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Hunde bringen Bewegung, Kontakte und Freude ins Leben von uns Menschen. Was viele nicht wissen: Hunde können noch viel mehr. Assistenzhunde erinnern an Medikamente, schlagen Alarm und holen Hilfe oder führen ihre BesitzerInnen sicher nach Hause.
Gleichzeitig ist ein Hund kein Tool, das man einfach ein- und ausschaltet, sondern ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Dazu haben wir Alexandra Schemm interviewt: Sie ist Assistenzhunde-Trainerin mit Sitz bei Köln. Sie bildet Hunde aus, die Menschen assistieren und helfen, ihren Alltag zu bewältigen. Ein Gespräch über die Einsatzmöglichkeiten, aber auch die Grenzen von Assistenzhunden.
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Was Sie in diesem Interview erwartet:
- Wie Assistenzhunde ältere Menschen und Menschen mit Demenz im Alltag unterstützen können,
- wo die Grenzen liegen und warum ein Hund keine vollwertige Aufsichtsperson ist,
- wie das Training funktioniert, welche Hunde geeignet sind und wer die Kosten trägt,
- welche Voraussetzungen zu Hause erfüllt sein müssen und
- was ganz normale Familienhunde lernen können – auch ohne große Assistenzhunde-Ausbildung.
SBC: Ich kenne Assistenzhunde für z.B. erblindete Menschen. Für mich war es neu, dass es Assistenzhunde auch für ältere Menschen und für Menschen mit Demenz gibt. Wie können die Hunde im Alltag unterstützen?
Schemm: In Deutschland ist die Ausbildung inzwischen durch die Assistenzhunde-Verordnung geregelt, deshalb kann ich vor allem aus dieser Perspektive sprechen. Assistenzhunde für Menschen mit Demenz fallen in die fachliche Kategorisierung der psychosozialen Beeinträchtigungen. Zu ihnen gehören auch posttraumatische Belastungsstörungen, Autismus oder ADHS. Diese Assistenzhunde werden auf die Bedürfnisse ihres Menschen hin ausgebildet.
Die Unterstützung beginnt schon bei ganz einfachen Dingen: Der Hund kann zum Beispiel einen GPS-Tracker am Halsband tragen, über den sich der Standort orten lässt. Man kann sogenannte Geozäune einstellen, sodass Angehörige eine Nachricht erhalten, wenn der Hund einen bestimmten Bereich verlässt. Und das macht er ja meistens gemeinsam mit seinem Menschen. Das finde ich besonders wertvoll, weil Betroffene selbst ungern einen Tracker tragen oder ihn schlicht vergessen.
Darüber hinaus kann ein Hund seinen Menschen nach Hause führen, wenn sie in der Nähe unterwegs sind. Er kann an Medikamente, an das Essen, an den Spaziergang oder ans Aufstehen erinnern. Dafür wird er auf ein Signal konditioniert, etwa einen Wecker: Er lernt, dass er beim Klingeln alles tun muss, damit sein Mensch die gewünschte Handlung erledigt. Und am Ende bekommt er dafür seine Belohnung.
Interessant sind auch Aufgaben aus dem Bereich der Signalhunde, die gehörlose Menschen unterstützen. Ein Hund kann darauf aufmerksam machen, dass Wasser in die Badewanne läuft bzw. dass sie überläuft, oder dass der Rauchmelder Alarm schlägt. Er kann Angehörige informieren, wenn etwas nicht stimmt, Hilfe holen und sogar einen Notfallknopf drücken.
SBC: Ein Hund kann tatsächlich einen Notfallknopf drücken?
Schemm: Ja, das lässt sich trainieren. Alternativ kann er gezielt zu anderen Menschen gehen und sie zur Hilfe holen. Das funktioniert dann auch in der Öffentlichkeit. Diese Hunde tragen dafür am Geschirr einen kleinen Hinweis, der Passantinnen und Passanten erklärt, dass mit dem Menschen gerade etwas nicht stimmt und Hilfe gebraucht wird.
SBC: Als Hundebesitzerin finde ich Hunde ja bemerkenswert, und ich weiß, dass sie sehr gelehrig sind. Aber wo liegen die Grenzen bei einer Assistenz durch einen Hund, beispielsweise bei einer Demenzerkrankung?
