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Manchmal verändert sich das Verhältnis zum eigenen Zuhause schleichend: Der große Garten wird zur Belastung. Der erste Stock bleibt ungeputzt, weil der Alltag längst andere Grenzen setzt. Was einmal Sicherheit, Freiheit und Vertrautheit bedeutet hat, beginnt plötzlich Druck und Gewissensbisse zu erzeugen.
Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, die eigene Wohnsituation ehrlich zu hinterfragen? Woran erkennt man, ob das vertraute Zuhause noch trägt – oder ob es längst mehr Kraft nimmt, als es gibt? Und wie findet man heraus, welches Wohnmodell zu den eigenen Bedürfnissen, Gewohnheiten und Vorstellungen vom Älterwerden passt?
Ursula Spannberger ist Architektin und hat vor rund 15 Jahren die RAUM.WERTmethode entwickelt: Ein Instrument, das Menschen dabei unterstützt, ihre eigenen Bedürfnisse an (Wohn)Raum sichtbar und formulierbar zu machen. Sie begleitet Einzelpersonen bei Wohnentscheidungen ebenso wie Gemeinden in Beteiligungsprozessen rund um Leerstand, neue Wohnformen, Schulbau und Gemeinschaftsprojekte.
Gleichzeitig hat sie selbst viele jener Fragen durchlebt, die sie fachlich seit Jahren stellt: Im Sommer zieht sie in das Salzburger Gemeinschaftswohnprojekt Silberstreif ein – ein Schritt, den sie für sich lange ausgeschlossen hatte.
Im Gespräch erklärt Ursula Spannberger, warum Räume weit mehr tun, als uns zu beherbergen, worin sich eine Clusterwohnung von anderen Formen des gemeinschaftlichen Wohnens unterscheidet – und warum der beste Zeitpunkt, über das Wohnen im Alter nachzudenken, meist früher ist, als man glaubt.
SBC: Frau Spannberger, Sie fragen Menschen gerne: Dient Ihnen Ihr Haus – oder bedienen Sie es bereits? Was meinen Sie damit genau?
Spannberger: Es ist eine sehr einfache Frage, aber sie trifft einen Nerv. Irgendwann in der Mitte des Lebens – oder auch früher – beginnt das Gleichgewicht zu kippen. Man könnte im Garten arbeiten, man sollte den ersten Stock endlich wieder durchputzen. Aber man tut es nicht, weil die Kraft fehlt oder die Freude. Und statt zu fragen, ob das Zuhause vielleicht zu groß geworden ist, macht man sich ein schlechtes Gewissen.
Das ist der Moment, in dem das Haus nicht mehr für einen arbeitet, sondern man für das Haus. Und genau das ist das Signal, innezuhalten und ernsthaft zu fragen: Was brauche ich jetzt wirklich von meinem Wohnumfeld? Was hat sich verändert?
SBC: Sie haben dafür eine Methode entwickelt – die RAUM.WERTmethode. Was steckt dahinter?
Spannberger: Der Grundsatz ist einfach: Raum wirkt. Räume beeinflussen unser Wohlbefinden, unsere Energie, unsere Beziehungen. Die meisten Menschen wissen das intuitiv – aber das einzige Beurteilungsinstrument, das ihnen zur Verfügung steht, ist: Schön oder hässlich. Und mit dieser Einschätzung kann man nicht weiterarbeiten, weil sie zwar stimmt, aber keine Handlungsgrundlage bietet.
Die Methode stellt andere Fragen. Sie fragt nach neun konkreten Raumwerten – zum Beispiel: Wie machen Sie Ihre Wege? Wo erleben Sie Nähe, wo Distanz? Haben Sie einen Raum, in den Sie sich wirklich zurückziehen können? Das betrifft übrigens viele Frauen in Familiensituationen, da sie keinen eigenen Raum ganz für sich zur Verfügung haben.
Diese Fragen geben Orientierung und sie kann jeder Mensch in Alltagssprache beantworten, ohne Architekturausbildung.
Und genau das war mir wichtig: Zwischen ArchitektInnen und NutzerInnen klafft oft eine große Lücke des Nichtverstehens. Meine KollegInnen fürchten manchmal, dass NutzerInnen mitplanen wollen – aber sie sind keine ArchitekturexpertInnen, sondern ExpertInnen für ihren eigenen Alltag. Und das ist etwas völlig anderes, und etwas sehr Wertvolles. Und sie können für sich ein Briefing erstellen, wie etwas gestaltet werden soll, damit Sie bedient werden durch das Haus.
SBC: Wann sollte man anfangen, sich diese Fragen zu stellen?
Spannberger: Viel früher, als die meisten es tun. Ich empfehle, das spätestens mit Anfang oder Mitte 60 zu tun – wenn man noch die Kraft und den Handlungsspielraum hat, Veränderungen wirklich zu gestalten. Nicht wenn der Bedarf dringend ist, sondern bevor er dringend wird.
Wir beginnen immer mit der Diagnose: Wie dient mir der Raum jetzt? Was funktioniert, was nicht? Aus dieser ehrlichen Bestandsaufnahme entsteht dann ein Bild davon, was man braucht. Und erst dann beginnt die Suche nach der passenden Lösung.
Ein kleiner erster Schritt, den jeder für sich machen kann: Welcher Typ bin ich? Bin ich jemand, der gut alleine ist – oder brauche ich Gemeinschaft? Wo hat sich das in meinem Leben auch schon gezeigt? Und wie könnte sich das in den nächsten Jahren verändern? Viele Menschen kommen dabei zu überraschenden Erkenntnissen über sich selbst.
SBC: Sie selbst sind gerade dabei umzuziehen – in das Gemeinschaftswohnprojekt Silberstreif in Salzburg – und erleben dieses Übersiedeln in eine völlig neue Wohnsituation gerade selbst.
Spannberger: Ja, ich habe die Gruppe jahrelang architektonisch begleitet und war wirklich überzeugt von dem, was sie aufgebaut haben. Aber ich habe immer gesagt: Das ist nichts für mich. Ich bin eher ein lonely wolf. Ich brauche nach intensiven Arbeitsphasen das Alleinsein als Regeneration – einen Raum, in den ich mich zurückziehen kann, die eigene Stille.
Was mir auch irgendwann aufgefallen ist: Man wird schrulliger, wenn man älter wird. Man braucht das Alleinsein noch mehr – und übersieht dabei, dass es langsam in Richtung Einsamkeit kippt. Das sind schleichende Veränderungen. Ich bin jetzt 70 Jahre alt und stehe noch voll im Berufsleben. Aber wenn ich weniger arbeiten werde, dann habe ich auch viel weniger Sozialkontakte.
Eine Freundin hat dann einmal beiläufig gesagt: „Wenn wir dann mal in Silberstreif wohnen…“ – und das hat bei mir einen Schalter umgelegt. Auf einmal war mir klar: Vielleicht wäre das doch cool.
Jetzt, wo der Umzug immer näher kommt, durchlaufe ich alle Phasen, die ich bisher nur theoretisch oder in der Begleitung von anderen kannte. Und ich merke, wie schwer unsere Gesellschaft es uns macht, diesen Schritt als das zu sehen, was er ist: Eine gute Entscheidung für die eigene Zukunft.
SBC: Was macht Silberstreif konkret aus – räumlich gesehen?
Spannberger: Was mich als Architektin wirklich überzeugt hat, ist die Differenzierung der Gemeinschaftsräume. Es gibt im Erdgeschoss einen halböffentlichen Bereich mit eigenem Eingang und großen Fenstern – sichtbar für die ganze Siedlung, auch von außen zugänglich. Das ist ein Ort, der in das Quartier hineinwirkt. Man kann ihn mieten, wir bespielen ihn aber auch selbst und haben bereits ein Programm für die ersten drei Monate erstellt.
Im vierten Stock gibt es ein Wohnzimmer nur für uns – mit Essbereich, Spieletisch, Lounge, kleinem Balkon und einer großen Dachterrasse, auf der wir gärtnern können. Dazu eine Werkstatt im Erdgeschoss, ein Atelier zum Malen und Nähen im Keller, einen kleinen Fitnessraum. Diese Vielfalt unterschiedlicher Gemeinschaftsräume mit unterschiedlichen Benützungsregeln finde ich sehr klug geplant.
Und was mir persönlich sehr wichtig ist: Ich wohne dann in einer kleinen Wohnung mit 45 Quadratmetern. Indem ich eine Wand ausgelassen habe, wurde aus der klassischen Zweizimmerwohnung eine Einzimmerwohnung. Das ist mein ganz persönlicher Raum, ich kann meine Tür zu machen und in meiner eigenen Welt sein. Ich kann aber jederzeit hinausgehen und Menschen treffen. Dieser Unterschied – zwischen erzwungener und verfügbarer Gemeinschaft – ist für mich der Kern.
SBC: Was genau meinen Sie mit erzwungener und verfügbarer Gemeinschaft?
Spannberger: Das ist ein Raumwert, der oft unterschätzt wird – Nähe und Distanz. Bei einer Clusterwohnung, bei der die Wohneinheiten rund um die Gemeinschaftsräume angeordnet sind, muss man beim Hinaus- und Hineingehen immer durch den Gemeinschaftsbereich. Das klingt harmlos, hat aber reale Auswirkungen: Wenn es mir nicht gut geht und ich niemanden sehen will, muss ich trotzdem ‚Hallo‘ sagen. Wenn ich alleine spazieren gehen möchte, muss ich das erklären – oder ich habe zumindest das Gefühl, es erklären zu müssen. Für manche Menschen ist das kein Problem. Für andere ist es ein Grund, warum eine Clusterwohnung letztlich nicht passt.
Bei uns in Silberstreif hat jede Person eine eigene, vollwertige Wohneinheit. Es ist wie ein großes Wohnhaus mit ganz normalen, anonymen Gängen und einem Stiegenhaus. Ich kann aus meiner Wohnung heraus, das Stiegenhaus hinunter, aus der Haustür – und kann mich aufs Rad schwingen oder in den Wald gehen, ohne jemanden treffen zu müssen. Vielleicht begegne ich jemandem im Stiegenhaus, vielleicht auch nicht. Aber ich muss nicht durch unsere Gemeinschaftsräume, weil sie einen eigenen Eingang haben.
Das ist keine Kleinigkeit. Es ist genau dieser Unterschied zwischen verfügbarer Gemeinschaft und unvermeidlicher Gemeinschaft. Ich empfehle immer, das ehrlich für sich zu klären, bevor man sich für ein Modell entscheidet. Wer noch nie in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, sollte sich genau überlegen, ob Euphorie und Realität übereinstimmen.
Damit hängt auch ein weiterer Raumwert zusammen – Flexibilität und Aneignung. Es geht darum, wie schnell und leicht sich Räume für unterschiedliche Nutzungen anpassen lassen. Wir haben uns bei der Gestaltung des Gemeinschaftsraums im Erdgeschoß bewusst für feste Zonen entschieden: Es gibt eine Bühne, es gibt eine Tagesbar in der Mitte, und es gibt einen Bereich, der eher zum Lerncafé oder Basteln einlädt. Klare Atmosphären, klare Zwecke und eine große innere Mitte, die vorerst leer bleibt.
Das klingt vielleicht nicht flexibel – aber genau das ist der Punkt. Was in vielen Gemeinschaftsräumen eine triste Stimmung erzeugt, sind Klapptische, die zusammengeklappt an der Wand stehen. Sessel, die gestapelt in der Ecke warten. Das kann man schnell umräumen, ja – aber es wird nie gemütlich, weil es keinen festen Zweck ausdrückt. Ein Raum, der nur praktisch ist, ist noch nicht einladend. Er braucht eine Atmosphäre, eine klare Zuordnung, damit man sich wirklich hineinbegibt und bleibt.
SBC: Bedeutet letztendlich, dass es unterschiedliche Modelle des Gemeinschaftswohnens gibt. Können Sie uns noch weitere Varianten vorstellen?
Spannberger: Es gibt deutlich mehr Modelle, als die meisten wissen. Das WohnBuddy-Modell zum Beispiel: Man vermietet in der eigenen Wohnung ein Zimmer an eine jüngere Person, die dafür bestimmte Aufgaben übernimmt – beispielsweise Einkäufe, kleine Handgriffe, oder einfach Präsenz.
Das Haus teilen mit einer jungen Familie ist eine andere Möglichkeit – da stellt sich dann die Frage: Was muss ich umbauen, wie suche ich mir die richtige Familie aus, was sind meine Bedürfnisse und wie können die mit den Bedürfnissen der anderen abgestimmt werden?
Und dann gibt es noch etwas, das ich für besonders zukunftsweisend halte: Projekte, die das gesamte Dorfleben neu denken. Viele kleine Gemeinden haben Leerstand – das ehemalige Wirtshaus, die Räume, die die Kirche nicht mehr braucht, Erdgeschossflächen ohne Nutzung. Mein Angebot an Gemeinden, das ich ‚Zukunftsraum Gemeinschaft‘ nenne, geht genau dort hin. Ich begleite Beteiligungsprozesse, in denen Menschen selbst entwickeln, was aus diesen Räumen werden soll: Ob das ein Dorfladen ist, ein Coworking-Space, Werkstätten, eine Kinderbetreuung, Wohnungen oder eine Kombination davon.
SBC: Haben Sie ein Beispiel für uns aus der Praxis?
Spannberger: Wir wurden von der Stadt Salzburg beauftragt, ein Konzept für einen großen Speisesaal in einem Altersheim zu entwickeln, der nicht mehr genutzt wurde. Rund herum gibt es Schulen, Jugendzentren, Vereine mit Raumbedarf. Im Beteiligungsprozess ist gemeinsam entstanden, wie dieser Raum multifunktional genutzt werden kann – auch von Menschen von außen.
Das Schöne daran: Die Menschen, die dort wohnen, haben dadurch wieder Kontakt nach draußen, Kinder kommen ins Haus. Es entsteht Leben, das gegen Vereinsamung wirkt – nicht nur innerhalb der Einrichtung, sondern im Sinne eines echten Quartierbewusstseins.
SBC: Was ist Ihre wichtigste Botschaft für Menschen, die jetzt beginnen, über ihr Wohnen im Alter nachzudenken?
Spannberger: Fangen Sie an, bevor es dringend wird. Und beginnen Sie mit der Diagnose, nicht mit der Lösung. Die Frage ist nicht: Welches Modell ist gut? Die Frage ist: Was brauche ich? Was möchte ich ‚mitnehmen‘? Welche Räume geben mir Energie, welche kosten sie? Wo lebe ich Nähe, wo brauche ich Distanz?
Und dann: Vertrauen Sie darauf, dass es nicht nur Pflegeheim und Betreutes Wohnen gibt. Es gibt Wohnmodelle, die man vor zehn Jahren noch gar nicht kannte. Das Bild vom Altern, das wir als Gesellschaft noch immer dominieren lassen, ist viel zu eng. Die Wirklichkeit ist reichhaltiger – man muss sie nur finden und leben wollen.
Vielen Dank für das Interview!
Ursula Spannberger ist Architektin und Entwicklerin der RAUM.WERTmethode. Sie begleitet Einzelpersonen bei Wohnentscheidungen und Gemeinden bei Beteiligungsprozessen rund um Zukunftsraum und Gemeinschaft. Weitere Informationen unter raumwert.cc
Zum Gemeinschaftswohnprojekt Silberstreif in Salzburg hat SmartBuildingsCompass bereits mit Mitgründer Michael Flemmich gesprochen: Gemeinschaftswohnen: Welche Learnings ziehen Sie aus ihrem Projekt, Michael Flemmich?
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin













