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In Österreich gibt es sie erst an drei Orten, in Deutschland an 170, in Großbritannien an 2.660 Plätzen: Changing Places – das sind speziell ausgestattete Sanitäranlagen für Menschen, für die eine herkömmliche barrierefreie Toilette nicht ausreicht.
Was das konkret bedeutet: Wer gewickelt werden muss, wer einen Deckenlifter braucht, um die Toilette nutzen zu können, der kann einen Konzertbesuch, einen Museumsausflug oder einen Einkaufsbummel bei mangelnder Infrastruktur schlicht nicht planen. Dafür braucht es eine höhenverstellbare Versorgungsliege, einen Deckenlift und ausreichend Bewegungsfläche zur Unterstützung. Ohne diese spezielle Infrastruktur ist öffentliches Leben für sie schlicht nicht möglich, da es außerhalb ihres Zuhauses keine Möglichkeit zur Körperhygiene gibt.
Mit der Alterung der Gesellschaft wird das Thema breiter: Neben jüngeren Menschen mit Beeinträchtigungen rücken zunehmend auch die Bedürfnisse älterer Menschen in den Blick. Wir haben daher mit zwei Frauen gesprochen, die Changing Places in Österreich mitgestaltet haben: Jennie Carvill Schellenbacher, Inklusionsbeauftragte im Wien Museum, und Roswitha Prantl vom Baumanagement der Tiroler Versicherung V.a.G. (Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit).
Warum es diese Toiletten braucht
Es gibt Dinge, über die spricht man nur sehr ungern, es sind Tabuthemen. Wickeln oder auch die Notwendigkeit eines Lifters beim Toilettengang gehört dazu. Und genau deshalb sind Changing Places zwar so wichtig, aber auch so wenig bekannt. Dabei gibt es immer mehr Menschen mit einem umfassendem Unterstützungsbedarf: Bei Mehrfachbehinderungen, Querschnittlähmungen, Muskel- und Nervenerkrankungen oder Multipler Sklerose reicht eine barrierefreie Standard-Toilette nicht mehr aus.
Die Initiative wurde 2006 in Großbritannien ins Leben gerufen, um dem Mangel an geeigneten öffentlichen Toiletten entgegenzuwirken. 2019 trat dort eine neue Bauordnung in Kraft, die für öffentliche Gebäude mit hohen Besucherzahlen eine solche Anlage vorschreibt. In Großbritannien sind daher bereits 2.660 Anlagen im Betrieb – Online-Routenplaner inklusive. In Deutschland ist das Äquivalent unter dem Namen „Toiletten für Alle“ bekannt. Seit 2013 gibt es den ersten Changing Place in der Münchner Innenstadt, laut Online-Recherche gibt es aktuell 170 Anlagen. In Österreich sind es Mitte 2026 drei: Im Fonds Soziales Wien in der Wiener Guglgasse, im Wien Museum und in Innsbruck im neuen Gebäude der Tiroler Versicherung.
Wien Museum: Chance auf inklusive Sanierung
Das Wien Museum am Karlsplatz nutzte die Generalsanierung, um einen Fokus auf Inklusion zu setzen. Als erste Inklusionsbeauftragte des Wien Museums konnte Jennie Carvill Schellenbacher ihre Rolle weitgehend selbst definieren. Sie strukturierte sie nach drei Säulen: Physische Barrierefreiheit – von der Orientierung im Gebäude über das taktile Bodenleitsystem bis zur Kassengestaltung –, inhaltliche Barrierefreiheit im Sinne von Sprache, Mehrsinnesprinzip und taktilen Objekten, und schließlich Repräsentation: Wie kommen die Geschichten und Biografien von Menschen mit Behinderungen in die Ausstellungen?
Den Anstoß für den Changing Place lieferte ein Blick nach Großbritannien. Als Britin und Mitglied der dortigen Museums Association stieß Schellenbacher auf die neue Bauordnung, die für öffentliche Gebäude ab einer bestimmten Besucherzahl eine solche Anlage vorschreibt. „Es wird irgendwann auch nach Österreich kommen“, dachte sich Schellenbacher damals – „und vielleicht können wir hier einen Meilenstein setzen.“ Es wurde der erste öffentliche Changing Place in Österreich.
Die Planung war von Anfang an breit aufgestellt. Seit 2020 begleitet der Bundesverband für Menschen mit Behinderungen (ÖZIV) das Wien Museum mit einer laufenden Bauberatung – für die Gestaltung des Gebäudes und die der Ausstellungen. Eng eingebunden war außerdem der Blindenverband, dazu Fokusgruppen aus Menschen mit gelebter Erfahrung und Expertise. „Es waren über Jahre hinweg sehr viele Menschen an der Entwicklung beteiligt“, erzählt Schellenbacher. Den Changing Place versteht sie heute nicht nur als museumseigenes Angebot, sondern als Stützpunkt in der Stadt. „Das ermöglicht es den Menschen, ihr Leben zu gestalten – und auch unterwegs eine geeignete Toilette in Würde zu finden. Ein Besuch am Weihnachtsmarkt, beim Popfest, auf der Kärntner Straße – das soll für alle möglich sein.““
Finanziert wurde alles aus dem laufenden Baubudget. Keine Sonderförderung, kein Inklusionsbudget – und das ist für Schellenbacher ein Prinzip: „Ich hole mir das Geld dort, wo es hingehört – aus dem jeweiligen Projektbudget. Inklusion ist kein Sonderposten, sie ist Teil jedes Projekts.“ Die Anlage ist während der Öffnungszeiten des Museums frei zugänglich – ohne Euro-Key, ohne Anmeldung. „Man geht einfach hinein, es ist auch kein Ticket notwendig. Und man muss nichts lernen, um unsere Toilette zu benutzen“, so Schellenbacher.
Was die inklusive Generalsanierung für das Museum verändert hat? Seit der Wiedereröffnung 2023 zeigt sich das Publikum des Wien Museums sichtbar inklusiver und breiter aufgestellt, so Schellenbacher: „Wenn man durch die Ausstellung geht, sieht man, dass es viel diverser und gemischter ist als vorher.“
Innsbruck: 24/7 Zugang mit Euro-Key
Auch die Tiroler Versicherung nutzte den Neubau ihres Hauptsitzes in Innsbruck für ein inklusives Konzept. Anfang 2022 wurde mit dem Projekt begonnen und ausgesiedelt, Ende 2024 war die neue Zentrale im Stadtzentrum fertig. Barrierefreiheit war im gesamten Gebäude von Anfang an Pflicht: Höhenverstellbare Tische, induktive Höranlagen in Schulungsräumen, automatische Türen, eine barrierefreie Dusche beim Fitnessraum – und in jedem Stockwerk ein barrierefreies WC.
Ebenso umgesetzt wurde ein Changing Place, der von außen rund um die Uhr mit einem sogenannten Euro-Key zugänglich ist. „Es war unser Abteilungsleiter Georg Griedling, der das initiiert hat, und er ist beim Vorstand auf offene Ohren gestoßen. Barrierefreiheit ist ein Thema, das in unserem Haus seit Jahren wichtig ist“, sagt die Barrierefreiheitsbeauftragte Roswitha Prantl.
Der Euro-Key ist ein Universalschlüssel, der ausschließlich berechtigten Personen Zutritt zu behindertengerechten Einrichtungen verschafft – beispielsweise barrierefreie Toiletten und Aufzüge in Städten, Gemeinden, Hochschulen, Kaufhäusern und an Autobahnen. Der Schlüssel stellt sicher, dass diese Anlagen sauber und funktionsfähig bleiben und vor unbefugter Nutzung geschützt sind. In Österreich ist der Euro-Key beim Österreichischen Behindertenrat erhältlich – für Menschen mit einem gültigen Bundesbehindertenpass in der Regel kostenlos. In Deutschland kann er über den Club Behinderter und ihrer Freunde (cbf-da.de/leistungen/euroschluessel ) sowie z.B. über die Sozialverbände kostenpflichtig angefordert können.
Die Ausstattung im Innsbrucker Changing Place ist hochwertig: Höhenverstellbare Versorgungsliege, ein Deckenlifter, ein höhenverstellbares WC, eine Intimdusche und Dusche mit Sitzgelegenheit, ein höhenverstellbares Waschbecken mit integriertem Spiegel sowie ein höhenverstellbarer Wickel- und Liegetisch gehören zur Ausstattung. In Planung und Umsetzung hat das auf Barrierefreiheit spezialisierte Architekturbüro gabana unterstützt. „Wir wollten, dass diese Toilette für alle Nutzergruppen geeignet ist“, sagt Prantl. Auch der Notruf ist 24 Stunden über ein externes Unternehmen mit medizinisch geschultem Personal gewährleistet, die bei Bedarf in wenigen Minuten vor Ort ist.
Was seit der Eröffnung der Innsbrucker Toilette passiert ist, hat das Team überrascht – und berührt. „Wir haben Rückmeldungen von Menschen im Rollstuhl bekommen, die einfach glücklich sind, dass sie jetzt Veranstaltungen besuchen können. Weil vorher standen immer die Fragen im Raum: Können wir etwas trinken? Wie lange können wir bleiben?“
Und dann noch ein anderer Befund, der nachdenklich macht: „Zu uns ommt regelmäßig ein Mann mit seiner pflegebedürftigen Frau, um sie zu duschen. Weil er dazu zu Hause keine Möglichkeit hat“, so Prantl, „Das zeigt, wie weit barrierefreier Wohnbau noch entfernt ist von dem, was die Realität der Menschen ist.“
Warum Inklusion für eine alternde Gesellschaft wichtiger wird
Beide Interviewpartnerinnen kommen aus völlig unterschiedlichen Kontexten: Ein Museum, das sich neu erfunden hat, und ein Versicherungsunternehmen, das Barrierefreiheit als gesellschaftliche Haltung versteht. Und doch beschreiben sie dasselbe Grundproblem: Barrierefreie Toiletten und Changing Places sind in Österreich kaum bekannt und umgesetzt, während sie in anderen Ländern wie Großbritannien und Deutschland viel intensiver auf der Landkarte zu finden sind.
Rund 1,3 Millionen Menschen in Österreich – etwa 18 Prozent der Bevölkerung – leben mit einer Form von Behinderung, davon über eine Million mit Mobilitätseinschränkungen. Gleichzeitig altert die Gesellschaft in einem hohen Tempo, und Beeinträchtigungen sind für einen wachsenden Teil der Bevölkerung Lebensrealität. Changing Places sind daher keine Nischenlösung für eine kleine Gruppe. Sie sind ein Gradmesser dafür, wie ernst eine Gesellschaft die Teilhabe aller Mitglieder nimmt.
Die Mehrkosten für die Spezialausstattung – laut Tiroler Versicherung rund 36.000 Euro netto – sind gemessen an den Gesamtbaukosten eines Gebäudes überschaubar. Was sie ermöglichen, wiegt schwerer als jede Kostenrechnung: Dass Menschen Veranstaltungen besuchen, Städte erkunden und am öffentlichen Leben teilnehmen können – ohne die Entscheidung von der Frage abhängig machen zu müssen, ob unterwegs eine geeignete Toilette zu finden ist.
Inklusion ist keine Frage des guten Willens, sie ist eine Frage der Infrastruktur. Und die entsteht nicht von selbst – sondern durch Entscheidungen, die Unternehmen, Kommunen und Bauträger heute treffen.
Changing Places in Wien:
- Wien Museum, Karlsplatz– während der Öffnungszeiten, ohne Euro-Key nutzbar
- Fonds Soziales Wien, Gugelgasse
Changing Place in Innsbruck: Tiroler Versicherung V.a.G., Wilhelm Greil Straße 10 (Euro-Key erforderlich)
Hier finden sie eine Übersicht über Changing Places in Deutschland (toiletten-fuer-alle.de) und Großbritannien Changing Places UK
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin












