Wie Städte älteren Menschen Unterstützung bieten können

Mit den demographischen Herausforderungen entstehen immer mehr Strategien, um älteren Menschen Orientierung und Unterstützung zu bieten und das Leben in der Stadt zu erleichtern.

Städte stehen zunehmend vor der Herausforderung, ihre Infrastrukturen und Dienstleistungen an die Bedürfnisse ihrer BewohnerInnen anzupassen. Vor allem die Integration älterer Menschen ist angesichts der demografischen Entwicklung in vielen Teilen der Erde von großer Bedeutung. Bild: Shutterstock

Die Entwicklung von Smart City Strategien, welche die Bedürfnisse älterer Menschen miteinbeziehen, ist ein wichtiger Schritt: Unsere Gesellschaften altern, immer mehr Menschen sind 65 Jahre alt und darüber. Für Städte ist die Entwicklung hin zu einer inklusiven und altersgerechten urbanen Umgebung essentiell: Diese Konzepte ermöglichen älteren Menschen mehr Unabhängigkeit und Mobilität in der Stadt. Sie beseitigen Hindernisse und schaffen eine inklusive Umgebung, in der Menschen jeden Alters die Stadt sicher und bequem erkunden können und aktiv am städtischen Leben teilnehmen können.

Die Strategien und Konzepte sind vielfältig: Durch die Integration von barrierefreien Infrastrukturen, digitalen Assistenzsystemen, virtuellen Karten, Gemeinschaftszentren und Schulungen können Städte sicherstellen, dass ältere Menschen aktiv am städtischen Leben teilnehmen und eine hohe Lebensqualität genießen können.

In Asien sind die Konzepte, um älteren Bewohnerinnen und Bewohnern ein komfortables Leben bieten zu können, besonders ausgereift. Ein Land mit einer langen Geschichte von Forschung und Entwicklung smarter Technologie-Konzepte ist Japan. Es steht vor großen demografischen Herausforderungen: Laut den Vereinigten Nationen ist Japan – gemessen am Anteil der über 65jährigen – das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt. Aber auch in Europa werden bereits einzelne Konzepte und Projekte zur besseren Integration der älteren Generation sichtbar.

Datengestützte Stadtplanung

Die Smart City-Politik Japans geht mit den sozialen Veränderungen im Land einher. So sind 29% – also fast ein Drittel – der japanischen Bevölkerung 65 Jahre alt oder älter. Das National Institute of Population and Social Security Research geht davon aus, dass dieser Anteil bis 2040 auf etwa 34,8 % ansteigen wird. Das Land kämpft parallel dazu mit einer der niedrigsten Geburtenraten der Welt und mit der Frage, wie es seine alternde Bevölkerung versorgen soll. Gleichzeitig ist eine Konzentration der Bevölkerung in Städten zu beobachten.

Um die gesellschaftlichen Herausforderungen zu lösen, entstehen in themenübergreifender Forschung und unter Einbezug von Universitäten und Industrie neue Zugänge für die städtebauliche Entwicklung. Mehrere Wissensgebiete sind in diese Projekten integriert: Neben der Stadtplanung, Verkehrstechnik und dem Bauwesen sind beispielsweise auch ExpertInnen von Sozial- und Geisteswissenschaften an Bord. Hinzu kommen Anbieter von Infrastrukturtechnologien und der IT.  

Einige Beispiele: Durch die Kombination von anonymisierten Immobilien-, Verkehrs- und Stadtplanungsdaten wird detailliert untersucht, wann und wie sich BewohnerInnen einer Region bewegen. An Hand der Analyse von Personenströmen und Bewegungsverhalten kann im Anschluss die urbane Mobilität verbessert werden. Also wo braucht es Fußgänger- und Fahrradwege, wie können Verkehrsanbindungen verbessert und Verkehrsstaus reduziert werden? Auch die Planungen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Parks oder auch Gemeinschaftsräumen werden mit Hilfe dieser datengetriebenen Simulationen unterstützt. Die Projekte zielen auf die Schaffung moderner und lebendiger Stadtviertel ab, welche auch die Bedürfnisse und die Lebensqualität der älteren Bewohnerinnen und Bewohner miteinbeziehen.

Diese datengesteuerte Stadtplanung befindet sich noch in der Testphase, die Ergebnisse und Erfahrungen aus Testprojekten wie in der Stadt Matsuyama sollen nun auf größere städtische Projekte ausgeweitet werden.

Japan ist - gemessen am Anteil der über 65jährigen - das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt. Smart City-Konzepte sollen nun dabei helfen, die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung in die Stadtplanung zu integrieren. Mit Erfahrungen aus Testprojekten wie hier in der Stadt Matsuyama sollen weitere Projekte in Metropolen wie Tokio folgen. Credit:Shutterstock

Singapur: Gesundheitspersonal entlasten

Auch Singapur, der flächenmäßig betrachtet kleinste (Stadt-)Saat Südostasiens, hat eine Vielzahl an Maßnahmen ergriffen, um die Bedürfnisse älterer Menschen in die städtische Planung und zu integrieren. Einige Maßnahmen kennen wir aus vielen Städten: Neben breiteren Bürgersteigen, die es älteren Menschen ermöglichen, sicherer zu gehen und sich fortzubewegen, gibt es spezielle Gehwege mit taktilen Leitsystemen für Sehbehinderte. Sie erleichtern die Orientierung und ermöglichen es ihnen, sich besser in der Stadt zurechtzufinden. Darüber hinaus wurden Aufzüge an U-Bahn-Stationen installiert, um älteren Menschen den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu erleichtern.

So weit, so gut. Singapur geht aber einen Schritt weiter. In Asien ist die Faszination für humanoide Roboter deutlich größer: Man ist technologieaffiner, neue Technologien werden weniger kritisch hinterfragt als in den meisten anderen Ländern auf der Welt. So werden Roboter bereits zur Unterstützung in der Pflege älterer Menschen herangezogen. 

Bis Februar 2024 testete man den Einsatz des Roboters „Aiden“ – der Name steht für “Autonome Intelligenz für Lieferung und Engagement” – in Singapurs Straßen. Er war im Block 151 Mei Ling Street unterwegs und unterstützte ältere Menschen z.B. mit der Auslieferung von Mahlzeiten bis hin zur Medikamentenausgabe. Sein Einsatz ist technologisch anspruchsvoll: Für diese Tätigkeiten musste sich „Aiden“ dabei durch enge Korridore und kleine Aufzüge bewegen können.

Ziel dieses Roboter-Allrounders ist übrigens nicht der Ersatz des Assistenzpersonals, sondern seine Entlastung. Alltägliche Aufgaben werden übernommen, damit das Gesundheitspersonal sich auf die zwischenmenschliche Ebene in der Pflege der Menschen fokussieren kann.

Erste Schritte auch in Europa

Auch in europäischen Ländern stehen Städte vor demografischen Herausforderungen: Der Anteil der älteren Menschen wächst. Das bedeutet: Es geht weniger um die Entwicklung einer dynamischen und schnellen Stadt, sondern eher um Entschleunigung und Vereinfachung und um den gezielten Einsatz technologischer Innovation. Die Ideen zum Einsatz intelligenter Konzepte sind vielfältig und soll grundsätzlich alle Menschen dabei unterstützen, sich in der Stadt frei zu bewegen.

Laut Forschern werden beispielsweise Ampeln in Zukunft die Anzahl wartender Menschen erkennen und auf Grün springen, wenn eine gewisse Zahl erreicht ist. Und sie sollen auch dann erst auf Rot springen, wenn alle Senioren und Kinder die Straße überquert haben. Virtual Reality-Simulationen experimentieren mit Geräten, um Menschen mit Sehbehinderungen per Sprachsteuerung sicher durch die Stadt zu navigieren.

London setzt auf die App „AccessAble“, um älteren Menschen die Navigation in der Stadt zu erleichtern. Sie bietet detaillierte Informationen über die Zugänglichkeit von Gebäuden, öffentlichen Verkehrsmitteln und anderen Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen und ältere Menschen. Durch die Nutzung dieser App können ältere Menschen leichter barrierefreie Routen planen und sich in der Stadt zurechtfinden. Auch die französische App Streetco wendet sich an FußgängerInnen mit körperlichen Einschränkungen. NutzerInnen können die Community in Echtzeit und von unterwegs über Hindernisse und behindertengerechte Wege informieren. Aktuell ist die App in 35 Partner-Cities mit über 30.000 UserInnen aktiv.

Ältere Generation in Digitalisierung einbeziehen

In einer immer digitaleren Welt daher notwendig: Älteren Menschen digitale Basis-Fähigkeiten beibringen und die Scheu vor Neuem abbauen. Denn die rasanten Entwicklungen und die rasche Zunahme der Bedeutung digitaler Technologien exkludieren Generationen, die bis dato nur wenig damit in Berührung kamen. Schulungen im Umgang mit Smartphones, Tablets & Co. sind daher bereits heute Teil breit angelegter Programme zur Förderung der digitalen Inklusion älterer Menschen.

Insgesamt zeigen diese Entwicklungen, dass Smart Cities nicht nur die Zukunft sind, sondern auch dazu beitragen können, das Leben älterer Menschen in der Stadt zu verbessern und ihre Integration in das städtische Leben zu fördern. Diese Konzepte stellen sicher, dass Städte für Menschen jeden Alters zugänglich und lebenswert sind.

Anja Herberth
Author: Anja Herberth

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Verfasst von Anja Herberth