In Österreich sterben mittlerweile mehr Menschen an Hitze als an Verkehrsunfällen. Betroffen sind vor allem ältere, vulnerable Menschen — jene, die ihre überhitzten Wohnungen nicht so einfach verlassen können, wenn es zu heiß wird.
Roland Wallner, Stellvertreter der Geschäftsführer vom Hilfswerk Österreich und ausgebildeter Architekt, spricht im Interview über praktische Lösungen, blinde Flecken in Forschung und Politik — und darüber, warum er sich manchmal mehr Pragmatismus wünscht.
SBC: Herr Wallner, warum liegt Ihnen das Thema Hitzeschutz für ältere Menschen so besonders am Herzen?
Wallner: Es ist ein Thema, das uns als Gesellschaft nicht egal sein darf. Weil es hier um menschliches Leid und um fehlendes Bewusstsein geht. In Österreich sterben mittlerweile mehr Menschen an Hitze als im Straßenverkehr. Und wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand über Jahrzehnte versucht wurde, die Verkehrstoten zu reduzieren — das ist absolut löblich, das war richtig und wichtig — dann frage ich mich ernsthaft, warum es für Hitzetote keine vergleichbare gesellschaftliche Strategie gibt.
Die Zahl der Tropennächte sprechen eine klare Sprache. Das sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. In den 1960er Jahren gab es im Schnitt eine solche Nacht pro Jahr in Österreich. 2003 waren es elf, 2015 bereits 23, und 2024 haben wir 26 gezählt. Diese Entwicklungen gibt es auch in Regionen, die bisher eher für ein kühles Klima bekannt waren.
Die Zahlen zeigen: Es wird wärmer, und wir müssen uns und unsere Städte und Dörfer auf diese Entwicklung vorbereiten. Der menschliche Körper braucht die nächtliche Abkühlung zur Regeneration. Wenn die ausbleibt, ist das selbst für junge, gesunde Menschen unangenehm. Für alte, gebrechliche Menschen kann es lebensgefährlich werden.
SBC: Wen meinen Sie konkret, wenn Sie von der Risikogruppe sprechen?
Wallner: Ich meine damit Menschen, die nicht mobil sind. Die nicht einfach aufstehen und in den Park gehen können, wenn es zu heiß wird. Die keine Familie in der Nähe haben, die schnell vorbeikommen und unterstützen kann. Die allein auf dem Land wohnen, oder in Stadtwohnungen aus den 1960er oder frühen 1970er Jahren — mit großen südseitigen Fenstern, einer schlechten Verglasung und schlechten Dämmung, ohne Außenverschattung.
Diese Menschen sitzen buchstäblich in der Hitzefalle. Und was wir ihnen aktuell anbieten können, das ist wirklich beschämend wenig: Nachts lüften, nasse Tücher aufhängen. Das sind Maßnahmen, die man Pflegekräften auch schon vor hundert Jahren gesagt hat. Hier hat sich in der Forschung einfach sehr wenig getan. Das finden wir zutiefst bedauerlich.
SBC: Warum ist das so? Warum wird das Thema zu wenig ernst genommen?
Wallner: Die Entwicklung des Klimas und ihre Auswirkungen auf die Lebensqualität in Dörfern und Städten werden intensiv erforscht. Auch langfristige Maßnahmen zur Anpassung dieser Lebensräume an den Klimawandel stehen im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen. Was jedoch weitgehend fehlt, sind konkrete Lösungsansätze für vulnerable Gruppen, die bereits heute akut unter Hitze leiden und denen unmittelbar geholfen werden muss, weil ihre Gesundheit und mitunter sogar ihr Leben davon abhängen.
Die entscheidende Frage lautet: Was können wir über die bekannten Empfehlungen wie nächtliches Lüften oder das Aufhängen feuchter Tücher hinaus tun? Als Pflegeorganisation warten wir auf Antworten, welche Maßnahmen im Fall einer akuten Hitzebelastung in der Wohnung einer 80-jährigen Person sofort ergriffen werden können, um gesundheitliche Risiken wirksam zu minimieren. Unser Anliegen ist es, praktikable und unmittelbar umsetzbare Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren, die besonders gefährdeten Menschen in Hitzesituationen schnell und wirksam helfen.
Was stattdessen passiert: Wenn das Thema Hitzeschutz auf den Tisch kommt, ziehen sich die Fachleute ihren Elfenbeinturm zurück. Man spricht dann von thermischer Sanierung der Gebäudehülle, von Vollwärmeschutz, von Bauteilaktivierung. Das sind grundsätzlich sinnvolle Maßnahmen, ich sage das ausdrücklich — aber sie sind komplett sinnlos, wenn wir von einem 85-jährigen Menschen sprechen, der akut in einer überhitzten Wohnung sitzt und in seinem Leben kein Bauspardarlehen mehr bekommt, der nicht die Zeit für ein mehrmonatiges Sanierungsprojekt hat und der mit seiner Lebenssituation völlig überfordert ist. Es geht um die Frage, was hilft ihm heute, in dieser Nacht, bei 32 Grad in der Wohnung?
Für solche Menschen brauchen wir Akutlösungen. Und die haben wir nicht, und wir erforschen sie auch nicht. Das ist der eigentliche Skandal.
SBC: Was würden Sie Betroffenen kurzfristig empfehlen — ohne großen Aufwand, ohne viel Geld?
Wallner: Die einfachste Maßnahme kostet gar nichts: Innerhalb der Wohnung oder des Hauses umsiedeln. Das klingt banal, aber der Effekt ist mitunter beachtlich. Ältere Menschen wohnen häufig in großen Immobilien und nutzen davon nur noch einzelne Räume. Das Wohnzimmer an der Südseite, das Schlafzimmer mitunter auch.
Mein Rat: Suchen Sie den kühlsten Raum im Haus oder in der Wohnung. Warum nicht einfach das Bett dorthin stellen? Man befreit sich damit im Sommer von etlichen Grad — besonders nachts, wenn es darauf ankommt. Kein Handwerker, keine Kosten, innerhalb eines Tages erledigt.
Das ist übrigens kein neues Wissen. Als ich im Architekturstudium alte Bauernhöfe vermessen habe, war mir sofort klar: Die Raumanordnung folgte dem Klima. Die kühlsten Räume lagen immer in der Nordostecke. Dort war die Speisekammer, dort wurden die Lebensmittel gelagert. Das hat funktioniert, jahrhundertelang. Wir müssen heute nicht mehr die Lebensmittel dorthin verlagern – aber warum nicht das Schlafzimmer? Das könnte eine sinnvolle Maßnahme sein.
SBC: Haben Sie noch weitere günstige Tipps, um Hitzespots zu vermeiden?
Wallner: Etwas, das ich gerne einmal ernsthaft wissenschaftlich untersucht hätte: UV-Schutzfolien auf den Fensterscheiben. Jedes Grad, das mit dem Sonnlicht nicht durch die Scheibe kommt, ist ein Gewinn. Diese Folien sind relativ günstig, können innerhalb eines Tages professionell angebracht werden, brauchen keine baubehördliche Genehmigung und hinterlassen keine baulichen Spuren.
Der nächste, schon deutlich aufwändigere Schritt wäre ein außenliegender Sonnenschutz — Rollläden, Jalousien, Raffstores. Damit lässt sich die Wärmeeinstrahlung über die Fensterflächen deutlich reduzieren bzw. unterbinden. Das ist eine Investition, die sich lohnt, und die — im Gegensatz zur Gebäudesanierung — auch für ältere Menschen in überschaubarer Zeit und mit überschaubarem Budget umsetzbar ist.
Und wenn gar nichts mehr hilft: Ein Klimagerät. Ich weiß, dass das in manchen Fachkreisen fast als Sakrileg gilt. Ich lebe selbst in einem Passivhaus, ich kühle mit einer Tiefenbohrung — also ich kenne das ganze umweltfreundliche Repertoire an Maßnahmen. Aber wenn es darum geht, die Lebensqualität eines älteren, gesundheitlich beeinträchtigten Menschen kurzfristig und konkret zu verbessern, dann geht diese Diskussion meines Erachtens am Thema vorbei.
SBC: Was können Menschen tun, die noch in der Lage sind, ihre Immobilie aktiv und intensiver zu gestalten?
Wallner: Wer vorausschauend agiert und sich rund um die Pensionierung Gedanken dazu macht, in welchem Wohnumfeld man den Lebensabend verbringen möchte, sollte auch das Hitzethema in seine Überlegungen miteinbeziehen. Ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld: Eine pensionierte Pflegekraft ist von einem aus ihrer Sicht viel zu großen Haus mit arbeitsintensivem Garten in eine kleine Wohnung gezogen. Es standen mehrere Wohnungen zur Auswahl.
Sie hat sich bewusst nicht für die Südseite entschieden — obwohl dort vielleicht die schönere Aussicht gewesen wäre. Sie hat die Nordseite mit einer Terrasse in der Abendsonne gewählt. Weniger Hitzeintensität, kühlere Nächte, angenehme Sommerabende draußen. Das ist klug, das ist Vorausplanung.
Und genau das ist das Thema: Dass Menschen, die noch die Möglichkeit haben, ihre Wohnsituation zu gestalten und mit Anfang oder Mitte 60 noch Sanieren, dieses Kriterium aktiv mitdenken. Nicht nur: Ist das Badezimmer barrierefrei, gibt es einen Aufzug, ist die Küche schön? Sondern auch: Wie verhält sich diese Wohnung im Sommer? Gibt es natürlichen Schatten? Lässt sich das Gebäude kühlen?
Und da kommen wir auch zum nächsten Tipp: Bäume und Begrünung. Wer einen Garten hat, sollte darüber nachdenken, Bäume zu pflanzen. Am besten kronenbildende Bäume. Die brauchen etwa 15 bis 20 Jahre, um eine Kühlwirkung zu entfalten. Wer sie mit Anfang 60 pflanzt, hat zur statistisch wahrscheinlichen Zeit seiner Pflegebedürftigkeit einen natürlichen, wartungsarmen, kostengünstigen und wunderschönen Hitzeschutz. Das ist eine Investition mit langem Atem — und sie lohnt sich.
SBC: Was braucht es auf politischer Ebene — was wünschen Sie sich da?
Wallner: Forschungsmittel zur Beforschung der Wirksamkeit der oben genannten Akutmaßnahmen und zur Entwicklung von niederschwellig, leicht abrufbaren Dienstleistungspaketen für vulnerable Zielgruppen. Nicht für die nächste große Sanierungsoffensive, die in zehn Jahren fertig ist und vor allem Menschen betrifft, die heute 40 sind. Sondern für Lösungen, die in wenigen Tagen umsetzbar sind. Für Menschen, die im Sommer in der Hitzefalle sitzen und nicht viel Geld haben, um Lösungen umzusetzen.
Wir brauchen Evidenz darüber, welche Maßnahmen wirklich funktionieren — wissenschaftlich belegt, mit vernünftiger Kosten-Wirkungs-Relation. Sind UV-Schutzfolien so wirksam, wie wir annehmen? Welche Effekte hat eine bestimmte Maßnahme in einem Altbau aus den 1960er Jahren? Wie viel Grad Unterschied macht ein außenliegender Sonnenschutz in der Praxis? Zu diesen Fragen fehlt uns jene Evidenz, die wir bräuchten, um gemeinsam mit der Politik entsprechende Programme für präventive Hitzeschutzmaßnahmen auszuarbeiten und auf den Weg zu bringen.
SBC: Zum Abschluss — was ist Ihre wichtigste Botschaft für Betroffene?
Wallner: Fangen Sie rechtzeitig an, sich darüber Gedanken zu machen, wo und wie sie im Alter leben wollen und vergessen Sie dabei auf keinen Fall auf das Thema Hitze.
Das eigene Haus, die eigene Wohnung sollten auch im Hochsommer Orte sein, an denen man gut leben kann. Das ist keine Frage des Luxus, sondern eine der Lebensqualität.
Roland Wallner ist Stellvertreter der Geschäftsführung vom Hilfswerk Österreich.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin









