In unserem Themenspecial zu altersgerechtem Bauen und Sanieren befragen wir FachexpertInnen, welche Lösungen es am Markt gibt. In diesem Interview wenden wir den Blick – hin zu den Betroffenen und unterstützenden, pflegenden Angehörigen: Mit welchem Blick sollten sie in ein Sanierungsprojekt hineingehen? Denn Bedürfnisse sind sehr individuell, und es gilt, diese in Worte zu fassen oder auch in ein Konzept gießen zu können.
Dazu haben wir mit Kornelia Grundmann gesprochen: Sie ist Architektin und Sachverständige für barrierefreies Bauen. Und sie bringt in diesem Interview ihre fachlichen und persönlichen Erfahrungen ein, da sie auf Grund einer Multiple Sklerose-Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen ist.
Wir sprechen mit ihr über die wichtigste Grundsatzfrage bei Sanierungen, das Durchsetzen von Wünschen, über die Grenzen von Normen – und was sie heute anders sehen würde.
SBC: Frau Grundmann, mit welchem Blick sollten Betroffene und ihre Angehörigen an ein Sanierungsprojekt herangehen? Normen und Gewerke geben nur einen Rahmen vor – in der Realität sind Sanierungen, genau wie Pflegesituationen, sehr individuell. Wie findet man den richtigen Einstieg?
Grundmann: Zunächst muss man unterscheiden, warum saniert wird. Planen Sie individuell und vorausschauend, statt sich nur auf Normen zu verlassen.
Kommt jemand unerwartet in eine Pflegesituation, sind viele mit der Situation überfordert. Manche verlassen sich auf den vertrauten Handwerker und sagen: „Ich brauche Barrierefreiheit – bitte mach.“ Wer hingegen frühzeitig und vorausschauend plant, hat Zeit, sich zu informieren und Entscheidungen bewusst zu treffen.
Stellen sie sich diese Fragen: Wie wollen wir hier leben – heute und in Zukunft? Nicht: Was steht in der Norm? Und auch nicht: Das wird schon irgendwie passen. Barrierefreiheit ist kein Produkt von der Stange. Sie entsteht aus individuellen Bewegungsabläufen, Routinen, Einschränkungen, Pflegekonzepten und Lebensstilen. Deshalb: Nehmen Sie den Alltag sehr ernst – und beziehen Sie Familie sowie Pflegepersonen von Anfang an mit ein.
Wichtig ist ein klar formuliertes Anforderungsprofil – fast wie ein kleiner Businessplan: Was brauche ich? Was will ich? Was kann sich künftig verändern? Denn wer heute für besondere eine Einschränkung saniert, sollte das Alter berücksichtigen. Zu einem frühen Unfall kommen später oft altersbedingte Beschwerden hinzu. Was heute noch funktioniert, kann morgen schon nicht mehr sein.
Ohne fachkundige Beratung ist ein ganzheitliches barrierefreies Konzept kaum machbar. Die Gewerke greifen ineinander – Trockenbau, Fliesen, Estrich, Sanitär, Glaser. Am Ende passieren Fehler. Das Geld, das sie in gute Beratung investieren, erspart Ärger, Zeit und zusätzliche Kosten.
Auf einem Blick:
- Ausgangslage klären: Unterscheiden Sie zwischen vorausschauender Planung und akuter Notsituation (z. B. nach einem Unfall/OP).
- Individuelle Bedürfnisse priorisieren: Der Fokus sollte auf persönlichen Bewegungsabläufen und dem Lebensstil liegen, nicht auf Standardlösungen.
- Bedarfsprofil erstellen: Definieren Sie schriftlich aktuelle und zukünftige Anforderungen (ähnlich einem Projektplan-First things first).
- Langfristig denken: Berücksichtigen Sie, dass im Alter zusätzliche Einschränkungen hinzukommen können.
- Alle Beteiligten einbeziehen: Familie und Pflegepersonen müssen von Beginn an in die Planung integriert werden.
- Fachliche Beratung nutzen: Ein ganzheitliches Konzept erfordert aufgrund der vielen ineinandergreifenden Gewerke Expertenwissen.
SBC: Wie erkläre ich einem Handwerker, was ich brauche – besonders wenn er Barrierefreiheit nicht kennt oder nicht ernst nimmt?
