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Rund 400.000 Erwerbstätige stehen in Österreich als An- und Zugehörige in einer Pflegeverantwortung — knapp jeder Zehnte. Insgesamt sind es laut IG Pflege über 950.000 Menschen, die in Österreich Angehörige pflegen, 505.000 Pflegebedürftige waren es insgesamt im März 2026. Auch in Deutschland ist der Anteil vergleichbar hoch. Und trotzdem ist dieses Thema kaum behandelt – aber warum eigentlich? Was kostet es Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wirklich, wenn Fachkräfte von einem Tag auf den anderen auszufallen droht?
Dazu sprechen wir mit Andreas Gruber: Gemeinsam mit einem Jugendfreund gründete er die Plattform because we care, die Unternehmen eine Lösung für eine Zielgruppe gibt, die diese meist noch gar nicht wahrgenommen haben: Pflegende MitarbeiterInnen.
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Im Gespräch erklärt er, warum das aktuelle System aus seiner Sicht vier VerliererInnen produziert, und weshalb Angehörigenpflege ein massives Gleichstellungsthema ist.
SBC: Herr Gruber, Sie haben sich mit because we care UnternehmerInnen als Zielgruppe ihres Unternehmens ausgesucht, nicht die Betroffenen selbst. Warum?
Gruber: Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen. Ich bin im Altersheim aufgewachsen und habe die ersten zehn Jahre meines Lebens dort gelebt — als kleiner Bub zwischen 25 Omas. Später habe ich das Pflegeheim elf Jahre lang geleitet, und in dieser Zeit sind die pflegenden Angehörigen immer dann bei mir gesessen, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Es waren hunderte Geschichten, aber sie hatten fast alle eines gemeinsam: Es ging nie um die Fülle des Angebots, sondern um die Orientierung in dieser Fülle. Ich nenne das den Pflege-Dschungel. Wer heute anfängt, zum Thema Pflege in Österreich zu googeln, scheitert. Vollkommen egal, wie gut gebildet oder wie gut aufgestellt man ist.
Wir stellen den Unternehmen in Zeiten von demografischem Wandel, Fachkräftemangel und großen Pensionierungswellen eine Lösung für eine Zielgruppe zur Verfügung, die sie selbst noch nicht am Radar haben: Die älteren MitarbeiterInnen ab etwa 45, die noch Eltern haben.
SBC: Warum genau die Altersgruppe ab 45?
Gruber: Weil man das herleiten kann: Wir ÖsterreicherInnen haben im Schnitt nur rund zehn gesunde Lebensjahre nach dem Pensionsantritt. Wer mit 65 in Pension geht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit mit 75 bereits einen erweiterten Betreuungsbedarf. Die Kinder pflegen und unterstützen – und zurückgerechnet sind das die MitarbeiterInnen ab 45.
Zur vielbesprochenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf zählen nicht nur die Eltern mit Kindern. Die Vereinbarkeit hat eine zweite Seite, und die betrifft die pflegebedürftigen Eltern und Großeltern der MitarbeiterInnen.
SBC: Sie sagen, unser System produziert derzeit vier VerliererInnen. Wer ist das?
Gruber: Die erste VerliererIn ist der pflegebedürftige Mensch selbst. Angehörigenpflege ist und bleibt immer Laienpflege. Laienpflege kann nie so gut pflegen wie professionelle Pflege. Und sie pflegt nachweislich, jedoch ohne Absicht, in höhere Pflegestufen hinein. Durch unser System der Angehörigenpflege verschlechtert sich der durchschnittliche Gesundheitszustand der Pflegebedürftigen mittel- und langfristig also zusätzlich.
Es gibt dazu eine Untersuchung des österreichischen Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer, der herausgefunden hat, dass in Österreich allein 200.000 Krankenhaustage im Jahr entstehen, weil Menschen unzureichend versorgt sind. Tage, die mit professioneller Unterstützung vermeidbar wären. Rechnen Sie das mit den Kosten pro Krankenhaustag hoch, dann sehen Sie, wie viele Ressourcen darin stecken.
Die zweite VerliererIn sind die ArbeitnehmerInnen selbst, weil Angehörigenpflege Nachteile mit sich bringt. Natürlich ist dafür nicht nur die Care-Arbeit verantwortlich, aber sie ist ein wesentlicher Faktor für die hohe Teilzeitquote, für weniger Führungsverantwortung, weniger Lebenseinkommen — und damit letztlich für die Altersarmut. Die einzige positive Komponente ist die Emotionalität. Wenn ich mich um meine Mutter oder den Vater kümmere und die Beziehung eine gute ist, profitiere ich zumindest emotional. Aber die Belastung bleibt.
>> Wir benachteiligen Frauen dadurch — unbewusst, aber massiv. Zuerst lassen wir die Care-Arbeit für die Kinder günstig und unentgeltlich erledigen, dann bei den Angehörigen, und am Ende müssen wir Pensionszuzahlungen leisten, weil so wenig Pension übrig bleibt. Das führt geradewegs in die Altersarmut. <<
SBC: Angehörigenpflege ist damit auch ein Gleichstellungsthema.
Gruber: Ja, das ist ein Gleichstellungsthema. Wir benachteiligen Frauen dadurch — unbewusst, aber massiv. Zuerst lassen wir die Care-Arbeit für die Kinder günstig und unentgeltlich erledigen, dann bei den Angehörigen, und am Ende müssen wir Pensionszuzahlungen leisten, weil so wenig Pension übrig bleibt. Das führt geradewegs in die Altersarmut.
Wir hatten gerade den Equal-Pension-Day: Es gibt rund 1.000 Euro Unterschied in der durchschnittlichen Pension im Vergleich Frauen zu Männer. Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen sind Frauen, 60 Prozent aller Alleinstehenden im Alter sind Frauen. Bedeutet: Man landet in der Altersarmut, lebt dort immer länger und wird dann selbst pflegebedürftig. Ich halte das für einen systemischen Unsinn.
Genau darum steht als Mission über unserer Arbeit, einen Beitrag zur Sensibilisierung zu leisten. Ich weiß, dass ich das System nicht ändern kann. Aber wenn wir es schaffen, den Menschen zu erklären, wie unlogisch das ist, dann können wir etwas verändern.
SBC: Gehen wir noch die verbleibenden zwei VerliererInnen durch – wer sind diese?
Gruber: Die dritten Verlierer sind die Arbeitgeber. Pflegende Erwerbstätige sind öfter im Krankenstand, arbeiten häufiger Teilzeit, gehen im Schnitt früher in Pension und haben am Ende einen höheren Gender-Pension-Gap. Gleichzeitig kämpfen die Unternehmen um Fachkräfte, um mehr Vollzeit, um Leistungsfähigkeit. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Angehörigenpflege ist in Österreich weiblich. Wir verlieren also unsere bestausgebildeten, langjährigsten und engagiertesten Mitarbeiterinnen. Oft direkt nachdem sie aus der Care-Arbeit mit den Kindern zurückgekommen sind, gehen sie in die Care-Arbeit mit den Angehörigen.
Die vierte Verliererin ist schließlich das Gesamtsystem, also wir alle: Wenn Pflegebedürftige mehr Pflege benötigen, Frauen weniger Lebenseinkommen haben und mehr Zuzahlungen brauchen und Unternehmen weniger Steuern zahlen, verliert das gesamte System.
SBC: Kommen wir zu Ihrer Lösung: Was genau haben die Unternehmen davon, wenn sie mit Ihnen arbeiten?
Gruber: Die Unternehmen kommen mittlerweile aus ganz unterschiedlichen Motiven zu uns. Wir sind jetzt im dritten Jahr unterwegs und haben knapp 200.000 Zugriffsberechtigte in unserer Lösung. Fast immer nutzen rund zehn Prozent der Mitarbeitenden unsere Lösung — und das sind nicht immer dieselben zehn Prozent, das wandert im besten Fall durch die ganze Belegschaft.
