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Eine Woche lang kamen im spanischen Donostia/San Sebastián Vertreterinnen und Vertreter aus rund 1.700 Städten und aus der internationalen Wissenschaft zusammen — beim dritten „World Congress of Age Friendly Cities and Communities“ der Weltgesundheitsorganisation. Nach Dublin und Quebec City war es der dritte Kongress seiner Art.
Die Schaffung altersgerechter Umgebungen ist eines von vier vorrangigen Handlungsfeldern der UN-Dekade für gesundes Altern 2021–2030. Dieser Kongress widmete sich der Kernfrage, wie der Wandel dorthin konkret gelingt.
Dr. Alexia Zurkuhlen, Vorständin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), nimmt uns im Gespräch mit zu den Momenten, die sie am meisten bewegt haben — zu arktischen Nachbarschaftsgruppen in Norwegen, zu französischen Städtenetzwerken und zu der Erkenntnis, dass oft die einfachsten Ideen den größten Unterschied machen.
SBC: Frau Dr. Zurkuhlen, Sie waren beim WHO-Kongress „Age Friendly Cities“ in San Sebastián. Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis aus diesem internationalen Austausch?
Zurkuhlen: Der diesjährige WHO-Kongress war erst der Dritte seiner Art insgesamt und fand erstmalig nach 13 Jahren wieder statt. In dieser Zeit haben sozialwissenschaftliche ForscherInnen viele Erkenntnisse bezüglich eines besseren Zusammenlebens in Städten und Gemeinden, die sich im demographischen Wandel befinden, gewinnen können.
Darunter einen deutlichen Zugewinn an Lebensqualität, wenn Caring Communities gelebt und unterstützt werden. Meine wichtigste Erkenntnis kam im Austausch mit einer norwegischen und einer US-amerikanischen Wissenschaftlerin: Partizipation ist der Schlüssel zu einer verbesserten Versorgungssicherheit und einem konsolidierten demokratischen Zusammenhalt.
SBC: „Altersfreundliche Städten und Kommunen“: Was bedeutet das konkret — jenseits von Barrierefreiheit und Sitzbänken im öffentlichen Raum?
Zurkuhlen: Altersfreundlichkeit ist in der Tat sehr viel mehr als Sitzbänke! Altersfreundlich heißt, dass das Leben generationenübergreifend gedacht und gestaltet wird. Das heißt, dass gesellschaftliche Teilhabe – dazu zählen beispielsweise Reisen für pflegebedürftige Personen, digitale Inklusion, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit, Bekämpfung von Einsamkeit – gesamtgesellschaftlich gedacht werden müssen.
Selbstverständlich müssen auch Pflege und Versorgungsangebote erreichbar und zugänglich sein, dies muss in altersfreundlichere Quartiere mitgedacht werden.
„Age-Friendly Cities“ im WHO-Netzwerk: Deutschland und Österreich
Weltweit umfasst das WHO Global Network for Age-friendly Cities and Communities rund 1.740 Städte und Gemeinden in 57 Ländern (Stand: Ende 2025).
Aus Deutschland gehören unter anderem dazu: Radevormwald (als erste deutsche Kommune, seit 2016), Münster und Stuttgart (beide seit 2022), Hamburg (seit 2025, als erste deutsche Millionenstadt), Düsseldorf (seit Januar 2026) sowie Heidelberg und Gelsenkirchen.
Aus Österreich ist Wien vertreten – als bislang erste und einzige österreichische Stadt, aufgenommen im Oktober 2023. Koordiniert wird die Mitgliedschaft von der SeniorInnenbeauftragten der Stadt und dem Team „Wien für SeniorInnen“ im Fonds Soziales Wien.
SBC: Warum wird das Thema gerade jetzt so dringlich?
Zurkuhlen: Ich durfte ein französisches Netzwerk von Städten, die sich “Freunde der Älteren” (Réseau Francophone des Villes Amies des Aînés) nennen, kennenlernen. Um Teil des Netzwerks zu werden und die Zertifizierung zu erhalten, muss eine ordentliche Bewerbung und das Einhalten eines Kriterienkatalogs dargelegt werden und nachhaltig an den Anforderungen gearbeitet werden.
Es sind derzeit 114 Kommunen zertifiziert und weitere 89 befinden sich in dem Zertifizierungsprozess. Diese Dynamik verrät die Dringlichkeit der Situation: Städte und Kommunen stehen – nicht nur in Frankreich – vor den Herausforderungen zum Teil sehr disparater Altersstrukturen. Immer weniger aktive Fachkräfte wohnen in Lebensräumen mit immer mehr Menschen im Rentenalter. Diese Gruppen kommunizieren zu wenig miteinander. Städte und Kommunen dahingehend begleiten, Informationen über Best Practices auszutauschen, ist sehr hilfreich und ermutigend.
Was Norwegen mit einfachen Mitteln schafft
SBC: Welche Beispiele aus Ländern/Kommunen haben Sie beim Kongress besonders beeindruckt — und warum?
Zurkuhlen: Eine Präsentation ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Siri Arntzen-Ratnarajan berichtete von den besonderen Herausforderungen der arktischen Regionen Norwegens — den langen, kalten Monaten in dünn besiedelten Gebieten — und zugleich von den überraschend einfachen Lösungen, die dort umgesetzt wurden.
Im Rahmen von Co-Creation Workshops wurden Mobilitätskonzepte gemeinsam erarbeitet. Nicht nur sorgte die Methode selbst bereits für die Bekämpfung von Einsamkeit, das Ergebnis waren aufsuchende Nachbarschaftsgruppen, die Übungen mit Personen durchführen, die durch Glatteis schlecht aus ihren Häusern kommen.
SBC: Was machen diese Städte anders/besser – was können wir von ihnen lernen?
Zurkuhlen: Aus den europäischen Beispielen scheint es des Öfteren, dass es mehr Mut zu Modellprojekten “outside the box” gäbe. Einfach mal machen scheint hier die Devise zu sein. Ich glaube aber, dass das, was schnell als Innovationsscheue in Deutschland dargestellt wird, in Wahrheit zum Teil nur ein Mangel an einer koordinierten Darstellung der unterschiedlichen Initiativen ist.
Deutsche “Age-Friendly Cities”, darunter Oldenburg – seit 2026 Teil des WHO-Netzwerks – haben enge Kooperationen mit Forschungseinrichtungen ins Leben gerufen, um altersfreundliche Angebote der Städte besser zu beobachten. Düsseldorf setzt den Aktionsplan „Älter werden in Düsseldorf“ seit 2025 um. Unter dem Motto “Unser Stuttgart – in jedem Alter” stellt die baden-württembergische Hauptstadt generationsübergreifendes Denken in den Vordergrund. Insgesamt haben die deutschen Städte bereits Vieles umgesetzt und die Prioritäten der nächsten Jahre festgelegt.
SBC: Gibt es Kriterien, die ein Realisieren positiv beeinflussen: zB bessere Strukturen, mehr politische Verbindlichkeit, andere Budgets oder eine stärkere Beteiligung älterer Menschen?
Zurkuhlen: Deutsche Kommunen haben keine finanziellen Spielräume, der Druck auf ihre Finanzen ist zu hoch. Auf dem Kongress haben einige Vorträge explizit auf die gesamtwirtschaftlichen Gewinne einer altersfreundlichen kommunalen Politik hingewiesen. Wenn wir das Beispiel der Sturzprävention betrachten, kann es sich – jenseits der ethischen und sozialen Perspektiven – in der Tat schnell lohnen, mehr in altersspezifische Präventionsmaßnahmen zu investieren.
Partizipation ist auch in dieser Hinsicht ein Gewinn: nicht nur ist der Erfolg für die spätere Umsetzung sichergestellt, Partizipation bekämpft auch Einsamkeit und schafft zugleich mehr Effizienz.
Sturzprävention rechnet sich
Eine aktuelle Analyse des US-amerikanischen National Council on Aging (NCOA, 2026) zeigt, wie wirksam strukturierte Sturzpräventionsprogramme für ältere Menschen sind. Ausgewertet wurden Daten von über 275.000 Teilnehmenden (2014–2024).
Nach der Teilnahme sanken die Stürze um 52 %, verletzungsverursachende Stürze um 56 % und sturzbedingte Notaufnahmebesuche um 18 %. Auch wirtschaftlich fällt die Bilanz deutlich aus: Pro Teilnehmer wurden im Schnitt rund 3.900 US-Dollar an Folgekosten vermieden. Für jeden investierten Dollar errechnet die Studie einen projizierten Rückfluss zwischen 8 und 38 Dollar.
Quelle: National Council on Aging (NCOA), „Return on Investment of Evidence-Based Falls Prevention Programs“, 2026. Die Kosteneinsparungen sind auf Basis vermiedener Stürze projiziert.
SBC: Was raten Sie einer Kommune, die altersfreundlicher werden möchte: Wo sollte sie beginnen?
Zurkuhlen: Sich vernetzen! Das WHO Netzwerk bietet die Gelegenheit, in den Austausch mit Städten zu kommen, die bereits länger auf dem Weg sind, altersfreundlich zu sein oder zu werden. Es sind manchmal simple Empfehlungen, die einen Unterschied machen können. Und man merkt, dass Kleinigkeiten zum Teil Großes bewirken können.
SBC: Was sind aus Ihrer Erfahrung die ersten drei Fragen, die sich eine Stadt oder Gemeinde stellen sollte?
Zurkuhlen: Bin ich eine attraktive Stadt für Menschen über 60? Bin ich eine attraktive Stadt für Menschen über 30? Werden meine Bemühungen für diese Altersgruppen wahrgenommen und wenn nein, warum?
SBC: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Zurkuhlen: Ich wünsche mir, dass weniger verklausuliert gedacht wird: Altersfreundliche Städte sind freundlichere Städte für Alle. Inklusionsmaßnahmen wirken nicht nur für Menschen ab 60, sondern auch für alle BürgerInnen, z.B. was den digitalen Zugang zu Sozialleistungen betrifft.
Ich wünsche mir eine integrierte Gesundheits- Sozial- und Altenpolitik, die (soziale) Innovationen belohnt und Menschen ermutigt, sich zu engagieren. Ich hoffe, dass bald die notwendige Datengrundlage für bessere Planungen zur Verfügung stehen wird, um angepasste Lösungen auf regionaler Ebene zu ermöglichen.
SBC: Wie sieht für Sie eine Stadt aus, in der Sie selbst gerne alt werden möchten?
Zurkuhlen: Ich bin an der Küste in Südfrankreich großgeworden, in einer Region die bereits seit langem, auch auf Grund der Wetterbedingungen, für viele ältere Menschen attraktiv war. Dies ändert sich: die dicht aneinander aufkommenden Hitzewellen sind für viele schwer zu ertragen oder gar gesundheitsgefährdend.
Age-friendly Cities müssen Maßnahmen gegen die Auswirkungen des Klimawandels gemeinsam mit den BürgerInnen konzipieren und implementieren. Das heißt sowohl für mehr Grünflächen bzw. klimaneutralisierende Orte sorgen, wie auch die Notfallversorgung an klimabedingte Herausforderungen anpassen. Und wenn es in dieser Stadt noch die ikonischen Holzstühle gibt, die vom Schatten der Palmen auf die Méditerranée gucken und zum Verweilen einladen, bin ich glücklich.
Herzlichen Dank für das Interview!
Das Kuratorium Deutsche Altershilfe – Wilhelmine-Lübke-Stiftung e. V. (KDA) wurde 1962 vom damaligen deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke und seiner Ehefrau Wilhelmine Lübke gegründet und steht bis heute unter der Schirmherrschaft des amtierenden Bundespräsidenten. Das KDA versteht sich als unabhängiger, überparteilicher Impulsgeber an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis: Es entwickelt neue Ansätze für ein langes, selbstbestimmtes Leben und begreift den demografischen Wandel ausdrücklich als Chance.
Dr. Alexia Zurkuhlen ist seit September 2024 Vorständin des KDA und Geschäftsführerin der KDA gGmbH. Zuvor war sie geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Vereins Gesundheitsregion KölnBonn und leitete das gewi-Institut für Gesundheitswirtschaft. Sie studierte Politikwissenschaft in Frankreich, Irland und Deutschland. Mehr unter kda.de
Das französische Netzwerk “Freunde der Älteren” (Réseau Francophone des Villes Amies des Aînés)
National Council on Aging (NCOA), Studie „Return on Investment of Evidence-Based Falls Prevention Programs“, 2026
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin







