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Parkinson ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung – und die am schnellsten wachsende. Weltweit sind schätzungsweise 12 Millionen Menschen betroffen, Tendenz stark steigend. In Österreich gibt es keine ausreichende Datenbasis, aber hochgerechnet gehen ExpertInnen von 20.000 bis 25.000 Erkrankten aus.
Ich habe mit dem renommierten Neurologen Prof. Werner Poewe gesprochen, emeritierter Professor für Neurologie an der Medizinischen Universität Innsbruck und international eine der prägenden Persönlichkeiten in der Parkinson-Forschung. Im Gespräch geht es um frühe Anzeichen der Erkrankung, aktuelle Therapiemöglichkeiten und die Frage, wo die internationale Forschung heute steht.
SBC: Herr Prof. Poewe, was ist Parkinson – und warum wird die Erkrankung immer häufiger?
Poewe: Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung – das heißt, bestimmte Nervenzellen im Gehirn funktionieren nicht mehr richtig und sterben schließlich ab. Betroffen sind vor allem Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren, der für unsere automatische Bewegungssteuerung unverzichtbar ist.
Parkinson ist die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer – aber sie ist die am schnellsten wachsende. Während Alzheimer-Neuerkrankungen seit den 1990er-Jahren eher stagnieren, nimmt Parkinson weltweit exponentiell zu. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt aktuell rund zwölf Millionen Erkrankte, und Projektionen gehen davon aus, dass es innerhalb einer Generation über 20 Millionen sein könnten.
Warum wird es häufiger? Zum Teil erklärt sich das durch das höhere Lebensalter der Bevölkerung – denn die Erkrankungshäufigkeit steigt mit dem Alter deutlich an. Bei den 60- bis 70-Jährigen liegt sie bei etwa einem Prozent, bei den 75- bis 85-Jährigen schon bei fast drei Prozent. Aber das Altern allein erklärt den Anstieg nicht vollständig. Umweltfaktoren und Umweltverschmutzung gelten als mögliche weitere Ursachen – auch wenn das noch nicht abschließend bewiesen ist.
Parkinson ist auch keine reine Alterskrankheit: Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwar bei 65 Jahren, bis zu 15 Prozent der Betroffenen erkranken noch vor dem 50. Lebensjahr. Die Krankheit trifft Menschen unter Umständen also auch in relativ jungen Jahren, und hier mit besonderen Auswirkungen für Lebens-, Familien- und Berufsplanung.
SBC: Was bedeutet es, an Parkinson zu erkranken – welche Symptome treten auf?
Poewe: Das klassische Bild, das James Parkinson bereits 1817 beschrieben hat, ist das sogenannte Ruhezittern: Eine Hand zittert, wenn sie auf dem Tisch oder Oberschenkel liegt – also in Ruhe, nicht bei Bewegung. Dazu kommt eine typische Bewegungsverlangsamung: Die Betroffenen gehen gebeugt, kleinschrittig, schlurfend. Alltagshandlungen wie Knöpfe schließen oder Unterschriften leisten werden zunehmend mühsam. Auch die Handschrift verändert sich – die Buchstaben werden gegen Ende einer Zeile immer kleiner.
In den Lehrbüchern ist Parkinson häufig als eine Bewegungsstörung definiert, sie ist aber viel mehr als das. Fast 90 Prozent der Betroffenen verlieren im Laufe der Erkrankung ihren Geruchssinn – oft schleichend und ohne es selbst zu bemerken. Häufig sind es die Partnerinnen und Partner, denen als erste auffällt, dass jemand nichts mehr riecht.
Dazu kommen weitere sogenannte nicht-motorische Symptome: Etwa eine Traumschlafstörung, bei der Betroffene Trauminhalte motorisch ausleben. Weiters eine Verstopfungsneigung, Blutdruckschwankungen und im Verlauf auch Stimmungs- und Antriebsstörungen sowie Einschränkungen der Hirnleistung.
SBC: Nicht jedes Zittern ist Parkinson – wie unterscheidet man das?
Poewe: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Der Reflex „Zittern = Parkinson“ ist weit verbreitet – aber falsch. Erstens zittert nicht jeder Parkinson-Patient; nur rund 70 Prozent haben dieses klassische Zittern. Zweitens gibt es viele andere Ursachen für Zittern. Das häufigste Zittern in der Bevölkerung ist der sogenannte Essentielle Tremor. Er betrifft etwa vier Prozent der Menschen und äußert sich beim Halten oder Bewegen, nicht in Ruhe. Beim Parkinson-Zittern ist es umgekehrt: Die Hand zittert in Ruhe und hört auf, wenn man greift. Es ist außerdem typischerweise einseitig und hat eine charakteristische Frequenz von fünf bis sechs Hertz.
Wer Zittern an sich bemerkt, sollte neurologisch untersucht werden. Eine erfahrene Neurologin oder ein erfahrener Neurologe kann in den meisten Fällen rasch klären, welche Form von Zittern vorliegt.
SBC: Wie wichtig ist eine frühe Diagnose – und welche Frühzeichen sollte man kennen?
Poewe: Früherkennung ist heute eines der zentralen Themen der Parkinson-Forschung – und zwar aus einem wichtigen Grund: Man geht davon aus, dass eine Behandlung, die den Krankheitsprozess aufhalten oder verlangsamen soll, am wirksamsten ist, wenn sie möglichst früh einsetzt. Am besten noch bevor die klassischen Symptome ausbrechen.
Es gibt Frühzeichen, die einer motorischen Parkinson-Erkrankung um Jahre oder sogar Jahrzehnte vorausgehen können: Ein schleichend schlechter werdender Geruchssinn, die beschriebene Traumschlafstörung sowie eine familiäre Vorbelastung – also wenn Eltern, Geschwister oder andere Verwandte Parkinson hatten oder haben. Sind alle drei Kriterien vorhanden, ist das Risiko, an Parkinson zu erkranken, deutlich erhöht.
Wer solche Frühzeichen bei sich oder Angehörigen bemerkt, sollte das ansprechen – beim Hausarzt oder direkt bei einer neurologischen Spezialambulanz.
SBC: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es heute?
Poewe: Parkinson hat unter den neurodegenerativen Erkrankungen eine besondere Stellung: Es gibt hocheffektive Medikamente zur Behandlung der motorischen Symptome. Da die Bewegungsstörung aus einem Dopaminmangel resultiert, lässt sich dieser medikamentös sehr gut ausgleichen – mit dem Ergebnis, dass Betroffene gerade zu Beginn der Erkrankung oft jahrelang normal funktionieren können.
Ergänzend sind Physiotherapie und Bewegungstherapie wichtig, bei Stimmveränderungen auch Logopädie. In komplizierteren Krankheitsstadien gibt es sogar die Möglichkeit der tiefen Hirnstimulation – also ein neurochirurgischer Eingriff – der erstaunliche Verbesserungen erzielen kann.
Bei guter Behandlung können Parkinson-Patienten damit rechnen, dass ihre Lebensqualität mindestens 15 Jahre nach Krankheitsbeginn gut erhalten werden kann. Wenn die Erkrankung in jüngeren Jahren ausbricht, dann auch deutlich länger. Körperliche Aktivität, geistige Regsamkeit und eine ausgewogene Ernährung spielen dabei eine wichtige Rolle. Daher bieten wir heute vor allem eine fundierte Aufklärung über einen gesundheitsfördernden Lebensstil. Die mediterrane Ernährungsweise ist hier zu empfehlen. Auch wenn in diesem Bereich noch nicht alles abschließend bewiesen ist, gibt es doch Hinweise darauf, dass solche Maßnahmen einen positiven Effekt haben können.
Besonders gut belegt ist der Zusammenhang mit körperlicher Aktivität: Menschen, die sich regelmäßig bewegen, haben ein geringeres Parkinson-Risiko als sehr inaktive Personen. Bewegung gehört daher zu den Faktoren, auf die man schon heute mit gutem Grund aufmerksam machen kann. Was wir leider noch nicht können: Den zugrunde liegenden Prozess des Nervenzellverlustes stoppen. Die Krankheit schreitet trotz aller Maßnahmen fort. Genau daran wird aber weltweit intensiv geforscht.
SBC: Dann lassen Sie uns doch gleich zum aktuellen Stand der Forschung sprechen: Was passiert gerade in der Forschung?
Poewe: Parkinson ist, ähnlich wie Alzheimer, eine Eiweißkrankheit. Bei Alzheimer sind es zwei fehlgefaltete Proteine — Amyloid und Tau — die sich in und zwischen den Nervenzellen ablagern und diese schließlich zerstören. Bei Parkinson ist es ein anderes Eiweiß: Das sogenannte Alpha-Synuklein.
Alpha-Synuklein kommt in gesunden Nervenzellen vor und hat dort eine normale Funktion. Bei Parkinson beginnt es sich jedoch krankhaft zu falten. Diese Verklumpungen lagern sich in den Nervenzellen ab, stören ihre Funktion und führen schließlich zu ihrem Absterben. Dieses fehlgefaltete Eiweiß scheint übrigens ähnliche Eigenschaften wie das Prion-Protein bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu haben — es kann gesundes Synuklein in seine fehlerhafte Form „umprogrammieren“ und sich so schrittweise im Gehirn ausbreiten. Genau diese Eigenschaft macht die Früherkennung möglich: Die fehlerhafte Faltung lässt sich im Nervenwasser nachweisen, noch bevor die ersten Symptome auftreten.
Studien zeigen, dass etwa acht bis zehn Prozent der Bevölkerung positiv testen. Was das langfristig bedeutet, erforschen wir gerade. Wir wissen, dass ein Teil dieser Menschen Parkinson entwickeln wird – aber nicht alle, und wir wissen auch nicht wann.
Parallel dazu laufen weltweit Studien mit Antikörper-Therapien gegen dieses fehlerhafte Synuklein – in der Hoffnung, den Krankheitsprozess damit verlangsamen zu können. Eindeutige Ergebnisse gibt es noch nicht, aber es gibt Hinweise, dass es wirken könnte. Wir stehen am Beginn einer neuen Ära.
SBC: Sie sind selbst an einem internationalen Forschungsprojekt zur Früherkennung beteiligt. Können Sie das Projekt beschreiben?
Poewe: Wir arbeiten im Rahmen eines Verbunds fünf europäischer Kliniken – Innsbruck, Kassel-Göttingen, Barcelona, Luxemburg und London – zusammen unter dem Namen „Gesund Altern“ (Healthy Brain Aging). Bisher haben wir rund 1.200 Personen eingeladen und untersucht, um besser zu verstehen, was bestimmte Risikokonstellationen langfristig bedeuten.
Parallel dazu läuft das Projekt „Smell Test Direct“ der Michael J. Fox Foundation, an dem wir ebenfalls beteiligt sind. Dabei werden Menschen mit schlechtem Geruchssinn eingeladen, zunächst online an einem Fragebogen teilzunehmen, und sie erhalten anschließend einen Geruchstest zugeschickt. Wer dort auffällt, kann zu weiteren Untersuchungen nach Innsbruck kommen.
Für Interessierte in Deutschland läuft die Koordination über Prof. Brit Mollenhauer in Kassel-Göttingen. Die Studienteilnahme ist über das Portal MyPPMI der Michael J. Fox Foundation möglich – auch auf Deutsch.
SBC: Was wünschen Sie sich für die Zukunft – was braucht es in Österreich und Deutschland, damit Parkinson-Betroffene besser versorgt werden?
Poewe: Wir brauchen dringend bessere Daten. Die Österreichische Parkinson-Gesellschaft hat ein nationales Parkinson-Register gestartet – das ist ein wichtiger erster Schritt, aber noch weit von dem entfernt, was möglich wäre. In Schweden erfasst ein nationales Register inzwischen fast 60 Prozent aller Parkinson-Erkrankten im Land. Das erlaubt echte Wissenschaft und gesundheitspolitische Planung.
Mein zweiter großer Wunsch: Dass Früherkennung irgendwann systematisch in die Gesundheitsvorsorge integriert wird. Ein einfacher Geruchstest – kostengünstig, niedrigschwellig, für alle ab 50 – wäre ein realistischer erster Schritt. Kombiniert mit einem Bluttest für auffällige Personen. Voraussetzung dafür ist aber, dass wir auch etwas anbieten können: Also eine Intervention, die tatsächlich schützt. Bis dahin bleibt Lebensstilberatung die wichtigste Prävention: Körperliche Aktivität, mediterrane Ernährung, geistig rege bleiben.
Wir erleben gerade einen echten Paradigmenwechsel: Nach Jahrzehnten der Symptombehandlung stehen wir erstmals an der Schwelle zu Risikoerkennung, Frühdiagnose und Prävention. Das ist keine Utopie mehr – es kommt langsam, aber es kommt.
Zur Studie: So können Sie teilnehmen
Das Projekt „Smell Test Direct“ der Michael J. Fox Foundation ist sowohl für Österreich als auch für Deutschland offen. Die Teilnahme startet online über das Portal MyPPMI (www.ppmi-info.org => https://www.ppmi-info.org/participants).
Der Fragebogen ist auf Deutsch verfügbar und dauert etwa 45 Minuten. Im Anschluss bekommt man einen Geruchstest zugeschickt. Für weiterführende Untersuchungen in Österreich ist die Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck zuständig; für Deutschland koordiniert Prof. Brit Mollenhauer (Paracelsus-Elena-Klinik Kassel-Göttingen) die Teilnahme.
Über Prof. Werner Poewe
Prof. Werner Poewe war 25 Jahre lang Direktor der Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck. Er war Präsident der Internationalen Parkinson and Movement Disorder Society sowie der Österreichischen Parkinson Gesellschaft und zählt zu den international führenden Experten für Parkinson und Bewegungsstörungen. Auch im Ruhestand ist er aktiv in Forschungsprojekten tätig.
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Author: Anja Herberth
Chefredakteurin












