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Wie können wir unsere Finanzen im Alter regeln, Frau Merschitsch?

Unsere Interviewpartnerin: Silvia Merschitsch (Fotocredit: Privat/KI)

Unsere Interviewpartnerin: Silvia Merschitsch (Fotocredit: Privat/KI)

This article is also available in: English

Die aktuelle Generation 65+ gilt als die vermögendste Rentner-Generation, die es je gab. Das jährliche Erbvolumen lag 2025 in Österreich bei 21,5 Milliarden Euro und wird sich bis 2050 nahezu verdoppeln. In Deutschland wurden 2024 113 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt – Tendenz auch hier steigend: Die Babyboomer-Generation besitzt rund 57% des privaten Immobilienvermögens in Deutschland.

Diese Vermögen werden in den kommenden Jahren für die Pflege aufgewendet und vererbt. Einen Plan dafür haben viele Menschen noch nicht – und der wäre dringend notwendig. Denn wir leben so lange wie noch nie zuvor, wir erleben die letzten Jahre aber oft nicht in Gesundheit – das zeigen aktuelle Studien.

Wir haben daher nachgefragt, wie wir uns auf diese Zeit gut vorbereiten können. Unsere Interviewpartnerin: Silvia Merschitsch verfügt über 32 Jahre Bankerfahrung und ist selbständige Mediatorin für Vermögensaufteilung und Erbrechtsthemen. Für Ihre Diplomarbeit zum Thema „Finanzgeschäfte der Generation 70+“ erhielt sie den a.g.e. Award 2023 für Gesellschaft. In ihrem Buch „Geregelte Finanzen im Alter“ geht sie auf die großen Fragen ein: Welche finanziellen und organisatorischen Risiken entstehen im Alter, und wie können wir unsere Finanzangelegenheiten bestmöglich rechtzeitig regeln? Und warum die größte Vernichtung von Geld nicht an der Börse, sondern bei Erbstreitigkeiten passiert.

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Anmerkung: Dieses Interview bezieht sich auf die rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich. Viele dieser Aspekte sind auch in anderen Ländern gültig, sie werden rechtlich aber anders gehandhabt. Bitte informieren Sie sich daher beim Rechtsanwalt oder Notar Ihres Vertrauens.

SBC: Frau Merschitsch, Sie widmen Ihr Buch Ihren Eltern und allen Bankkundinnen und -kunden. Das klingt nach sehr viel persönlicher Erfahrung.

Merschitsch: Ich kenne diese Situationen sehr gut aus meinem engsten familiären Umfeld. Aus zwei sehr selbstständigen, tatkräftigen Menschen, die ein Vorbild waren und in ihrem Leben Großartiges geleistet haben, wurden plötzlich Menschen, die sehr viel Unterstützung brauchten. Bei meiner Mutter begann es mit Vergesslichkeit, die ich zunächst nicht einordnen konnte. Nach einem Sturz im Garten löste ein Oberschenkelhalsbruch einen Demenz-Schub aus, davon hat sie sich nie erholt. Von einem Tag auf den anderen musste ich Pflege organisieren.

Ich richtete schon einige Zeit davor eine Kontoberechtigung bei den Eltern ein, ließ eine Vorsorgevollmacht aufsetzen. Ich wusste damals noch nicht, wie weit dieses Instrument reicht. Mir war nicht klar, was alles daran hängt: Das Auto konnte ich ohne Vollmacht nicht abmelden, die Versicherung nicht kündigen, die ÖAMTC-Mitgliedschaft nicht auflösen. Eine 24-Stunden-Pflege musste organisiert werden, Verträge unterschrieben werden – das alles wäre ohne Vollmacht nicht möglich gewesen. Und meine Mutter, deren Realitätswahrnehmung durch die Demenz stark eingeschränkt war, hätte das alles selbst nicht mehr stemmen können.

Später ging es auch mein Vater gesundheitlich schlechter. Ich musste die Vollmacht für ihn ebenfalls aktivieren, Pflegestufen beantragen – und Einspruch erheben, als diese abgelehnt wurden. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt. Und weil ich gemerkt habe, wieviel in so einer Situation auf einen zukommt – Behördenwege, Versorgung, Finanzen, Familie, Beruf – ist es zu einer Leidenschaft geworden, dieses Wissen niederzuschreiben und weiterzugeben. Das Buch war der logische nächste Schritt.

SBC: Die heutigen Senioren gelten als die vermögendsten aller Zeiten – und gleichzeitig sprechen Sie in ihrem Buch von einem massiv unterschätzten Problem. Wie gut sind ältere Menschen auf die Finanzregelung im Alter und das Vererben vorbereitet?

Merschitsch: Ich weiß aus der Praxis, dass wir viel zu wenig vorbereitet sind. Schauen wir uns die Realität an: Momentan ist jeder Fünfte in Österreich über 65, im Jahr 2050 werden es 28 Prozent sein, 2060 sogar jeder Dritte. Bei einer Bevölkerung von 9,2 Millionen sind bereits heute 1,9 Millionen Menschen über 65. Und die zentrale Frage lautet: Wer betreut diese Generation?

Die Entwicklung ist klar: Menschen werden älter, leben länger – aber auch mit zunehmenden Einschränkungen. Gleichzeitig werden die Familienstrukturen kleiner – weniger Kinder, mehr Alleinstehende. Die Betreuung älterer Menschen ist damit nicht mehr nur eine emotionale, sondern eine organisatorische und finanzielle Herausforderung – für die Betroffenen selbst, aber vor allem für die Angehörigen.

Was viele nicht wissen: In Österreich werden derzeit jährlich zwischen 21 und 22 Milliarden Euro vererbt – mehr, als durch Arbeitsleistung neu erschaffen wird. Bis 2050 steigt dieses Volumen auf 40 bis 41 Milliarden Euro. In den nächsten zehn Jahren allein werden 230 bis 270 Milliarden Euro den Besitzer wechseln. Dieses Vermögen ist in Spar- und Kontoprodukten, Wertpapieren, Gold, Immobilien und vieles mehr derzeit geparkt– und die Menschen, die es halten, beginnen langsam, gesundheitlich an ihre Grenzen zu stoßen.

Erschwerend kommt dazu: Die körperlichen Herausforderungen – schlechter sehen, schlechter gehen, schlechter schreiben – gehen oft Hand in Hand mit einer kognitiven Verschlechterung. Man merkt sich Dinge nicht mehr so gut, übersieht Wichtiges, ist anfälliger für Betrug. Da gibt es zum einen den bekannten Neffentrick, auf den besonders ältere Menschen reflektieren und Geld an Betrüger überweisen – auf SMS und E-Mails, die Dringlichkeit vortäuschen und zum Klicken auf gefährliche Links verleiten. Menschen, die sich gerade erst getraut haben, E-Mails zu öffnen, sind da besonders gefährdet. Das heißt: Mit zunehmendem Alter oder nach unerwarteten Ereignissen kann es schwieriger werden, Vermögensangelegenheiten selbstständig zu regeln und Betrugsfallen rechtzeitig zu erkennen. Genau hier entsteht eine Lücke, die rechtzeitig geschlossen werden muss.

Das Buch „Geregelte Finanzen im Alter“ von Silvia Merschitsch richtet sich an alle, die ihre finanziellen und organisatorischen Angelegenheiten rechtzeitig in Ordnung bringen möchten – bevor der Bedarf akut wird.

Die Autorin, ausgebildete Bankerin mit 32 Jahren Berufserfahrung und selbständige Mediatorin für Vermögensaufteilung und Erbrechtsthemen, erklärt verständlich und ohne Fachjargon, welche Instrumente wirklich wichtig sind: von der Vorsorgevollmacht über die Kontoberechtigung bis hin zum digitalen Nachlass. Und sie zeigt, warum die größte Vernichtung von Vermögen nicht an der Börse, sondern bei Erbstreitigkeiten passiert. 

Mehr Informationen finden Sie hier: shop.lindeverlag.at

SBC: Banken schließen Filialen, alles wird digital. Was bedeutet das konkret für ältere Menschen und ihr unterstützendes Umfeld?

Merschitsch: Die Digitalisierung ist für ältere Generationen eine enorme Herausforderung. Das Handy ist klein, die Schrift schwer lesbar. Andererseits kommt wie gesagt die kognitive Verschlechterung dazu. Ältere Menschen brauchen hier eine gezielte Begleitung, der sie vertrauen können.

Völlig unterschätzt wird auch der digitale Nachlass. Viele Menschen haben Online-Konten, manche sogar Krypto-Anlagen – alles passwortgeschützt, alles unsichtbar für die Familie. Wenn die Person plötzlich handlungsunfähig ist oder verstirbt, stehen Angehörige vor einem enormen Problem. Auch das gehört geregelt und aufgeschrieben, an einem Ort, den eine Vertrauensperson kennt.

Ein erster Schritt wäre für die Betroffenen bzw. Familien, mit dem zuständigen Bankbetreuer zu sprechen. Oft ist da ein Vertrauensverhältnis und Themen zur Kontoberechtigung und Vermögensweitergabe können besprochen werden, bevor diese dann rechtlich beim Rechtsanwalt/Notar ausformuliert werden.

Meine Erfahrung ist, dass Menschen sehr dankbar reagieren, wenn man sensible Themen achtsam anspricht. Kein einziges Mal habe ich erlebt, dass jemand verärgert war. Viel öfter höre ich: ‚Danke, dass Sie das ansprechen – darüber hat noch nie jemand mit mir gesprochen.

SBC: Welche konkreten Lösungen empfehlen Sie Betroffenen und ihren Angehörigen?

Merschitsch: Es gibt drei Ebenen, auf denen man handeln sollte – und zwar rechtzeitig, also bevor der Bedarf akut wird. Erstens: Der Zugang zum Konto. Eine Zeichnungsberechtigung für eine Vertrauensperson einzurichten ist der einfachste und schnellste Schritt. Damit kann diese Person Überweisungen tätigen und Abhebungen machen – ohne dass Rechtsanwälte/Notare oder Gerichte involviert werden müssen.

Zweitens: Die Vorsorgevollmacht. Das ist das wichtigste Instrument überhaupt. Sie wird vorsorglich errichtet, solange man noch voll geschäftsfähig ist, und tritt erst in Kraft, wenn ein ärztliches Gutachten bestätigt, dass die Geschäftsfähigkeit nicht mehr gegeben ist. Hier wird geregelt, wer für einen handeln darf – bei Bankgeschäften, Behördenwegen, Pflegeentscheidungen, Wohnungsangelegenheiten.

Drittens: Wenn die Vorsorgevollmacht nicht rechtzeitig errichtet wurde, gibt es den Weg, eine Erwachsenenvertretung zu beantragen. Es wird zunächst versucht die Erwachsenenvertretung durch ein Familienmitglied abzudecken. Sollte dies nicht möglich sein, wird ein gerichtlicher Erwachsenenvertreter vom Gericht bestimmt. Es gilt hier, Missbrauch zu verhindern. Daher gibt es neben Rechten auch Pflichten für den Erwachsenenvertreter, wie Vermögensbericht oder Lebenssituationsbericht zu erstellen.

Meine klare Empfehlung: Wenden Sie sich für die Beratung an einen Erwachsenenschutzverein oder das Vertretungsnetz. Die Mitarbeiter dieser Vereine sind geschult, kennen die Materie und nehmen sich Zeit für Beratung und Aufklärung. Sie sind für genau diese Situationen da.

Vorsorgevollmacht vs Erwachsenenvertretung

Die Vorsorgevollmacht wird errichtet, solange man noch voll geschäftsfähig ist – also vorausschauend. Man bestimmt selbst, wer handeln darf, in welchen Bereichen und mit welchen Rechten. Sie tritt wie bereits erwähnt erst in Kraft, wenn ein Arzt bestätigt, dass man nicht mehr geschäftsfähig ist. Die Errichtung und dann auch die Aktivierung wird im Österreichischen Zentralen Vertretungsregister eingetragen.

Die anderen 3 Säulen der Erwachsenenvetretung kommen ins Spiel, wenn es für eine Vorsorgevollmacht bereits zu spät ist – also wenn die Entscheidungsfähigkeit bereits eingeschränkt ist. Es gibt drei weitere Säulen: Die gewählte, die gesetzliche, die gerichtliche – die Vorsorgevollmacht selbst ist rechtlich gesehen die erste Säule.

Warum die Vorsorgevollmacht die bessere Lösung ist: Sie ist selbstbestimmt – man wählt die Vertrauensperson selbst, legt die Bereiche fest und behält die Kontrolle. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei der Vorsorgevollmacht die Berichtspflicht an das Pflegschaftsgericht hinsichtlich Lebenssituationsbericht und Vermögensbericht – wie sie bei den anderen 3 Säulen eingefordert wird – wegfällt.

SBC: Was ist der häufigste Fehler, den Menschen machen – und der teuerste?

Merschitsch: Viele Menschen vermeiden diese Themen so lange wie möglich – und genau darin liegt oft das größte Risiko. Es ist ein Tabuthema, da es häufig mit Angst und Unsicherheit besetzt ist. Viele Menschen meiden diese Gespräche, da sie häufig Ängste und Unsicherheiten auslösen. Ein klassisches Beispiel aus meiner Bankpraxis: Eine Kundin, Mitte siebzig. Ihr Mann hatte sich immer um die Finanzen gekümmert, Dann wurde er schleichend vergesslicher, konnte keine Entscheidungen mehr treffen. Die Gattin kam in die Bank und bat um Hilfe, um Überweisungen zahlen zu können.

Wir konnten ihr nicht helfen, weil sie am Konto nicht berechtigt war. In der Folge blieben Rechnungen unbezahlt, Mahnungen kamen, die Familie stand ratlos da. Da keine Regelungen vorzeitig getroffen wurden musst man hier nun den Weg der Erwachsenenvertretung in die Wege leiten. Somit kommt es zu Verzögerungen, die man sich hätte sparen können.

SBC: Wie vermutet man als Bankberaterin, dass jemand nicht mehr geschäftsfähig ist?

Merschitsch: Das ist eine Frage, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Gerade im jährlichen Gespräch bei langjährigen, älteren Kunden kann es sich zeigen. Ein Beispiel von mir: Ein Kunde, der im Vorjahr noch gut bei Gesundheit war, packt plötzlich eine Menge Briefe von aus der Tasche aus und fragt mich, ob sie wichtig wären. Er war sichtlich überfordert damit. Das Erscheinungsbild hatte sich verändert, ich spürte die Unsicherheit. Ich frage dann behutsam, ob es Angehörige gibt – einen Sohn, eine Tochter, jemanden, zu dem man Vertrauen hat. Ich lade in so einem Fall dann zum gemeinsamen Gespräch ein: ‚Wollen Sie das nächste Mal ihren Angehörigen/Sohn/Tochter mitbringen? So ist auch diese Person informiert und kann Sie bestmöglich unterstützen.‘ Das ist keine Bevormundung – das ist Fürsorge.

SBC: Sie sind auch Mediatorin, also Gesprächsbegleiterin für Erbstreitigkeiten. Was raten Sie Familien?

Merschitsch: Mein wichtigster Rat: Überlegen Sie rechtzeitig an wen, wie und wann Sie Ihr Vermögen weitergeben möchten. Erbstreitigkeiten kosten viel Geld sowie Nerven, dauern lange und belasten alle Beteiligten. Oft liegen gefühlte Ungerechtigkeiten wieder auf dem Tisch, die schon lange vergessen waren. Schnell werden Rechtsanwälte eingeschaltet, damit ist die Basis für einen längeren Streit geschaffen und jegliche familiäre Kommunikationsebene zerstört.

Ein klassisches Beispiel für Konfliktpotential: Die Familie besitzt eine Wohnung oder ein Haus, hat zwei oder drei Kinder und denkt, die werden sich das schon aufteilen. Was passiert: Der eine schätzt die Immobilie auf 400.000, der andere auf 480.000. Der eine möchte sie, kann den anderen aber nicht auszahlen. Der dritte lebt im Ausland und will verkaufen. Das endet nicht selten vor Gericht – Anwaltskosten von 20.000, 30.000, oder auch mehr können auf jeder Seite entstehen.

Was hilft: Sprechen Sie das Thema in der Familie frühzeitig an. Holen Sie sich Beratung beim Notar, Rechtsanwalt oder Steuerberater. Informieren Sie sich, ob eine Schenkung zu Lebzeiten in Ihrer Lebenssituation sinnvoll ist, oder die Erbfolge nach dem Ableben. Und wenn es in der Familie bereits Spannungen gibt: Eine begleitende Gesprächsführung zur Lösungsfindung durch eine/n neutrale/n Mediator/in ist um ein Vielfaches günstiger und schonender als ein Gerichtsverfahren danach.

Mein Leitsatz: Wenn Ihnen Ihre Familie und das Vermögen, das Sie über viele Jahre aufgebaut haben, am Herzen liegen, dann treffen Sie vorsorgliche Regelungen. Damit erleichtern Sie den Angehörigen Ihre Unterstützung im Notfall und können Streitigkeiten vorbeugen.  

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zu Silvia Merschitsch unter: www.generationen-beraten.at

Anja Herberth
Author: Anja Herberth

Chefredakteurin

Tags: ErbschaftFinanzen
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