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Wer sein Leben lang gerne gereist ist, möchte darauf nicht verzichten — auch wenn der Körper langsamer wird, Rollstuhl oder Rollator dazugehören oder Pflege und Unterstützung Teil des Alltags geworden sind.
Sonja Fröse begleitet seit Jahren Menschen mit Pflegebedarf auf Reisen durch Deutschland und Europa. Ein Gespräch über die unerwarteten Kräfte und die Lebensfreude von Reisegruppen — und warum der Tourismus eine der größten Zielgruppen der nächsten Jahrzehnte noch immer nicht richtig sieht.
SBC: Frau Fröse, wie sind Sie zu begleiteten Reisen mit Pflegebedürftigen gekommen?
Fröse: Eigentlich war es eine Art Erschöpfung, die mich dahin geführt hat. Ich habe jahrelang in der ambulanten Pflege gearbeitet und war irgendwann einfach zermürbt. Nicht von den Menschen — sondern vom System. Von den endlosen Anträgen, den bürokratischen Hürden, dem Aufwand für Dinge, die eigentlich so einfach sein sollten. Wenn jemand einen Handwerker braucht, der eine Rampe einbaut — schon ein Kraftakt. Wenn jemand nicht mehr ins Möbelhaus kann, um sich einen Sessel auszusuchen — das ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Oft werden Pflegebedürftige oder Senioren oder Menschen mit Behinderung noch nicht als Klientel gesehen. Das bleibt oft an den Angehörigen und PflegerInnen hängen, die selbst schon am Limit sind. Und das zermürbt auf Dauer.
Und dann hatte ich die erste Gelegenheit, eine Reisegruppe zu begleiten. Das war eine völlig andere Begegnung. Man trifft die Menschen in einer schönen Umgebung, jenseits der Routine, jenseits der Problemlandschaft des Pflegealltags. Und plötzlich erlebt man den Urlaubsalltag mit pflegebedürftigen Menschen, ihren Freuden, Wünschen und Sehnsüchten. Die haben Humor, die wollen was erleben.
Das ist eine nochmal neue Welt für sich, und das hat mich nicht mehr losgelassen.
SBC: Was meinen Sie genau, wenn Sie sagen, man trifft die Menschen „ganz anders“?
Fröse: In der ambulanten Pflege sieht man die Menschen fast immer in ihrer schwierigsten Situation. Im Stress, an ihren Grenzen, oft auch in einem Zuhause, das längst nicht mehr zu ihrer Lebenssituation passt. Man sieht die Enge, die Einsamkeit, manchmal die Resignation. Auf Reisen ist das komplett anders.
Ich erinnere mich an eine Frau, die seit Jahren kaum das Haus verlassen hatte. Beim ersten Abendessen am zweiten Reisetag hat sie Witze gerissen. Hat erzählt, hat gelacht. Das kannte ich von ihr nicht. Menschen haben dann plötzlich Freude damit, wenn sie in einem Elektrorollstuhl einmal selber Gas geben können. Da kommt man als PflegerIn dann nicht einmal hinterher.
Und das sieht man immer wieder: Wenn die Umgebung stimmt, wenn man rauskommt, wenn man etwas Neues sieht — dann öffnen sich Menschen. Auch solche, von denen man das gar nicht mehr erwartet hätte.
SBC: Welche Kriterien müssen vorhanden sein, um mitfahren zu können?
Fröse: Es gibt bei uns keine starre Checkliste, aber eine ehrliche Grundvoraussetzung: Die Menschen sollten im Hotel schlafen können, auch wenn sie dabei Unterstützung brauchen. Und sie sollten mit Hilfe mobil sein — zumindest mit Rollator oder mit Rollstuhl. Was wir nicht organisieren können, ist eine rund-um-die-Uhr intensive Pflegesituation, die eine Einzelbetreuung braucht.
Was mich aber immer wieder überrascht: Wie viel geht. Der Bus ist natürlich rollstuhl- und behindertengerecht ausgerüstet. Aber viele Menschen kommen auch über die Stufen an Bord, von denen man vorher gedacht hätte, das wird sich eventuell nicht ausgehen. Das ist Aktivierung, das ist Mobilität.
SBC: Wie läuft eine solche Reise ganz konkret ab?
Fröse: Wir fahren in kleinen Gruppen, meist mit einem Personalschlüssel von 1:3 — auf drei Gäste eine Betreuungsperson. Wer mehr Unterstützung braucht, kann gegen einen Aufpreis auf 1:1 wechseln. Es gibt auch immer wieder Menschen, die nachts Begleitung brauchen — für zum Beispiel Toilettengänge, das kommt vor. Eigentlich ist unser Tag um 22 Uhr offiziell zu Ende, aber wenn jemand noch was braucht, hilft man natürlich.
Die Reisen dauern meistens zwischen zehn und vierzehn Tagen. Nicht weil wir so lange brauchen, sondern weil die Gäste ankommen müssen. Einen Tag An-, einen Tag Abreise, dann noch ein Tag zum Eingewöhnen. Und dann bleiben immer noch genug Tage, um wirklich dort zu sein.
Wir haben 93-Jährige dabei, die haben einen Schlaftag. Vorhänge zu, kein Programm, kein Ausflug. Und ich denke mir dann: Hoffentlich sind sie nicht enttäuscht, weil sie etwas verpassen. Die Antwort kommt meistens trocken und bestimmt: Nö. Ich schlafe jetzt und morgen bin ich wieder fit. Genau das ist es, was mich immer wieder überrascht — die Gelassenheit. Wir Jüngeren fahren in den Urlaub, wollen alles erleben und bloß nichts verpassen. Die Älteren wollen das auch, aber für sie ist das etwas anderes. Heißt: Wir gehen darauf ein, was individuell gebraucht wird.
Wir fahren dieses Jahr nach Usedom, in den Schwarzwald und nach Borkum. Alle drei Ziele kenne ich schon. Aber jede Reise ist trotzdem anders, weil die Gruppe eine andere ist. Weil das Wetter ein anderes ist, weil Menschen andere Tage haben.
SBC: Was spricht für eine Gruppe — und nicht für eine Einzelreise?
Fröse: Beides hat seinen Platz. Aber die Gruppe hat aus meiner Sicht für alle Beteiligten entscheidende Vorteile. Erstens die Sicherheit: Wenn jemandem etwas passiert, ist ein Kollege da. Wenn ich selbst einen schlechten Tag habe — und das kommt vor — ist jemand da, der einspringt. Das ist nicht Schwäche, das ist Realismus. Wir teilen uns auch je nach Interessen auf: Ich vertrage das Bootfahren nicht so gut, dafür gehe ich gerne ins Konzert oder ins Museum. Manche KollegInnen wollen das nicht so gerne, und so teilen wir uns die Aktivitäten untereinander gut auf.
Zweitens: Das Menschliche zwischen den Gästen. Was ich erlebe, ist jedes Mal berührend: Die Gäste reden miteinander. Sie erzählen sich Dinge, die sie vielleicht ihrer Familie nicht sagen. Schicksale, Verluste, aber auch Witze und Erinnerungen. Und manchmal motivieren sie sich gegenseitig zu Dingen, die sie mir gegenüber nie gesagt hätten. Was ein Gleichaltriger sagt, kommt eben manchmal ganz anders an.
Drittens: Es wird günstiger, je mehr mit auf die Reise kommen. Das ist heute kein Nebenaspekt.
SBC: Können Angehörige mitreisen?
Fröse: Absolut — und das ist eine der schönsten Konstellationen. Ich erlebe viele Töchter und Söhne, die ihre Mutter oder ihren Vater gerne mitnehmen würden, aber Angst haben, selbst ihren gesamten Urlaub in Betreuungsarbeit aufgehen zu lassen. Das ist ein berechtigtes Gefühl. Pflegende Angehörige sind oft schon zu Hause am Limit. Der Urlaub soll Erholung sein — für beide.
Auf einer begleiteten Gruppenreise ist das gelöst. Die Betreuung ist organisiert, und die Tochter oder der Sohn kann sich zurückziehen, ins Konzert gehen, zwei Stunden lang allein am Meer sitzen. Und wenn jemand mithelfen will — im Bus helfen, jemanden ermutigen — dann ist das willkommen, aber keine Pflicht.
Was mich dabei jedes Mal berührt: Die ältere Person ist meistens stolz – die Tochter, der Sohn ist mit mir im Urlaub. Das ist nicht selbstverständlich, und das wissen diese Menschen.
SBC: Wenn ich eine begleitete Reise buchen möchte: Worauf sollte ich achten, wenn ich Angebote vergleiche?
Fröse: Achten Sie auf die Erfahrung im Reisen mit Pflegebedarf, es gibt bei diesen Angeboten noch keine Standards. Viele Menschen aus sozialen Berufen denken, das wäre ein traumhafter Job: Mit jemandem eins zu eins durch die Welt reisen, schöne Orte sehen, Zeit am Meer verbringen. Und ja, das steckt auch drin. Aber was dabei oft vergessen wird: Man braucht Fremdsprachenkenntnisse, eine solide Erste-Hilfe-Ausbildung, touristische Grundkenntnisse und vor allem Erfahrung im Umgang mit Notfallsituationen — weit weg von zuhause, ohne das gewohnte Netz.
Auch wer aus der Pflege kommt, bringt das nicht automatisch mit. Pflege und begleitetes Reisen sind zwei verschiedene Disziplinen. Es braucht spezifische Weiterbildung und am besten auch selbst eine gewisse Reiselust — wer noch nie viel unterwegs war, wird auf unbekanntem Terrain schnell unsicher.
Die Realität kann ungemütlich sein. Zweimal war es schon nötig, mit ReiseteilnehmerInnen in ein ausländisches Krankenhaus zu gehen. Privatkrankenhaus — das bedeutet: Erst zahlen, dann behandeln. Das muss man wissen und können. Und das steht in keiner Pflegeausbildung.
SBC: Sie sagen, Lebensfreude ist ein eigener Pfeiler des Älterwerdens. Was meinen Sie damit?
Fröse: Ich meine, dass Pflege und Versorgung nicht das einzige sind, worüber wir reden sollten, wenn es ums Älterwerden geht. Im Schnitt verbringen Menschen heute über zwei Jahrzehnte in der Pension. Das ist kein kurzer Abschnitt — das ist ein ganzer Lebensabschnitt, der gelebt und gefüllt werden will. Wer sein Leben lang gerne gereist ist, für den fehlt etwas, wenn das einfach aufhört, weil der Tourismus diese Zielgruppe noch nicht wirklich im Blick hat. Erst langsam entstehen diese neuen Formen von Tourismus, die genau auf diese Bedürfnisse Acht geben.
Ich sage das wirklich in Richtung Hotellerie und Touristik: Da draußen ist eine riesige Gruppe von Menschen, die Geld haben, Zeit haben und reisen wollen. Und man bekommt oft zwei Menschen zum Preis von einem — die reisende Person und die Begleitperson. Aber dafür müssen Hotels wollen, dass diese Menschen kommen. Sie müssen barrierefrei gebaut sein, müssen das Frühstücksbuffet so gestalten, dass auch jemand mit Rollator drankommt. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
SBC: Was fehlt noch — in der Infrastruktur, im Tourismus, in der Gesellschaft?
Fröse: Sehr viel. Und manchmal sind es die simpelsten Dinge, die fehlen. Eine barrierefreie Toilette im Museum. Eine Bank zum Ausruhen im Supermarkt. Eine Speisekarte in lesbarer Schriftgröße. Klingt banal, aber jemand, der Wassertabletten nimmt oder inkontinent ist, geht nicht einkaufen, wenn er nicht weiß, ob unterwegs eine Toilette erreichbar ist. Der schickt jemanden oder kauft gar nichts. Das ist ein Ausschluss vom normalen Leben.
SBC: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Fröse: Dass Reisen mit Pflege und Beeinträchtigungen normal wird. Dass man nicht erst suchen muss, ob es so etwas gibt — sondern dass begleitetes Reisen mit Pflegebedarf genauso selbstverständlich ist wie jede andere Reiseform.
Eine der Firmen für die ich die pflegerische Reisebegleitung durchführe, gibt es seit zehn Jahren. Die ersten vier oder fünf Jahre waren harte Aufbauarbeit. Manchmal ist eine einzige Person mitgefahren, jetzt ist es in der Region ein Selbstläufer. Das zeigt: Es geht. Aber es braucht Geduld, und es braucht Sichtbarkeit.
Vielen Dank für das Interview!
Sonja Fröse begleitet Menschen mit Pflegebedarf und Beeinträchtigungen auf Gruppenreisen. Mehr Infos unter froese@sonjafroese.de und sonjafroese.de
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin













