die Frauen bis heute schneller bewertet, schneller einordnet und schneller in Verantwortung drängt, ist das keine Provokation. Es ist Selbstschutz.
Der Weltfrauentag wäre ein guter Moment, diese Wahrheit auszuhalten: Applaus ändert nichts. Was zählt, sind Strukturen – in Pflege, in Arbeitsmodellen und in Entlastung. Solange wir das nicht konsequent angehen, bleibt der 8. März ein Ritual. Und der Preis dafür wird im Alltag bezahlt – von Frauen, von Familien und am Ende von uns allen.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin














