Buchtipp: Alles überall auf einmal

Durch ChatGPT wird Künstliche Intelligenz plötzlich für jeden von uns zugänglich – und damit stehen wir an einer entscheidenden Schwelle, wie die beiden Autorinnen Miriam Meckel und Léa Steinacker ausführen. Denn damit verändert sich nun Alles überall auf einmal.

Die beiden Autorinnen: Miriam Meckel (li.) und Léa Steinacker. Fotocredits: Stephanie Pistel


Warum wir Ihnen dieses Buch ans Herz legen:
Künstliche Intelligenz verändert unsere Arbeitswelt und unsere Jobs, unser Wohnen und Leben. Für jede und jeden von uns stellt sich die Frage, welche Tätigkeiten noch von uns selbst, und welche durch KI, Robotik und Automatisierung erledigt werden. Für uns Menschen ist es nicht nur essentiell, die Kompetenzen und Skills zu schärfen, die auch weiterhin am Arbeitsmarkt gefragt sein werden. 

Es gilt, sich in einer immer komplexeren Welt zurechtzufinden, die für viele von uns gänzlich neu ist und auch Angst macht. Daher empfehlen wir dieses Buch als Basislektüre, da die beiden Autorinnen die Entwicklungen und Veränderungen sehr anschaulich und ohne populistischen Hintergedanken darlegen. Sie plädieren für ein aktives Gestalten dieser neuen Welt und dieser Vielzahl an Möglichkeiten, weisen aber auch auf die Gefahren und Herausforderungen hin. 

Die Demokratisierung der Künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz ist schon lange Teil unseres Lebens – auch wenn es uns nicht bewusst ist. So arbeiten Dienste wie Netflix, Siri und Google bereits mit KI: Die Empfehlungen werden personalisiert über Künstliche Intelligenz auf unsere ganz persönlichen Wünsche abgestimmt. Sie ist auch an Bord, wenn wir unser Mobiltelefon mit Hilfe der Gesichtserkennung entsperren. Die beiden Autorinnen rollen im Buch auch die lange Entwicklungsgeschichte auf – bis hin zu Ada Lovelace, die schon im Jahr 1843 beschrieb, wie Technologie eines Tages all das reproduzieren werde, was sich mit Logik beschreiben lässt.

Nun gibt es seit Jahren also Anwendungen im Hintergrund, aber wir hatten keinen direkten Zugriff darauf. Und genau das ändert sich nun.

Durch ChatGPT ist diese Technologie für jede und jeden von uns verfügbar. Die KI wird zur Massenanwendung. Für die beiden Autorinnen heißt das: Es ändert sich alles überall und auf einmal. 

Der Titel wurde inspiriert durch den 7fach oscarprämierten Film ““Everything Everywhere All at Once.” KI- Anwendungen werden unsere Art zu leben, zu arbeiten, Unternehmen zu führen, zu wirtschaften, zu kommunizieren und Politik zu machen komplett auf den Kopf stellen. Disruptiv und verbunden mit einer hohen Dynamik, beinhalten diese Technologien eine sehr große Chance für uns – wenn wir sie verstehen und die richtigen Weichen stellen. Ziel der beiden Autorinnen ist es, ein Verständnis für diese Technologien und ihre Anwendungen aufzubauen und die Ängste abzubauen. Sie plädieren dafür, die Anwendungen gemeinsam, überlegt und ethisch zu gestalten. 

Ein Universum an Möglichkeiten

Wenn Angst geschürt wird vor Künstlicher Intelligenz, so ist das oft getrieben durch Business-Interessen. Wir werden nicht als Menschen abgelöst, ganz im Gegenteil: KI bedeutet eine Vielzahl an Möglichkeiten. Und sie bedeutet auch, dass wir uns auf das Menschliche bzw. Zwischenmenschliche fokussieren können. So wird das Handwerk oder auch die Pflege durch generative KI nicht ersetzt werden. Aber: KI wird diese Jobs unterstützen, etwa die Bürokratie und lästige Routinen reduzieren oder ganz abnehmen.

Ein weiteres Beispiel sind Konzerte: Musik ist überall online verfügbar, aber wir gehen weiterhin auf Konzerte. Wir nehmen als Avatare bei Videokonferenzen teil, sind aber genauso persönlich auf der ganzen Welt unterwegs, fahren auf Urlaub. Die Herausforderung: Es gilt, in einem Universum an Möglichkeiten diese möglichst schlau einzusetzen.  

Liest man von Horrorzahlen, Millionen an abgebauten Arbeitsplätzen, so lassen sich diese Daten sehr schnell relativieren. Es wird viel spekuliert, welche Jobs von diesen Entwicklungen betroffen sein werden. Hier bieten die beiden Autorinnen einen sehr tiefen Einblick: Es geht nicht um den Abbau auf der Ebene der Jobs, sondern vielmehr um individuelle Arbeitsschritte. KI Anwendungen übernehmen individuelle Arbeitsschritte in einer Serie von Aufgaben. KI ist ja nicht gleich KI – das sind sehr individuelle Technologien und Anwendungen. Eine Automatisierung im Vertrieb und Marketing sieht z.B. anders aus als eine durch KI unterstützte Buchhaltung.

Die Automatisierung wird auch nicht nur sogenannte Blue Collar Jobs betreffen – also Jobs mit körperlicher und handwerklicher Arbeit. Es wird auch viele White Collar Jobs betreffen: Also auch das Management und Führungskräfte, JuristInnen, das Finanzwesen sowie BeraterInnen. Das bedeutet: Jede und jeder von uns sollte sich fragen, ob es Arbeitsschritte gibt, die von KI erleichtert oder übernommen werden können. 

Ein Beispiel: Textierungen und Formulierungen, insbesondere mit vielen Vorlagen, Standards und Mustern, sind besonders betroffen. Anmerkung der Autorin: Den Journalismus wird die KI besonders auf den Kopf stellen – aber auch erleichtern. Es gibt immer mehrere Blickwinkel, aus denen man Veränderungen betrachten kann. Und es kommt darauf an, wie wir diese Tools einsetzen.

KI-Anwendungen übernehmen nicht unsere Jobs, sondern einzelne Arbeitsschritte. Sie unterstützen uns z.B. bei Bürokratie, Routinen & Textierung, und das ganz individuell. Denn KI ist nicht KI: Es sind sehr individuelle Technologien und Anwendungen. Fotocredit: Shutterstock

Es lauern: Herausforderungen, unerwünschte Nebeneffekte und ethische Dilemmata 

Ein Beispiel sehr herausfordernde Nebeneffekte ist die politische Kommunikation, oder besser gesagt: Die Desinformation. Im Jahr 2024 befinden wir uns in einem Jahr, in dem mehr als Hälfte der Weltbevölkerung wählt. KI ermöglicht es innerhalb weniger Minuten, ein Deep Fake-Video zu erstellen oder Stimmen zu klonen. Ein Beispiel liefert der aktuelle US-Wahlkampf: Ein Robo Call – also ein automatisierter Anruf – mit der Stimme des amtierenden US-Präsidenten Joe Biden forderte seine demokratischen AnhängerInnen dazu auf, nicht zur Wahl zu gehen. Auch in Taiwan gab es im Januar 2024 eine chinesische, durch KI gestützte Desinformationskampagne, um die Wahl zu beeinflussen (Anmerkung: Um die Wiedervereinigung von Taiwan mit China zu ermöglichen).

Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 wurden nur 6% aller Nachrichten als Fake News identifiziert. 80% der Fehlinformationen entfielen auf nur 1% der Nutzerschaft. Das ist sehr wenig – ändert sich aber nun durch generative KI. Text, Bild, Ton und Video: All das lässt sich mit neuen Tools sehr schnell und auch sehr günstig mit nur wenigen Basis-Skills produzieren. 

Bedeutet für uns: Wir können Stimmen, Fotos und Videos nicht mehr trauen. Es wird immer wichtiger, kritisch mit Informationen und Medieninhalten umzugehen.

In diesem Kapitel gibt es eine großartige Anekdote, die eine Pressekonferenz mit Rudy Giuliani vor einem mit Trump-Stickern plakatierten Rolltor in der Pampa von Pennsylvania beschreibt. Ein PR-Desaster und Fake-Ereignis der Sonderklasse, über das es sogar eine eigene Dokumentation gibt: Statt im noblen “Four Seasons”-Hotel fand die Konferenz vor den Rolltoren der Landschaftsgärtnerei “Four Seasons Total Landscaping” statt. Dieser kapitale PR-Fehler – man wollte eigentlich erneut Fake News zu Donald Trumps Wiederwahl kommunizieren – verkam zum weltweiten Meme. Zeitgeschichte hat manchmal Humor. 

Die Stärke des Buchs liegt in der Fähigkeit, auch komplexe Konzepte und Zusammenhänge klar und verständlich darzustellen.

Fazit

Die beiden Autorinnen beleben wissenschaftliche Forschungsergebnisse mit unterhaltsamen Anekdoten und Erkenntnissen aus dem “wirklichen Leben”. Ihre Analysen sind durch Theorie und Praxis begründet, werden dadurch lebendig und auch für Laien nachvollziehbar.

Sie regen in diesem Buch auch die Selbstreflexion an: Wie ist meine Beziehung zu Technologie und KI? Welche Rolle nimmt KI in meinem Job ein, welche in meinem privaten Umfeld? Wie wird sich diese Rolle verändern und damit auch mein Job? Damit verknüpft sind immer auch Gedanken zur Privatsphäre, zur Überwachung und natürlich auch zur Macht und deren Umverteilung. Meckel und Steinacker plädieren für einen überlegten und ethischen Umgang mit diesen Technologien, die unser aller Leben völlig auf den Kopf stellen wird. 

Miriam Meckel & Léa Steinacker:
Alles überall auf einmal

Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt verändert und was wir dabei gewinnen können

Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2024 (deutsche Ausgabe) 

Englisch

Anja Herberth
Author: Anja Herberth

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Verfasst von Anja Herberth