Schemm: Das ist beim Assistenzhund für Menschen mit Demenz ein ganz zentraler Punkt, denn die Ausbildung ist immer darauf ausgelegt, dass Mensch und Hund zusammenarbeiten. Sinnvoll ist ein solcher Hund daher nur dann, wenn er ganz am Anfang der Erkrankung ausgebildet wird und gemeinsam mit seinem Menschen lernt. Auch weil das Zusammenleben und die Versorgung des Hundes mit fortschreitender Demenz irgendwann nicht mehr möglich sind.
Deshalb übergibt man einen Assistenzhund für Demenzerkrankte in der Regel nur an Menschen, die mit ihren Angehörigen in einem Haushalt leben, sodass immer jemand ein Auge auf den Hund hat. Auch die Ausbildung findet größtenteils in der sogenannten Triade statt, also mit den Angehörigen, dem betroffenen Menschen und dem Hund. Auch weil eine so anspruchsvolle Ausbildung kognitiv kaum alleine zu bewältigen wäre. Die Grenzen liegen also beim Menschen und beim Hund gleichermaßen.
SBC: In welcher Form könnte ein Assistenzhund auch eine Entlastung für pflegende und unterstützende Angehörige sein?
Schemm: Hunde können unterstützen, aber man muss hier auch klar sagen: Ein Hund ist keine vollwertige Aufsichtsperson, und er kann Fehler machen. Man kann sich zum Beispiel nicht darauf verlassen, dass er an jedem Straßenübergang stehen bleibt und seinen Menschen davon abhält, einfach loszugehen.
Eine große Unterstützung ist er dennoch. Etwa wenn der Hund mir signalisiert, dass meine Mutter oder mein Vater gerade das Haus verlassen hat. Oder wenn er nachts durch Bellen anzeigt, dass jemand aufgestanden ist und durchs Haus irrt, dann entlastet das Angehörige enorm. Genau deshalb ergibt die Kombination mit einem pflegenden Haushalt Sinn. Vieles von dem, was einen Assistenzhund so wertvoll macht, könnte er in einem Einzelhaushalt gar nicht leisten.
SBC: Wie funktioniert das Training, und ist jeder Hund geeignet?
Schemm: Es gibt verschiedene Wege zu einem Assistenzhund. Man kann mit dem eigenen Hund kommen und ihn auf seine Eignung als Assistenzhund testen lassen. Das ist in Deutschland laut Verordnung sogar vorgeschrieben. Dabei wird geprüft, ob der Hund die Ausbildung voraussichtlich schafft und ob er bei der jeweiligen Erkrankung wirklich helfen kann. Im Bereich Demenz braucht es einen Hund, der unfassbar gerne lernt. Der mitdenkt und nicht nur auf das nächste Kommando wartet, sondern selbst merkt, dass gerade etwas nicht stimmt, und dann handelt.
Man kann auch mit einem Welpen mit der Ausbildung beginnen. Das birgt aber ein gewisses Risiko, weil es mindestens zwei Jahre dauert, bis der Hund fertig ausgebildet ist. In dieser Zeit kann viel passieren, und es gibt keine Garantie dass der Hund ein guter Assistenzhund wird. Eine dritte Möglichkeit ist ein Hund im Alter von ein bis zwei Jahren, der vielleicht schon einiges kann, sodass man schon von einem ganz anderen Niveau weg startet. Grundsätzlich gilt: Der Hund muss das passende Wesen mitbringen, das macht etwa achtzig Prozent der Ausbildung aus.
SBC: Eine Assistenzhunde-Ausbildung klingt sehr aufwendig. Wer übernimmt die Kosten?
Schemm: Blindenführhunde werden in Deutschland von den Krankenkassen bezahlt, andere Assistenzhunde bislang nicht. Auch wenn ich natürlich hoffe, dass sich das ändert. Man zahlt die Ausbildung also selbst, und deshalb stellt sich oft die Frage, ob es wirklich ein zertifizierter Assistenzhund sein muss. Oft ist es auch schon eine Entlastung, mit Assistenzhunde-TrainerInnen zusammenzuarbeiten und dem eigenen Hund gezielt die Aufgaben beizubringen, die gebraucht werden.
Eine Alternative sind sogenannte ESA-Hunde, also Emotional Support Animals. Das ist ein Konzept aus den USA. Diese Hunde übernehmen ähnliche Aufgaben wie Assistenzhunde, müssen aber nicht alle Vorgaben erfüllen. Ich vergleiche das gerne mit Brillen: Der Assistenzhund ist die Brille, ohne die ich gar nicht sehen und nirgendwohin gehen könnte. Der ESA-Hund ist die Lesebrille, die ich in bestimmten Situationen brauche, vor allem zu Hause. Für Menschen mit einer Demenzerkrankung ist ein ESA-Hund häufig völlig ausreichend, weil er vor allem zu Hause gebraucht wird.
SBC: Welche Voraussetzungen müssen in einem Zuhause für einen Assistenzhund erfüllt sein?
Schemm: Die wichtigste Voraussetzung ist, dass eine Erkrankung noch im Anfangsstadium ist. Idealerweise kurz nach der Diagnose, wenn erst leichte Einschränkungen bestehen. Dann kann man mit dem Training beginnen, und der Besitzer oder die Besitzerin kann den Hund dann später gut nutzen.
Außerdem braucht es ein oder zwei Angehörige, die sich ins Training einbringen können, und im besten Fall lebt man gemeinsam in einem Haus. So hat immer jemand im Blick, wie es dem Hund geht, und Mensch und Hund werden nicht sich selbst überlassen. Das ist auch dem Assistenzhundezentrum sehr wichtig.
SBC: Sie bilden auch Besuchshunde aus. Können Sie uns das Konzept dazu erklären?
Schemm: Für Pflegeeinrichtungen gibt es das Konzept der Besuchshunde. Ehrenamtliche besuchen dabei mit ihren eigenen, dafür ausgebildeten Hunden die Seniorenheime. Wichtig ist, dass man dafür wirklich ausgebildete Teams holt und nicht einfach irgendjemanden bittet, mal mit dem Hund vorbeizukommen. Das geht häufig schief, und zwar vor allem zulasten der Hunde.
Man unterschätzt, wie anstrengend so ein Besuch ist: Eine fremde Umgebung, glatte Böden, viele Menschen und Gerüche, enge Räume, Rollstühle und vieles, das ein Hund vielleicht noch nie gesehen hat. Bei diesen Besuchen müssen sich HundehalterInnen zum Beispiel sehr gut mit den Stress-Signalen beim Hund auskennen. Einrichtungen können gezielt nach Menschen mit entsprechender Ausbildung fragen oder MitarbeiterInnen für die tiergestützte Interventionen qualifizieren lassen.
SBC: Welche Wirkung haben Besuchshunde im Seniorenheim? Können Sie uns Ihre Erfahrungen schildern?
Schemm: Diese Besuche bewirken so unglaublich viel! Ich war einmal bei einer Dame im Seniorenheim, die zusammengesunken vor dem Fernseher saß. Ich habe sie gefragt, ob sie Hunde mag. Und auf einmal war sie wie verwandelt, da war plötzlich wieder richtig Leben in ihr. Gerade bei Menschen mit Demenz, die viel in der Vergangenheit leben, öffnet ein Hund oft die Tür zu ihrer eigenen Geschichte.
Sie erzählen dann, welche Hunde sie hatten, was die gerne gefressen haben und welche Krankheiten sie hatten. PflegerInnen berichten mir immer wieder, wie erstaunt sie darüber sind. Der Hund ist so etwas wie ein Tor zurück zur Welt.
Besuchshunde gibt es auch für Menschen, die zu Hause leben. In Deutschland bieten das meines Wissens zum Beispiel die Johanniter an, und es gibt Vereine, bei denen man sich für diese Besuche anmelden kann. Das ist allerdings sehr regional, man muss also bei sich vor Ort recherchieren, ob es einen Verband in der Nähe gibt. Ich habe die Ausbildung zum Besuchshundeteam selbst an der Volkshochschule angeboten, und viele der TeilnehmerInnen haben ihre Besuche danach privat organisiert.
SBC: Wir haben nun die Bedingungen für Deutschland diskutiert, wie sieht die Lage in Österreich aus?
Schemm: Viele Trainerinnen und Trainer aus Österreich und der Schweiz machen ihre Weiterbildung ebenfalls beim deutschen Assistenzhundezentrum und arbeiten nach sehr ähnlichen Grundsätzen. Österreich hat beim Thema Gesundheit der Hunde sogar etwas höhere Standards, im Großen und Ganzen deckt sich das aber sehr.
SBC: Falls sich jemand nun für einen Assistenzhund interessiert: Wie finden Betroffene und Angehörige die richtigen AnsprechpartnerInnen?
Schemm: Ein guter erster Schritt sind die Assistenzhundeverbände, die weiterführende Informationen geben und Kontakt zu geeigneten TrainerInnen herstellen können.
Das Wichtigste ist für mich, dass eine Fachperson den Hund einschätzt. Es bringt niemandem etwas, einem Hund etwas beizubringen, der das gar nicht möchte oder mit Meideverhalten oder sogar Aggression reagiert. Manche Hunde nehmen einen Notfall gelassen, andere ziehen sich zurück und fühlen sich unwohl. Ob der Hund Freude an der Aufgabe hat und ob man ihm nicht zu viel abverlangt, das muss im Sinne des Tieres immer die erste Frage sein.
SBC: Ich sehe, sie arbeiten auch mit Online-Trainings. Aus welchen Ländern kommen Ihre KundInnen?
Schemm: Ja, vieles lässt sich auch online erarbeiten. Ich begleite zum Beispiel einige Kundinnen und Kunden in den USA per Online-Training. Wer Erfahrung im Hundetraining mitbringt, bekommt von mir Impulse und setzt sie im Alltag um. Das funktioniert auch über Ländergrenzen hinweg.
Vielen Dank für das Interview!
Alexandra Schemm ist Hundetrainerin und Assistenzhundetrainerin mit Sitz bei Köln. Weiters bietet sie auch Trainings für Besuchshundeteams an. Neben persönlich stattfindenden Trainings sind auch Online-Meetings möglich. Mehr über Alexandra Schemm
Trainerinnen und Trainer in Deutschland finden: Deutscher Assistenzhundeverband
Für Österreich erhalten Sie mehr Informationen zu Assistenzhunden bei der Prüf und Koordinierungsstelle für Assistenzhunde (https://www.vetmeduni.ac.at/assistenzhunde/informationen-ueber-assistenzhunde) sowie bei Verbänden wie dem Verein Partner-Hunde Österreich: https://www.partner-hunde.org
Wie können Assistenzhunde Menschen mit Demenz unterstützen?
Assistenzhunde können beispielsweise einen GPS-Tracker tragen, über den Angehörige benachrichtigt werden, wenn ein definierter Bereich verlassen wird. Sie erinnern an Medikamente, Mahlzeiten und Spaziergänge, machen auf Gefahren wie laufendes Badewasser oder auf einen Alarm gebenden Rauchmelder aufmerksam. Sie führen ihre BesitzerInnen wieder nach Hause, holen Hilfe oder können sogar einen Notfallknopf drücken.
Wann ist ein Assistenzhund bei Demenz sinnvoll?
Assistenzhunde sich vor allem für Menschen im Anfangsstadium der Erkrankung zu empfehlen, die mit Angehörigen in einem Haushalt leben. Die Ausbildung erfolgt gemeinsam mit den Angehörigen, und es braucht immer jemanden, der auch für das Wohl des Hundes sorgt. Für Menschen mit Demenz, die allein leben, ist ein Assistenzhund in der Regel nicht geeignet.
Ist jeder Hund als Assistenzhund geeignet?
Nein. Der Hund muss gerne lernen, mitdenken und von sich aus reagieren können, wenn etwas nicht stimmt. Das Wesen des Hundes macht rund achtzig Prozent des Ausbildungserfolgs aus. In Deutschland ist ein Eignungstest vorgeschrieben, und eine Fachperson sollte immer prüfen, ob der Hund die Aufgabe auch gerne übernimmt.
Wer bezahlt einen Assistenzhund?
In Deutschland übernehmen die Krankenkassen nur die Kosten für Blindenführhunde. Andere Assistenzhunde müssen privat finanziert werden. Eine günstigere Alternative kann sein, dem eigenen Hund mit Unterstützung von Assistenzhundetrainern gezielt einzelne Aufgaben beizubringen.
Was ist ein ESA-Hund?
ESA steht für Emotional Support Animal. Solche Hunde übernehmen ähnliche Aufgaben wie Assistenzhunde, müssen aber nicht alle Vorgaben erfüllen und werden vor allem zu Hause eingesetzt. Bei Assistenzhunden für Menschen mit Demenzerkrankungen ist diese Ausbildung oft völlig ausreichend.
Was sind Besuchshunde?
Besuchshunde sind ausgebildete Mensch-Hund-Teams, die ehrenamtlich Seniorenheime oder ältere Menschen zu Hause besuchen. Gerade bei Menschen mit Demenz öffnen Hunde oft einen Zugang zu Erinnerungen und bringen Freude in den Alltag. Die Angebote sind regional sehr unterschiedlich und lassen sich etwa über Hilfsorganisationen und Vereine vor Ort finden.











