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Mindestens ein Apfel am Tag, genug Bewegung, kein Alkohol, rechtzeitig mit dem Rauchen aufhören: Wenn es um gesundes Älterwerden geht, landet die Verantwortung fast immer beim Einzelnen. Wer krank wird, hat sich eben zu wenig gekümmert – so der stille Subtext vieler Gesundheitskampagnen.
Doch stimmt dieses Bild? Wie viel von unserer Gesundheit entscheidet sich tatsächlich am eigenen Verhalten – und wie viel an den Verhältnissen, in denen wir leben: In der Wohnung, der Straße davor, dem Einkommen, den Menschen um uns herum? Und was hieße es, Vorsorge ernst zu nehmen, anstatt erst zu reparieren, wenn längst etwas kaputtgegangen ist?
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Margret Jäger blickt aus einer etwas anderen Perspektive auf diese Fragen: Sie ist Anthropologin mit Schwerpunkt Medizinanthropologie. Erfahrung hat sie weit über Österreich hinaus gesammelt: Sie war einige Jahre in Brasilien, wo Community und School Nurses seit Jahrzehnten selbstverständlich sind, und hat für den Fonds Soziales Wien geforscht und dabei im mobilen Pflegedienst hospitiert.
Im Gespräch erklärt Sie, warum gesundes Altern weit mehr ist als eine Frage der Selbstdisziplin, weshalb sie Community Health Nurses für einen der stärksten Hebel hält – und warum der wichtigste Ansatzpunkt für ein gesünderes Altern bereits in Kindergärten und Schulen liegt.
SBC: Frau Jäger, wenn es um gesundes Älterwerden geht, landet die Verantwortung meist beim Einzelnen. Stimmt dieses Bild aus anthropologischer Sicht?
Jäger: Nur zu einem Teil. Wir machen sehr oft den Fehler, alles auf das Individuum zu schieben – ein Stück weit „blaming the victim“. Dabei zeigt die Forschung – ob Medizin, Anthropologie oder andere Disziplinen – sehr deutlich: Die sozialen Determinanten von Gesundheit bestimmen weit mehr, als wir glauben. Wie ich wohne, beeinflusst meine Gesundheit. Wer an einer stark befahrenen Straße lebt, ist z.B. von Feinstaub und Lärm belastet. Deshalb ist Gesundheit auch eine Aufgabe von Städten und Gemeinden, nicht nur des Einzelnen.
Mir gefällt der Ansatz „Health in All Policies“ am besten: Gesundheit in allen Politikfeldern mitzudenken. In Österreich leben wir ihn nicht.
Ein Beispiel: Wenn eine Mutter ihre Arbeitszeit reduzieren muss, weil ihr Kind unter einer Entwicklungsverzögerung leidet und keinen Therapieplatz bekommt, kann das bei ihr später zu Altersarmut führen. Das ist am Ende eine Gesundheitsfrage – aber sie entscheidet sich in ganz anderen Ressorts.
SBC: Wo zeigt sich am deutlichsten, dass die Zusammenhänge ausgeblendet werden?
Jäger: Das zeigt sich sehr gut an der Hitzedebatte. 2003 sind in Frankreich über 50.000 Menschen an der Hitze gestorben. Fast 23 Jahre später werden neue Pflegeheime in Österreich immer noch ohne Klimaanlage gebaut. Menschen, die in einem Pflegeheim leben, sind bereits sehr krank und vulnerabel. Sie sind auch hier benachteiligt, weil sie nicht mehr einfach ‚wonders‘ hingehen können. Und dann stellt man Ventilatoren auf, und die Belegschaft bekommt ein Gratis-Eis pro Woche. Das ist keine ernstzunehmende Antwort auf eine so drängende Frage.
Das gilt auch für die Prävention: Wir wissen aus der Public Health Forschung sehr genau, welche Maßnahmen wirken. In Australien kostet eine Packung Zigaretten mehr als 30 Dollar – das wirkt. Bei uns lassen wir Alkoholwerbung zu und haben gleichzeitig Hunderttausende schwer abhängige Menschen. Jemandem, der süchtig ist, zu sagen „Das ist ungesund, hör auf“, bringt nichts – das weiß man aus der Suchtforschung.
Es gibt wirksame Methoden, aber wir setzen sie nicht um, weil wir uns der Industrielobby beugen. Wir erfinden das Rad ständig neu, obwohl längst bekannt ist, was funktioniert – und was nicht.
SBC: Was wäre der stärkste Hebel, um von der heutigen Reparaturmedizin in die Vorsorge zu kommen?
Jäger: Für die älteren Menschen bin ich zutiefst überzeugt: Wir brauchen Community Health Nurses. Sind sie einmal da, steigt der Bedarf nach ihnen – weil die Menschen dann eine Anlaufstelle haben, um sich zu informieren und einen Vorsorgedialog zu beginnen. Wer hat eine Vorsorgevollmacht, wer eine Patientenverfügung? Das sind genau die Punkte, an denen am Lebensende sehr viel menschliches Leid – und zugleich sehr hohe Kosten – entstehen, weil niemand rechtzeitig gefragt und sich informiert hat.
Die Informationen sind oft auch schwer zu finden. Ein Beispiel aus meiner Familie: Nach einer Gesundheitskrise meines Vaters waren wir intensiv auf der Suche nach Lösungen. Ich habe zufällig von meiner Cousine die Info erhalten, wo ich anrufen muss – und dann kam eine vom Land Salzburg bezahlte Pflegeperson ins Haus meiner Eltern, machte eine vollständige Beratung, ließ die Formulare da und klärte umfassend auf. Das war perfekt, aber ohne diesen zufälligen Tipp wäre dieses Angebot kaum auffindbar gewesen – gerade für ältere Menschen, die nicht gut mit dem Internet umgehen können.
Eine Community Health Nurse mit Sprechstunde in der Gemeinde und mit Hausbesuchen wäre genau die Unterstützung und Orientierung für so einen Fall. Sie weiß, was es in der Region, im Bundesland für Förderungen und Angebote gibt. Ich kenne das aus anderen Ländern – in Brasilien sind Community und School Nurses seit Jahrzehnten das Normalste der Welt. Bei uns hat die Ärztekammer die School Nurses lange verhindert; Wien setzt sie inzwischen trotzdem um. Als die EU-Förderung für die Community Nurses auslief, wurden viele Standorte nicht mehr weiterfinanziert oder wurden stark reduziert. Niederösterreich finanziert sie weiter, in Wien geht das Konzept in den Fonds Soziales Wien integriert weiter. Es tut sich etwas – aber viel zu langsam.
SBC: Sie sagen auch, der wichtigste Ansatzpunkt liegt ganz woanders – bei den Kindern, in den Schulen und Kindergärten. Warum?
Jäger: Weil wir über die Kinder die ganzen Familien erreichen. Wenn Kinder in der Schule etwas über Mülltrennung oder Ernährung lernen, verändert sich vielleicht das Verhalten zu Hause – bei Eltern und sogar Großeltern. Wir hätten enorme Steuerungsmöglichkeiten und nutzen sie nicht: In den Schulen stehen Cola-Automaten, und es gibt ungesunde Schulbuffets. Über die Schulbuffets diskutieren wir seit zwanzig Jahren – geändert hat sich wenig, auch weil Konzerne wie Coca-Cola den Schulen Geld zahlt. In anderen Ländern gibt es gesteuertes, von DiätologInnen geplantes Schulessen für alle.
Schule ist längst nicht mehr von acht bis zwölf Uhr, danach geht das Kind heim zur Mutter – dieses konservative Bild trägt nicht mehr. Wir brauchen an Schulen Teams: School Nurses für die Gesundheitsförderung, dazu PsychologInnen und SozialarbeiterInnen.
Die Schule ist der eine Ort, an den alle kommen – auch die Eltern. Sie stärker als Ort der Gesundheit zu begreifen, wäre einer der größten Hebel überhaupt. Denn wenn die Basis im Kindesalter nicht stimmt, wirkt sich das auf das ganze Leben aus.
SBC: Gehen wir zu einem anderen Thema über – Einsamkeit im Alter gilt als großes Problem. Woran hakt es?
Jäger: Zum einen gibt es viele Angebote, die keiner kennt, bzw. passt natürlich auch nicht jedes Angebot für jeden. Ich habe für den Fonds Soziales Wien im mobilen Pflegedienst hospitiert und dabei so viel Einsamkeit gesehen wie nie – aber es war auch manchmal eine Einsamkeit, die die Menschen gewählt haben.
Ich werde einen 95-Jährigen nicht vergessen, der zuvor seine eigene Mutter gepflegt hatte. Die Heimhelferin fragte ihn: „Wollen Sie nicht einmal ins Tageszentrum, da sind Sie unter Menschen?“ Seine Antwort: „Das interessiert mich nicht, da sind ja nur alte, kranke Leute.“ Die Angebote werden abgelehnt – und zugleich haben wir zu wenige, die wirklich passen.
Es fehlt an der Partizipation. Wir müssten Menschen viel öfter fragen: Was wollt ihr eigentlich? Nur wissen sie das oft selbst nicht genau, und das Tageszentrum ist negativ besetzt – obwohl es dort ein Programm gibt, gemeinsames Essen, Kontakt zu anderen Menschen. Ich habe beruflich selbst eines besucht und dachte: Bevor ich einsam zu Hause sitze, warum das nicht ausprobieren?
Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass wir beide nicht einsam sein werden.
SBC: Wie meinen Sie das?
Jäger: Einsamkeit hat ja auch eine generationelle Seite. Studien zeigen immer weieder, dass ältere Frauen von Einsamkeit berichten. Die Generation 70+ in Österreich ist oft nach einer Heirat nicht mehr arbeiten gegangen, hat Kinder alleine großzogen und Freundschaften hatten eine andere Bedeutung als heute. Wenn sie nicht in der Kirche oder in Vereinen aktiv sind, wird von Einsamkeit berichtet, die mit Leid verbunden ist. Für diese zurückgezogen Lebenden sind heute ganz alltägliche Orte die wichtigsten Anlaufpunkte: die Apotheke und der Supermarkt.
Bei dieser Frauengeneration kommt oft hinzu, dass sie zu wenig finanzielle Mittel hatten – zu wenig, um ins Theater zu gehen oder an anderem teilzuhaben. Denn Teilhabe scheitert manchmal schlicht am Geld, und diese Schere wird sich leider weiter öffnen.
Ich bin überzeugt, dass unsere Generation dieses Problem so nicht haben wird – weil wir es heute schon im Blick haben und weil wir vielfältige Freundschaften pflegen, teils sogar über Ländergrenzen hinweg.
Die eigentliche Herausforderung ist daher: Wie bringt man die Information über die Angebote zu den Menschen? Die Generation 60 plus erreicht man über Radio und Fernsehen; alle unter 40 erreichen wir darüber längst nicht mehr. Wenn uns nichts wirklich Gutes einfällt, verpuffen selbst die besten Angebote.
Uns fehlt auch eine Kultur der Partizipation in der Quartiersentwicklung: In der Seestadt in Wien etwa probiert ein Grätzlmanagement verschiedene Formate aus – und kämpft doch mit der schlichten Frage, wer überhaupt kommt.
SBC: Gehen wir zurück zum sozialen System – wo reißt das System die größten Lücken?
Jäger: An den Übergängen. Menschen neigen dazu, Beschwerden hinauszuschieben, gehen lange nicht zum Arzt – und wenn doch, ist es oft schon eine behandlungsbedürftige Erkrankung, die ins Krankenhaus führt. Danach entsteht eine Lücke, denn wir haben kaum Übergangs- und Kurzzeitpflege. Einrichtungen zur Remobilisation nehmen meist nur jene auf, bei denen ein Assessment eine realistische Rückkehr in die Selbstständigkeit erwarten lässt – sie sind kein Wartezimmer für einen Heimplatz.
Eine Schlüsselstelle ist das Entlassungsmanagement, das seine Aufgabe in Österreich oft nicht erfüllt – auch, weil die zuständigen Personen dafür zu wenig ausgebildet sind. Mein dringender Rat an Angehörige: Lassen Sie niemanden aus dem Krankenhaus entlassen, ohne mit dem Entlassungsmanagement gesprochen zu haben – und rufen Sie, falls Sie in Wien wohnen, beim Fonds Soziales Wien an. Er ist ein echter One-Stop-Shop für Information; so etwas sollte es in jedem Bundesland geben.
SBC: Was wünschen Sie sich für ein besseres Gelingen von Unterstützung?
Jäger: Mehr holistisches Denken. Die Medizinanthropologie fragt: Was braucht ein Mensch, um gesund zu sein und zu bleiben – und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können? Das geht weit über den Arztbesuch hinaus. Es schließt die mentale Gesundheit ein und auch das Gespräch mit einer Sozialarbeiterin oder einer Schuldnerberatung. Denn wer unter einem Berg Schulden depressiv wird, wird krank – hat aber eigentlich ein anderes Problem. Auch das ist Gesundheitsförderung.
Deshalb brauchen wir mehr davon – in den Kliniken etwa Clinical Social Workers. Am St.-Anna-Kinderspital gibt es meines Wissens nach zwei, und sie gehen in Arbeit unter, weil die Familien immer komplexere Situationen mitbringen.
Und ich wünsche mir, dass wir aufhören, über „die anderen“ zu reden. In Konferenzen stehe ich manchmal auf und sage: Wir sind die PatientInnen. Wir sind die BürgerInnen dieses Landes. Es ist unser Gesundheitssystem, es ist unser Sozialsystem. Die eigentliche Frage ist daher: Wie wollen wir zusammenleben?
Vielen Dank für das Interview!
Margret Jäger ist Anthropologin mit Schwerpunkt Medizinanthropologie, Forscherin und Lehrende und arbeitet unter anderem in der Medizinausbildung sowie im Bereich UX-Design und -Evaluation. Sie ist Mitglied bei Solar Plexus Austria, einem Verein, der Menschen vernetzt, die im Gesundheitswesen etwas bewegen wollen. Weitere Informationen auf ihrem LinkedIn-Profil unter Margret Jäger | LinkedIn
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin


















