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Anziehen in Sekunden: Wie Magnetkleidung die Teilhabe im Alter stärkt

Selbst anziehen, ohne Kampf mit den Knöpfen: Verschlüsse einfach übereinander legen, ein leichter Druck - fertig. Credit: Yorokani

Selbst anziehen, ohne Kampf mit den Knöpfen: Verschlüsse einfach übereinander legen, ein leichter Druck - fertig. Credit: Yorokani

This article is also available in: English

Magnetkleidung ist genau das, was der Name verspricht: Kleidung, bei der die klassischen Knöpfe, Reißverschlüsse oder Haken durch kleine, verdeckt eingenähte Magnete ersetzt werden. Man legt die Knopfleisten übereinander, ein leichter Druck — und das Hemd schließt. Kein Fädeln, kein Greifen, kein Kampf mit zu kleinen Knopflöchern.

Für Menschen, deren Fingerfertigkeit nachgelassen hat, die an Arthrose, Tremor oder den Folgen eines Schlaganfalls leiden ist das eine enorme Erleichterung.

Franziska Rauch, die Gründerin von Yorokani erzählt im Interview, wie sie vom Soziologiestudium über die Sterbebegleitung zur Magnetkleidung kam — und warum hässliche Hilfsmittel Menschen nicht nur die Würde, sondern auch die Teilhabe am Leben kosten.

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SBC: Frau Rauch, Magnetkleidung ist eine ungewöhnliche Geschäftsidee. Wie sind Sie darauf gekommen?

Rauch: Die Idee ist mit der Geburt unseres Sohnes entstanden. Da begann mein Nachdenken: In was für einer Welt wird sich mein Sohn wiederfinden? Welche Gesellschaft erdenken und gestalten wir?

Als frischgebackene Mutter war ich ja gut versorgt: Es gab mitwachsende Kleidung, Kinderwagen mit Elektromotor für steile Wege, Betten, die mitwachsen, spezielles Besteck und Gläser, die nicht umkippen. Wirklich clevere Sachen, bei denen man spürte: Da haben Menschen sehr genau nachgedacht, was diese Zielgruppe braucht.

Und dann habe ich mich gefragt: Was gibt es eigentlich für Menschen, die am anderen Ende des Lebens stehen? Was ist für 80-Jährige mitgedacht worden? Die Antwort war ernüchternd.

Unsere Interviewpartnerin: Franziska Rauch, Gründerin von Yorokani - Credit: Hannah Mayr
Unsere Interviewpartnerin: Franziska Rauch, Gründerin von Yorokani - Credit: Hannah Mayr
SBC: Was haben Sie in dieser Phase entdeckt — und was hat Sie besonders berührt?

Rauch: Ich war damals in Karenz und habe im Kardinal-König-Haus eine Ausbildung in Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung gemacht. Ich habe dann noch die Weiterbildung zur Demenzbegleitung darangehängt und eine ehrenamtliche Tätigkeit auf einer Palliativstation begonnen. Und überall dasselbe Bild: Alles, womit Menschen in dieser Lebensphase in Berührung kommen, ist ausschließlich funktional. Nicht ein Gramm Ästhetik, nicht eine Sekunde Freude.

Ich habe das auch am eigenen Körper gespürt. In dieser Ausbildung haben wir uns einen Tag lang gegenseitig gepflegt. Wir haben uns in den Rollstuhl gesetzt, uns gegenseitig angezogen. Haben durch dünne Strohhalme geatmet, um zu erspüren, wie sich Atemnot anfühlt. Wir haben uns Gewichtswesten angezogen, um den verringerten Muskeltonus zu simulieren. Das war körperlich nah, manchmal unangenehm — und sehr aufschlussreich. Und dabei wurde mir klar: Alles, was diese Menschen umgibt, denkt Krankheit und denkt Defizit. Aber nicht einen langen, gestaltbaren Lebensabschnitt.

Alter wird in unserer Gesellschaft als Krankheit gedacht. Nicht als das, was es auch sein kann: Eine richtig lange Phase, die man entsprechend mitgestalten könnte. Das hat mich damals nicht losgelassen.

SBC: Sie wollten ursprünglich ein Sanitätshaus eröffnen und haben begonnen, Produkte und Lösungen zu sammeln?

Rauch: Ja — und das war eine richtig schöne Phase, wenn ich ehrlich bin. Ich habe weltweit Dinge bestellt. Rollatoren, Tremor-Besteck aus Edelstahl, das aussieht wie hochwertiges Tischsilber. Gläser mit einem kleinen Magneten am Boden, damit sie am Nachttisch nicht verrutschen. Greifzangen, die schön aussehen. Kleine Helfer, die Würde haben.

Alles aufgebaut bei uns zuhause, und wann immer Besuch kam, haben wir die Leute einfach durchgeführt. Wie greift sich das? Was denkst du dabei? Was sind deine Assoziationen? Also so kleine, offene Interviews — unter Soziologinnen könnte man das auch strukturierte Fokusgruppen nennen.

Was mich dabei von Anfang an fasziniert hat: Ich konnte keines dieser Produkte vor Ort in Wien kaufen. Alles musste aus England, den USA oder aus Skandinavien bestellt werden. Kein einziges dieser Dinge lag in einem Wiener Geschäft. Das war eigentlich schon der erste, zarte Businessgedanke.

Daher wollte ich zu Beginn unbedingt ein Sanitätshaus mit ästhetisch schön gestalteten Produkten eröffnen. Ich war so überzeugt davon, dass ich weiß, was richtig ist für diese Zielgruppe. Ein bisschen naiv, wenn ich heute darüber nachdenke — aber das war vielleicht auch notwendig, um überhaupt anzufangen.

Also bin ich zur Wirtschaftskammer gegangen, habe die Befähigungsprüfung für den reglementierten Handel mit Medizinprodukten gemacht und habe dann begonnen, strukturiert mit Menschen zu sprechen. Ich habe Kooperationen mit Seniorenresidenzen, mit den Häusern zum Leben aufgebaut. Wir – mein Mann und ich – haben dort mehrmals ein komplettes Sanitätshaus aufgebaut, um von den BewohnerInnen alles ausprobieren zu lassen. Und bei jeder einzigen Fokusgruppe — ohne Ausnahme — sind sie bei der Bekleidung hängen geblieben.

Leicht zu schließende Kleidung, mit viel Liebe zum Detail entworfen: Yorokani erhielt für ihre Magnetkleidung den German Design Award. Credit: Andreas Waldschütz
Leicht zu schließende Kleidung, mit viel Liebe zum Detail entworfen: Yorokani erhielt für ihre Magnetkleidung den German Design Award. Credit: Andreas Waldschütz
SBC: Die Magnetkleidung hat sich also von selbst in den Vordergrund gedrängt?

Rauch: Ja, definitiv. Wir hatten aus England Kleidungsstücke mit Klettverschlüssen dabei und aus den USA Hemden mit Magnetverschlüssen. Und bei jeder Fokusgruppe war das der Moment, wo alle aufgewacht sind.

Alle hatten sofort eine Assoziation: Man kann sich die Kleider vom Leib reißen. Das hatte natürlich auch einen gewissen Unterhaltungswert. Über Sexualität und körperliche Nähe im Alter wurde da plötzlich ganz offen gesprochen. Das war schön – und menschlich.

Aber dann wurde es auch sehr ernst. Die Leute haben erzählt, dass Hemden anzuziehen ein großes Problem darstellt. Dass sich jeder Knopf zu groß fürs Knopfloch anfühlt. Dass die Finger das einfach nicht mehr schaffen, was sie jahrzehntelang selbstverständlich konnten. Jemand hat mir dort gesagt: ‚Lieber würde ich mich zurückziehen und an einem gesellschaftlichen Event nicht mehr teilnehmen, als dort in einem Hoodie aufzukreuzen.‘

Auf ein Abendessen lieber verzichten statt im T-Shirt oder Hoodie zu erscheinen? Einfach weil das Hemd zur Persönlichkeit, zum Selbstbild gehört. Dieser Satz hat mich wirklich getroffen und nicht mehr losgelassen.

SBC: Was denken Sie ist die eigentliche Botschaft dahinter?

Rauch: Dass hässliche Hilfsmittel nicht verwendet werden. Das ist keine Vermutung — das ist das, was ich in der Praxis wieder und wieder gelernt habe. Wenn etwas hässlich ist, stigmatisierend wirkt, nach Krankenhaus aussieht: Dann lassen die Menschen es liegen. Sie gehen lieber nicht mehr hinaus, ziehen sich zurück und vereinsamen.

Fast alles in diesem Markt ist so gestaltet, dass ich das ehrlicherweise verstehe. Das ist der eigentliche Schaden, den hässliche Hilfsmittel anrichten — nicht nur an der Würde, sondern an der Teilhabe am Leben. Einsamkeit entsteht oft nicht aus dem Nichts. Sie entsteht, wenn die Hürden zu hoch werden. Und manchmal ist eine dieser Hürden ein Hemd mit zu kleinen Knopflöchern.

Das ist auch der Grund, warum wir unsere Marke Yorokani genannt haben – das ist ein Kunstwort aus ‚Freude‘ und ‚Leichtigkeit‘ im Japanischen. Nicht als Marketing-Versprechen, sondern als das, was die Menschen beschrieben haben, wenn sie erklärt haben, was sie sich wünschen. Das Gefühl, sich in Sekunden anziehen zu können, nicht mehr mit den Knöpfen zu kämpfen. Daher stammt der Name.

Unsere Produkte sind ein Lifestyle-, und kein Pflegeprodukt. Ein Kleidungsstück, das man gerne trägt — nicht eines, das man toleriert, weil man keine andere Wahl mehr hat. Unser Unternehmen soll Freude ausstrahlen, nicht Mitleid. Das klingt selbstverständlich, in diesem Markt ist es eine Revolution.

Credit: Yorokani
Credit: Yorokani
SBC: Wie sind Sie von der Idee in die Umsetzung gekommen?

Rauch: Wir haben uns sehr intensiv beraten lassen bei der Wirtschaftsagentur Wien. Sie fanden das Konzept — innovative Verschlüsse für Kleidung, entwickelt mit und für ältere Menschen — hochinteressant und förderungswert. Mit dieser Förderung konnten wir eineinhalb Jahre lang an der Produktentwicklung arbeiten und eine Designerin als Mitgesellschafterin ins Boot holen. Wir haben begonnen, Menschen zu vermessen, mit ihnen sprechen. Haben erste Prototypen nähen lassen, holten uns Feedback, mit dem wir dann die Designs wieder überarbeiteten.

Das war wichtig, denn reife Körper verhalten sich gänzlich anders als junge Körper. Die Industrienorm orientiert sich an 18- bis 25-Jährigen. Wenn man bei H&M eine Bluse kauft, ist die für einen Körper gemacht, der mit einem reifen Frauenkörper so gut wie nichts gemein hat. Der Brustabnäher sitzen 10 Zentimeter zu hoch, die Schultern sind zu schmal. Der Rücken hat Platz für eine aufrechte Haltung, aber nicht für eine runde Haltung.

Wir haben auch einen großen Datensatz erworben mit 13.000 Datenpunkten über sitzende und stehende Körper, mit einer eigenen Kohorte älterer Menschen. Und das Ergebnis dieser Analyse ist bis heute das, worauf ich am stolzesten bin: Wir haben eine Mini-Retourenquote von nur 1%. Die Hemden passen einfach, weil wir wirklich zugehört haben.

SBC: Wie reagieren Ihre KundInnen heute auf die Magnetkleidung?

Rauch: Am Anfang wollten viele, dass man das Verschlusssystem von außen gar nicht sieht. Der Stigmatisierungsgedanke war groß: Bloß nicht anmerken lassen, dass man Unterstützung braucht. Das Hemd sollte aussehen wie jedes andere Hemd.