Diese Zahl hatten viele Arbeitgeber vorher vielleicht vermutet, aber nicht belegt. Etwa fünf bis sieben Prozent haben ein akutes Thema, sind also gerade selbst von Pflegeverantwortung betroffen. Zusätzlich setzen wir sehr früh einen klaren Prophylaxe-Schwerpunkt: Menschen frühzeitig zu sensibilisieren, sich mit dem Thema Alter auseinanderzusetzen, lange bevor etwas passiert.
Es geht heute darum, den MitarbeiterInnen mehr zu bieten als den Obstkorb, den Gratiskaffee. Wir sagen immer: Unser Benefit ist ein emotionaler Benefit. Niemand wünscht sich, ihn zu brauchen — aber wer ihn braucht, weiß ihn unendlich zu schätzen.
SBC: Können Sie das an einem Beispiel festmachen?
Gruber: Mir hat einmal eine Mitarbeiterin erzählt, die 23 Jahre in einem Unternehmen war, dass sich ihr Vorgesetzter persönlich dafür eingesetzt hat, dass sie schnell Unterstützung und einen Pflegeplatz fand, als ihre Schwiegermutter plötzlich pflegebedürftig wurde. Sie hat wortwörtlich zu mir gesagt: Das werde ich nie vergessen. Egal was passiert, ich bleibe hier.
Es ist wie mit Kindern: Wenn ich um zehn Uhr vormittags den Anruf bekomme, dass mein Kind abzuholen ist, und meine Führungskraft reagiert in dieser Sekunde falsch, dann habe ich die MitarbeiterIn verloren. Dasselbe gilt, wenn der Anruf aus dem Krankenhaus kommt. Da können im Unternehmen noch so viele Benefits verteilt werden: Klimaticket, Jobrad, Mitgliedschaft im Fitnessclub. Wenn diese emotionale Komponente falsch läuft, ist die MitarbeiterIn verloren. Und wir wissen, was es kostet, MitarbeiterInnen zu ersetzen. Das ist am Ende unternehmerische Leistungsfähigkeit, und das kann man beinhart rechnen.
SBC: Welche Gründe sprechen noch aus UnternehmerInnen-Sicht für eine bessere Vorbereitung auf die Pflegeverpflichtungen der MitarbeiterInnen?
Gruber: Ich erinnere mich an einen Anruf aus einem mittelständischen Unternehmen. Die HR-Verantwortliche sagte zu mir: „Herr Gruber, ich habe eine Mitarbeiterin, Anfang 50, die schupft die ganze Abteilung. Sie ist die beste Mitarbeiterin, die ich je hatte. Innerhalb von drei Wochen sind beide Elternteile schwer pflegebedürftig geworden. Jetzt droht sie auszufallen und weiß nicht, wie sie das alles schaffen soll. Können Sie helfen?“
An diesem Fall wird das Problem sehr konkret: Aus einer privaten Pflegesituation wird plötzlich ein betriebliches Risiko. Eine zentrale Mitarbeiterin, auf deren Wissen und Leistung eine ganze Abteilung angewiesen ist, kann für einen nicht absehbaren Zeitraum ausfallen. Das ist keine Woche Urlaub, nach der jemand erholt zurückkommt. Vielleicht fehlt sie einen Monat – und wenn sie wiederkommt, ist die Pflegeverantwortung noch immer da.
Viele Unternehmen beginnen erst in diesem Moment zu handeln. Dabei kennen erstaunlich viele Führungskräfte die Situation aus der eigenen Familie. Die persönliche Erfahrung führt aber nur selten zu der betrieblichen Konsequenz: Wenn mir das passieren konnte, kann es auch MitarbeiterInnen treffen – jederzeit und in jeder Hierarchiestufe. Angehörigenpflege wird noch immer stark als Einzelschicksal erlebt — nicht als etwas, das eine Million Menschen in Österreich betrifft.
SBC: Was genau bekommen die MitarbeiterInnen mit Because we Care an die Hand?
Gruber: Im Kern eine Wissensdatenbank, die das gesamte System Österreichs prozessorientiert und praxisnah abbildet — angereichert um meine praktischen Erfahrungen aus hunderten Gesprächen mit pflegenden Angehörigen, mit Checklisten und Vorlagen aus realen Situationen. Das findet man sonst nirgends: Auf pflege.gv.at finden Sie keinen Erfahrungsbericht mit einer daraus abgeleiteten Checkliste von zehn Betroffenen. Immer wenn mir eine pflegende Angehörige gesagt hat „Hätte ich das früher gewusst“, haben wir daraus eine Checkliste gemacht. Denn genau daran scheitern die Menschen.
Ein Beispiel: Gestern saß ich mit einer Frau zusammen, die verzweifelt gekämpft hat, bis sie verstanden hatte, wie der Rollator für ihre Mutter finanziert wird. Ich habe ihr in einer Minute gesagt: Es sind vier Schritte. Zum Hausarzt, Verordnung holen, zum Sanitätshaus, Eigenanteil zahlen — fertig. Sie hat geglaubt, sie müsse den Rollator selbst kaufen. Dieses Kapitel wäre in anderthalb Minuten erledigt. Es beschäftigt Menschen manchmal zweieinhalb Tage — und zwar in der Arbeitszeit.
SBC: Pflege richtet sich nicht nach Arbeitszeiten und lässt sich nicht aufschieben.
Gruber: Genau. Präsentismus haben viele Unternehmen schon einmal auf irgendeinem Kongress gehört, aber sich nie wirklich überlegt, was es heißt, wenn MitarbeiterInnen physisch da, aber geistig ganz woanders sind — unproduktiv, abgelenkt. Und alles, was meine Angehörigen betrifft, ist wichtiger als die Arbeit. Wenn meine Mutter gerade mit der Rettung ins Krankenhaus gefahren ist, sitze ich nicht im Meeting und rechne Excel-Tabellen durch. Das ist ein wesentlicher Faktor, und das kann man messen und rechnen. Aber es gibt noch zu wenige Kennzahlen dazu.
Ich erkläre ich es gerne mit einer Analogie: Wenn wir vor einer unklaren Aufgabe stehen, greifen wir instinktiv zum Handy und googeln. Beim Pflegethema aber wird man dabei wahnsinnig. Man findet ganz viel, aber vollkommen ohne Orientierung. Was wir gemacht haben, ist, einen Weg durch diesen Dschungel zu schlagen und ganz praxisnah zu sagen: Jetzt machst du das, dann das, dann gehst du dorthin, nimm diese Vorlage mit.
Einen Pflegegeldantrag auszufüllen dauert 20 Minuten. Vergisst man ihn, kostet er jeden Tag Geld — und ohne laufenden Antrag gibt es keinen Eintritt ins Sozialsystem. Ich sage salopp: Unsere Lösung ist das bessere, prozessorientierte, praxisnahe Google zum Thema Pflege. Wir helfen den pflegenden Angehörigen auch, sich die richtigen Fragen zu stellen: Will ich, kann ich, muss ich pflegen? Und wenn nicht — wer soll es machen, und was brauche ich dafür?
SBC: Sie arbeiten unter anderem mit der Oberösterreichischen Gesundheitsholding zusammen, einem der größten Krankenhausträger des Landes. Wie kommt es, dass ein Arbeitgeber in der Pflege Ihre Lösung nutzt?
Gruber: Das ist eine Zusammenarbeit, die für uns besonders schön ist. Die Oberösterreichische Gesundheitsholding hat knapp 17.000 Mitarbeitende, geschätzt die Hälfte davon Pflegefachkräfte. Sie nutzen because we care zur Vorqualifizierung bei Pflegefragen, weil sie intern gar nicht genug Ressourcen haben, um alle eigenen MitarbeiterInnen zu beraten — noch dazu so dezentral über ein ganzes Bundesland verteilt. Es macht einfach Sinn, den MitarbeiterInnen dort, wo sie arbeiten und leben, ein niederschwelliges und anonym nutzbares Tool zur Verfügung zu stellen.
Das Schöne daran: Die dortigen Expertinnen sind sehr kritisch mit unseren Inhalten, weil da genug Fachwissen sitzt, das prüft, ob bei uns Unsinn steht. Wir bekommen regelmäßig Rückmeldung, wie hilfreich das Angebot ist. Auch im Unternehmen sind sie im Rahmen des lebensphasenorientierten Arbeitens sehr zufrieden mit unserer Maßnahme.
SBC: Warum bleibt aus Ihrer Sicht eine grundlegende Pflegereform aus, obwohl das System für Betroffene schwer durchschaubar ist und Familien sowie Unternehmen zunehmend belastet?
Gruber: Meine Arbeit war über viele Jahre sehr politisch, und ich habe verstanden, dass die Entscheidungsträger auf Bundes- wie Länderebene das heutige System nicht ändern können und auch nicht werden — weil dort andere Entscheidungskriterien gelten als aus Sicht der Betroffenen. Darauf zu warten, dass eine Bundesregierung eine große Pflegereform macht, führt ins Leere. Wenn man darauf wartet, ist man verloren.
Das Grundproblem: Unser familien- und frauenlastiges System ist bereits da und verfügbar, und die tatsächlichen Kosten treffen uns erst in 20 Jahren. Besser kann es für eine politische Entscheidungsträgerin fast nicht laufen — man kann es auf die lange Bank schieben.
Das Grundproblem: Unser familien- und frauenlastiges System ist bereits da und verfügbar, und die tatsächlichen Kosten treffen uns erst in 20 Jahren. Besser kann es für eine politische Entscheidungsträgerin fast nicht laufen — man kann es auf die lange Bank schieben. Zudem darf man bedenken: Jeder Euro, den man heute ins Pflegesystem gibt, wird über die nächsten Jahrzehnte zu einem Vielfachen.
Dabei ist Pflege einer der Eckpfeiler unseres Sozialstaats und ein wesentlicher Teil des Generationenvertrags. Ich sage oft: So gut wie es heute ist, wird es nie wieder werden — und schon heute kracht es überall. Deshalb kann echte Veränderung nur bottom-up entstehen: Menschen sensibilisieren, vorbereiten und darauf hoffen, dass Pflege, das ohnehin bei fast jeder Wahl unter den Top-Themen ist, irgendwann so stark gewichtet wird, dass es wirklich zu einer Veränderung kommt.
SBC: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Gruber: Erstens wünsche ich mir eine Erstarkung der professionellen Pflege. In dieser Berufsgruppe steckt unglaublich viel, das aus verschiedensten Gründen bisher kleingehalten wurde. Wenn alles in unserem Leben digitaler und irgendwann künstlich intelligenter wird — was bleibt dann von uns als Mensch? Ich glaube, die Pflege, das Zwischenmenschliche, hat die große Chance, eines der sinnvollsten Betätigungsfelder der nächsten Jahrzehnte zu werden.
Zweitens wünsche ich mir — nicht nur, weil ich zwei Töchter habe —, dass die Frauen aus diesem über Jahrhunderte konservativ gebauten System „freigelassen“ werden. Ich will nicht, dass meine Kinder mich pflegen müssen. Ich will nicht, dass sie Teilzeit arbeiten müssen, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Ich bin für Wahlfreiheit. Wenn sie sich frei dafür entscheiden und es sich leisten können, ist das in Ordnung. Aber ich will nicht, dass sie müssen, nur weil es nicht anders geht.
Und drittens wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft dem Alter den Schrecken nehmen und diese Lebensphase als das verstehen, was sie sein kann: Die unabhängigste und erfüllendste — wenn man sich halbwegs gut darauf vorbereitet hat. Dass wir einen besseren Umgang mit älteren Mitarbeitenden vor dem Pensionsantritt finden, sinnvolle Beschäftigung, einen guten Übergang. Und die Frage beantworten: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeite?
Vielen Dank für das Gespräch!
Andreas Gruber ist – bedingt durch den Job der Eltern – im Altersheim aufgewachsen und leitete elf Jahre lang ein Pflegeheim. Mit der Plattform because we care unterstützt er Unternehmen dabei, pflegende Mitarbeitende zu entlasten und ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Mehr Infos dazu unter https://www.because-we.care
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin

















