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Pflege: Was wir von Dänemark lernen können

Dänemark ein oft genanntes Positiv-Beispiel, wie eine Pflege-Reform aussehen könnte. Das Land hat fundamentale Veränderungen initiiert. Was macht es punkto Pflege anders – und was können wir lernen? Anja Herberth war vor Ort.

Der Showroom ist wie eine Wohnung aufgebaut: Der Tisch ist gedeckt, Bad und Toilette sind blitzblank geputzt. Ich bin im Innovationszentrum „DokkX“ in Aarhus, der zweitgrößten Stadt in Dänemark, und sehe mir den Showroom der Kommune zum Thema „Assisted Living“ an. Mit einer Gruppe aus dem österreichischen Pflege-Sektor machte ich mir im Zuge einer Zukunftsreise ein eigenes Bild von den Pflege-Lösungen in Dänemark.

Die vergangenen Tage war Dänemark ein oft genanntes Positiv-Beispiel, wie eine Pflege-Reform aussehen könnte. Die Gesundheitspolitik in Österreich und Deutschland wurde heftig diskutiert: So warnte der deutsche Bundes-Gesundheitsminister Karl Lauterbach bei einer Pressekonferenz, die Zahl der Pflegebedürftigen sei 2024 explodiert. Man hatte mit einem Zuwachs von 50.000 Pflegebedürftigen gerechnet – es sind jedoch 360.000 neue Pflegebedürftige. Wie kann ein Bundesminister und sein gesamtes Ministerium in der größten Volkswirtschaft der EU so dermaßen danebenliegen? ExpertInnen waren jedenfalls nicht überrascht, denn es kamen bereits in den vergangenen Jahren mehr als 300.000 neue Pflegebedürftige ins deutsche System. Es gibt in der Politik einen schmalen Grat zwischen erfrischender Ehrlichkeit und völliger Inkompetenz.

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In Österreich wird statt einer grundlegenden Reform über den Finanzausgleich mehr Geld für Gesundheit und Pflege zur Verfügung stehen. Eine Pflegeentwicklungs-Kommission soll im zersplitterten System mit seinen vielen Trägerorganisationen und Bundesländern eine bessere Abstimmung erzielen. Viele Themen sind noch offen. Beispiel: Obwohl immer mehr Menschen auf Grund des Fachkräftemangels zu Hause gepflegt werden, gibt es nicht überall die mobile Pflege. Besonders abseits der Städte ist die Versorgung nicht ausreichend gegeben.

Fazit: Die heiße Kartoffel einer Gesamtreform wird nicht aufgegriffen. Die Koalitionen in beiden Ländern können sich auf keine Reform einigen, die Ansätze sind zu weit auseinander.

Österreich wählt 2024, in Deutschland 2025. In den kommenden ein bis zwei Jahren wird es wohl keine Entwicklungen geben. Sehen wir uns also das dänische System ein wenig näher an, das bereits seit Jahren fundamentale Veränderungen initiiert hat. Was macht das Land punkto Pflege besser?

Neue Technologien sehen und verstehen

Das „X“ im „DokkX“ steht für das Unbekannte, das Experiment. Bereits seit 2016 können sich Bürgerinnen und Bürger zu den technologischen Lösungen der Zukunft beraten lassen. In einem der Stockwerke ist der Assisted Living-Showroom eingerichtet. Er zeigt den rund 10.000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr, welche Assistenz-Technologien und Hilfsmittel für die Pflege am Markt sind. Von den insgesamt 74.000 BesucherInnen an diesem Standort kam die Hälfte aus der eigenen Kommune. Um Lösungen auch nur kurz ausprobieren zu können, werden auch schon einmal längere Anfahrtswege in Kauf genommen.

Etwa 200 Produkte sind aktuell in der Ausstellung zu sehen und zu testen. Nach ein paar Monaten wird die Ausstellung neu zusammengesetzt und neuen Entwicklungen Platz gemacht. Hilfsmittel lassen oft bedürftig und alt aussehen. Nett und schick gestalten sei sehr wichtig, wird uns erklärt. Vom smarten Toiletten-Sitz über Besteck für Alzheimer-PatientInnen bis hin zur miauenden Katze: Es gibt mittlerweile viele Lösungen für die unterschiedlichsten Bedürfnisse am Markt. Sensoren achten auf Aktivität: Wird der Kühlschrank in der Früh für die Frühstücksmilch geöffnet, weiß das System, dass alles in Ordnung geht. Wird er in einem gewissen Zeitfenster nicht geöffnet, wird eine Warnung an die Angehörigen ausgesandt. Was es am Markt (noch) nicht gibt, wird einfach über einen 3-D-Drucker produziert, die Anleitungen dafür zur Verfügung gestellt.

Selbst kleine Lösungen helfen im Alltag: Ein Toilettensitz, der das Hinsetzen, Aufstehen und die Reinigung erleichtert. Credit: Anja Herberth
Die Ziele der Showrooms: Lösungen ansehen und ausprobieren, kompetente Entscheidungen treffen. Credit: Anja Herberth
Besteck für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Credit: Anja Herberth
Was es am Markt nicht gibt, wird auch schon einmal mit dem 3-D-Drucker produziert. Credit: Anja Herberth
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In Dänemark werden diese Lösungen „Welfare Technology“ genannt, übersetzt also Wohlfahrtstechnologie. Ihr Ziel: Die Selbständigkeit von älteren Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen verbessern und ihre Autonomie wahren. Dazu braucht es die Sichtbarkeit der Lösungen und die Beratung. Anstatt Fehlinvestitionen zu tätigen, die richtigen Produkte kompetent auswählen können.

Die Herausforderungen: Fachkräftemangel und demografische Entwicklung

Es ist nicht nur der Wunsch vieler Menschen, möglichst lange selbständig und aktiv bleiben zu können. Auch die Verwaltung hat bereits seit Jahren ein Ziel ausgegeben: Menschen so lange wie möglich das Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Denn die nordischen Länder, unter ihnen Dänemark, haben die Herausforderungen bereits früh erkannt: Der Fachkräftemangel, durch die Pandemie noch weiter verstärkt, sorgt dafür, dass wir unser letztes Lebensdrittel zu Hause begehen werden. Die Pflege wird verstärkt wieder Aufgabe der Familie.

Peter Julius, Mitbegründer und Partner der Agentur „Public Intelligence“ wird bei diesem Thema auch schon einmal emotional. Das Beratungsunternehmen berät international Kommunen und Unternehmen im öffentlichen Sektor. Nicht nur in Europa sind die demografischen Entwicklungen herausfordernd. Er erzählt von seinen Kontakten nach Asien, auch hier ist man auf Grund der Überalterung stark unter Druck geraten. Seiner Meinung nach bringt es nichts, mehr Geld in die Hand zu nehmen – also die Entlohnung und Einstiegsgehälter zu erhöhen. Denn der Arbeitsmarkt sei leergefegt.

Also wurde in Dänemark bereits vor Jahren begonnen, das System umzubauen. Bis zu einer gewissen Pflegestufe verbleiben ältere Menschen zu Hause, erst dann gibt es einen Platz in einem Pflegeheim. Im Schnitt kommen die DänInnen erst mit 85/86 Jahren in eine Pflegeeinrichtung. Der Verbleib zu Hause wird durch eine Vielzahl an Services unterstützt, die bereits vor der Pflegebedürftigkeit starten.

So wird bereits in jüngeren Jahren angesetzt, um die Menschen so lange wir nur möglich gesund und selbständig zu erhalten. Coaches kommen nach Hause und erklären: Wie bleiben wir bis ins hohe Alter gesund? Auch die psychische Stabilität ist ein wichtiger Faktor: Menschen dabei unterstützt, sozial vernetzt zu bleiben, um nicht in die Einsamkeit abzurutschen. Für Entscheidungen braucht es nicht unbedingt Ärzte – auch Kranken- und AltenpflegerInnen erhalten ein Pouvoir, um schnell zu Entscheidungen zu kommen. Krankheiten werden in einem möglichst frühen Stadium erkannt und abgefangen.

Nicht alles rosig

Auch wenn Dänemark bereits wichtige Schritte zur Reform gesetzt hat: Die Herausforderungen sind auch hier noch erdrückend. Das Land ist in 98 Municipalities, übersetzt Gemeinden oder auch Kommunen, eingeteilt. Diese sind für die Pflege verantwortlich. Die Angebote sind niederschwellig, und es wird stark auf die Egalität der Menschen geachtet. Jeder Dänin und jedem Dänen soll eine gewisse Basis-Qualität an Pflege zur Verfügung stehen. Keine einfache Aufgabe in einem zerklüfteten System mit 98 Regionen. Gearbeitet wird mit KoordinatorInnen und Ambassadoren: In 10 Aus- und Weiterbildungszentren erklären Welfare Technology Consultants wie Mikkel Gram Hansen dem Pflege- und Gesundheitspersonal neue Technologien und wie sie in der Praxis angewandt werden. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Einführung der Zukunfts-Technologien.

Die dezentralisierte Entscheidungs-Landschaft ist auch für die Unternehmen eine Herausforderung. Das Danish Technological Institute ist weltweit führend im Bereich der Assistenzlösungen. In einem derart zerklüfteten Markt ist der Vertrieb der Lösungen eine große Herausforderung. Auch sind Praxis-Tests schwierig geworden, weil das Pflege- und Gesundheitssystem bereits massiv unter Druck steht. Tests kosten Zeit und Ressourcen, die das Personal noch mehr fordert.

Eine Lösung ist das Zusammenarbeiten der Regionen: Für eine große Ausschreibung für neue Lichtlösungen arbeiteten mehrere Municipalities zusammen, um durch höhere Stückzahlen einen niedrigeren Preis zu ermöglichen.

Der Reformbedarf ist erdrückend

Der Reformbedarf in der Pflege in vielen Ländern ist erdrückend. In der Zwischenzeit ist die Politik in Deutschland und Österreich mit Wahlkämpfen beschäftigt. In den kommenden 1-2 Jahren wird sich nichts bewegen.

Die Leittragenden sind die Betroffenen und ihre Angehörigen, und für sie gilt: Wer es sich leisten kann, organisiert sich Hilfe – sofern am Markt erhältlich. Der Fachkräftemangel wird sich im übrigen noch verschärfen, denn die Babyboomer-Generation geht in Kürze in Pension, und der qualifizierte Nachwuchs macht sich eher rar. Der Druck im System wird also noch weiter zunehmen.

Ich habe selbst geliebte Menschen in ihren letzten Monaten begleitet, musste mich durch das Pflegesystem durchkämpfen. Ohne hohe Rücklagen wäre es mir und meiner Familie nicht gelungen, diese Menschen mit Würde in den Tod zu begleiten. Und das macht mich traurig – denn es gibt sie: Die innovativen Länder und Regionen, die bereits Lösungen und Innovationen testen, Reformen eingeleitet haben. Und nach ihnen sollten wir uns richten.

Mehr dazu lesen in der Markterhebung zu „Assisted Living“

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Anja Herberth
Author: Anja Herberth

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