Inzwischen hat sich das gewandelt. Heute machen Trägerinnen und Träger ihr Hemd stolz auf, zeigen es herum und sagen: Schau mal, was ich Cooles anhabe. Das ist für uns gemacht worden, das ist Innovation. Es ist vom Verstecken zum Vorzeigen geworden — und das ist für mich das schönste Zeichen dafür, dass wir das Richtige tun.

Und dann gibt es diese Momente, die einen wirklich tragen. Eine Kundin hat uns geschrieben: Der Papa hat bald Geburtstag, wir schenken ihm wieder ein Hemd. Das ist so herzerwärmend. Das ist genau das, wofür wir das alles machen.

SBC: Was ist Ihre größte Herausforderung?

Rauch: Dass das Produkt nicht gesucht wird. Nicht weil es nicht gebraucht wird — das Gegenteil ist der Fall. Sondern weil viele Menschen nicht wissen, dass es unsere Lösung gibt.

Das ist das Grundproblem vieler Unternehmen in diesem Markt. Man muss die Produkte aktiv pushen und in den Markt hineinkommunizieren, weil nicht bekannt ist, dass es neue, innovative Lösungen gibt. Wir müssen viele Kontaktpunkte schaffen, bis jemand überhaupt eine Kaufentscheidung trifft. Und das kostet Zeit, Geld und einen sehr, sehr langen Atem.

Dazu kommen die Materialkosten: Wir verarbeiten Neodym-Magnete — in ihnen sind seltene Erden verarbeitet, dieselben wie in E-Autos. Die Materialien werden immer teurer. Aber wir können nicht auf Eisenmagnete wechseln, denn sie brauchen die zehnfache Größe für dieselbe Magnetstärke. Dann hätten wir plötzlich riesige Verschließmechanismen auf den Hemden — und das ist genau das, was wir nicht wollen.

SBC: Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Rauch: Was ich mir wünsche ist ein positiver, ehrlicher Diskurs über das Älterwerden. Dass wir endlich aufhören, Alter mit Krankheit gleichzusetzen. Es gibt viele Menschen, die alt sind und gesund bleiben, aktiv und neugierig sind. Die ein Leben lang gearbeitet, gelernt, Fehler gemacht, Expertise aufgebaut haben. Je älter jemand ist, desto länger ist er oder sie Expertin für ganz viele verschiedene Felder. Das ist doch etwas Wertvolles, und das ist etwas, das eine Gesellschaft nutzen sollte.

Keine Ausnahmeerscheinungen, keine Quotenpensionistin, die noch rüstig ist — sondern die Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit 70, 80, 90 ein Leben führen, das lebenswert ist. Und dass man ihnen die Mittel dafür an die Hand gibt: Die richtigen Produkte, die richtigen Strukturen, die richtigen Kleider.

Selbstwirksamkeit — das war das Wort, das in unseren Fokusgruppen immer wieder gekommen ist. Menschen wollen sich wirksam fühlen. Sie wollen hinausgehen können, sie wollen sich so kleiden, wie sie es ihr ganzes Leben getan haben. Das ist kein Luxus, das ist Würde.

Und das, letztendlich, ist das, wofür Yorokani steht: Nicht ein Hemd. Sondern die Möglichkeit, am Morgen einfach aufzustehen, sich anzuziehen — und hinauszugehen.

Vielen Dank für das Interview!

Franziska Rauch ist Gründerin von Yorokani, dem österreichischen Pionier für Magnetkleidung. Yorokani hat den German Design Award erhalten sowie den Innovation Award WINNER. Die Hemden und Blusen mit verdeckten Neodym-Magnetverschlüssen ermöglichen sekundenschnelles An- und Auskleiden — entwickelt mit und für Menschen, die das Kleiden wieder leicht und selbstbestimmt erleben wollen. Mehr auf yorokani.com

Anja Herberth
Author: Anja Herberth

Chefredakteurin

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