Grundmann: Man muss genau wissen, was man will und dies klar kommunizieren. Ein Handwerker ist kein Mediziner, darum orientieren sie sich lediglich an Normen. Dabei gilt: Normen sind Empfehlungen, keine Gesetze. Für eine gute individuelle Lösung darf und muss man manchmal davon abweichen. Ist die Norm vertraglich vereinbart, kann der Auftraggeber schriftlich darauf verzichten.
Wichtig ist, alle Gewerke frühzeitig zusammenzubringen. Nur wenn alle denselben Informationsstand haben, entsteht eine durchdachte Lösung. Ein Beispiel: Die Bäder, die wir planen sind bodengleich und haben keine Schwellen. Viele Handwerker kennen dies nicht und sind erst skeptisch. Wenn man ihnen die Sinnhaftigkeit erklärt, setzen sie es um – und übernehmen es später oftmals als Standard.
Entscheidend ist, dass kein Gewerk die Arbeit eines anderen zunichtemacht. Eine bodengleiche Dusche z.B. bringt nichts, wenn später ein feststehendes Glaselement die Bewegungsfläche blockiert. Deshalb: gemeinsam planen, gemeinsam verstehen.
SBC: Bei manchen Förderungen ist die Einhaltung von Normen verpflichtend. Wie sollte man in diesem Fall vorgehen?
Grundmann: Bei individuellen Sanierungen steht das persönliche Bedürfnis immer im Vordergrund. Wenn eine Förderung strikt an Normen gebunden ist, sollte man das Gespräch mit dem Fördergeber suchen. In der Regel gibt es Verständnis, wenn man begründet, warum eine abweichende Lösung für die betroffene Person besser ist. Wichtig ist nur, es offen anzusprechen.
SBC: Wie hat sich Ihr Blick auf Räume verändert, seit Sie selbst auf den Rollstuhl angewiesen sind? Was sehen Sie heute, was Sie früher übersehen haben?
Grundmann: Es gibt drei Fragen, die für mich heute immer Priorität haben: Wie komme ich hin? Wie komme ich hinein? Und wie komme ich im Gebäude zurecht?
Früher habe ich Gebäude zuerst mit dem Blick auf Ästhetik und Funktion bewertet. Heute sehe ich zuerst: Ist die Infrastruktur im Umfeld für mich gut nutzbar? Gibt es Parkplätze, eine öffentliche Anbindung? Komme ich an den Briefkasten heran? Kann ich die Mülleimer im Keller bedienen? Wie ist die Beschilderung – klar, eindeutig, und auch für Menschen mit Sehproblemen lesbar? Ist alles kontrastreich genug, damit sich ältere Menschen orientieren können?
Barrieren betreffen ja nicht nur mich. Wenn ich ins Restaurant, ins Museum, auf eine Hochzeit gehe – dann betrifft das meine Familie, meine Freunde. Hotels verlieren Aufträge für Hochzeiten und Jubiläen, weil sie nicht barrierefrei sind. Familienfeste können keine künstlichen Barrieren brauchen, die Familienmitglieder und Freunde aussperren. Gerade für die Gastronomie und Hotellerie ist es daher grundsätzlich wichtig, eine Flexibilität und Barrierefreiheit in das Konzept aufzunehmen.
Was mich in diesem Zusammenhang wirklich beschäftigt: Wie viele Gebäude wurden unter völlig anderen Gesichtspunkten geplant – zu einer Zeit, in der niemand über eine alternde Gesellschaft nachgedacht hat. Das merkt man. Und das muss sich ändern. Denn es geht darum, Menschen nicht von vornherein auszuschließen.
SBC: Was sind die drei wichtigsten Sanierungsschritte, wenn jemand plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen ist? Welche Maßnahmen haben das beste Verhältnis von Kosten und Wirkung?
Grundmann: Nur auf drei Punkte reduzieren lässt es sich nicht – aber diese Grundfragen sind immer zu klären: Wie komme ich hin? Wie komme ich hinein? Wie bewege ich mich im Gebäude?
Diese Grundfragen sind immer zu klären: Wie komme ich hin? Wie komme ich hinein? Wie bewege ich mich im Gebäude?
Konkret heißt das:
- Türbreiten prüfen: Mindestens 90 cm, viele Altbauten haben nur 70–80 cm
- Bewegungsflächen sicherstellen: Komme ich ins Schlafzimmer? Ist die Küche unterfahrbar und alles erreichbar?
- Bad anpassen: Bodengleiche Dusche, passende Armaturenhöhen, Wandverstärkungen für Haltegriffe – das Bad ist meist der wichtigste Raum.
- Weitere Punkte: Niveaugleiche schwellenlose Übergänge im Haus sowie ins Freie. Gibt es einen Aufzug oder ist dieser nachrüstbarer?
Mein Grundsatz: Nach den Grundsätzen des Universal Design planen. Was für alle gut nutzbar ist, funktioniert für Rollstuhlnutzer genauso wie für Eltern mit Kinderwagen, Menschen mit Gipsarm oder ältere Personen mit Rollator. Universal Design löst nicht einzelne Probleme – es verhindert sie von Anfang an.
SBC: Was ist der häufigste Fehler beim altersgerechten Sanieren – noch bevor der erste Handwerker kommt?
Grundmann: Lassen sie sich nicht von vagen Marketingbegriffen und mangelhafter Detailplanung, die später teure Korrekturen nach sich ziehen, verleiten. Vorsicht bei Marketing-Floskeln: Begriffe wie „barrierearm“, „Barriere reduziert“ oder seniorengerecht“ sind rechtlich nicht geschützt und oft nichtssagende Kunstbegriffe. Klassische Planungsfehler:
- Türen, die in Bädern nach innen öffnen (Blockadegefahr im Notfall).
- Fehlende Wandverstärkungen für späteren Einbau von Haltegriffen.
- Unerreichbare Armaturen (besonders aus der Sitzposition).
- Vermeidbare Türschwellen und Kanten.
Kosten-Mythos: Barrierefreiheit kostet bei frühzeitiger Planung nur einen minimalen Aufpreis. Nachträgliche Umbaumaßnahmen sind deutlich teurer. Und gesellschaftliche Relevanz: Angesichts der alternden Bevölkerung ist barrierefreier Wohnraum eine wirtschaftliche Notwendigkeit, um Selbstständigkeit zu erhalten und Heimkosten zu vermeiden.
SBC: Haben Sie ein Beispiel aus einer privaten Sanierung, das Sie besonders stolz macht?
Grundmann: Glücklich wäre in diesem Fall die bessere Bezeichnung. Am Beispiel eines Mädchens mit Muskelerkrankung zeigt sich, dass wahre Qualität in der langfristigen Nutzbarkeit liegt.
Vorausschauende Planung bedeutet:
Zukunftsszenarien denken: Nicht nur den aktuellen Stand (Kind heben), sondern die Zukunft (Bedarf eines Deckenlifts in 10 Jahren) planen.
Bauliche Hürden vermeiden: Details wie Türstürze so planen, dass Lifte barrierefrei zwischen Räumen gleiten können.
Fehlende Lösungen der Bauwirtschaft: Wo Bauunternehmer keine Antwort haben, braucht es spezialisierte Fachplanung.
Nachhaltige Dankbarkeit: Richtige Planung spart Jahre später massiv Geld und sichert die Lebensqualität im vertrauten zuhause.
Kernbotschaft: Eine Sanierung ist dann erfolgreich, wenn sie auch bei fortschreitenden körperlichen Einschränkungen ohne erneuten Umbau funktioniert.
SBC: Was würden Sie Ihrem jüngeren Architektinnen-Selbst raten?
Grundmann: Sie sollten Barrierefreiheit nicht als Nischenthema, sondern als grundlegende Aufgabe guter Architektur für alle Menschen. Mein Rat an die nächste Generation: Konsequente Schwellenlosigkeit – jede Schwelle ist eine Barriere zu viel und sollte durchgehend vermieden werden. Empathie durch Beobachtung: Genau hinschauen, was Nutzer und Bewohner wirklich brauchen, statt nur nach Normen zu planen. Flexibilität als Standard: Räume müssen so gestaltet sein, dass sie sich den veränderten Lebensphasen anpassen können. Und Barrierefreiheit ist kein Spezialthema: Barrierefreiheit betrifft jeden – ob durch Alter, Unfall , Krankheit oder in der Familie – und sollte daher selbstverständlicher Teil jedes Entwurfs sein. ArchitektInneen sollten keine künstlichen Barrieren schaffen, sondern Lebensräume gestalten, die für alle Menschen funktionieren.
Vielen Dank für das Interview!
Über Kornelia Grundmann: Als Architektin, Sachverständige und Rollstuhlnutzerin vereint sie Fachwissen mit echter Anwenderperspektive (www.gabana.net).
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin







