This article is also available in:
English
Wer an ein smartes Zuhause denkt, hat oft eine vernetzte Komplettanlage vor Augen, die viel Geld kostet und von Fachleuten geplant werden muss. Für die meisten Probleme, die im Alltag mit zunehmendem Alter auftauchen, braucht es das gar nicht. Denn häufig reichen niederschwellige Lösungen, die genau an der richtigen Stelle sitzen, um Komfort und Sicherheit zu erhöhen.
Smart Living-Urgestein Günther Ohland beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem smarten Wohnen und hat die Entwicklung in Deutschland als Vorstandsvorsitzenden der SmartHome Initiative Deutschland e.V. über Jahrzehnte mitgeprägt. Mit 77 Jahren gehört er heute selbst zu der Zielgruppe, die von diesen smarten Lösungen besonders profitieren kann.
Das könnte Sie auch interessieren
Im Gespräch erzählt er, welche kleinen Helfer sich in seinem Umfeld bewährt haben, was sie kosten und wer sie anbringen kann, wenn man selbst nicht mehr auf die Leiter steigen möchte.
Was Sie in diesem Interview erwartet
- Welche smarten Helfer unter 100 Euro typische Alltagsprobleme lösen, vom nächtlichen Weg ins Bad bis zur Klingel, die man nicht mehr hört,
- wie Angehörige aus der Ferne erfahren, ob zu Hause alles in Ordnung ist, ohne ihre Eltern zu überwachen,
- wo einfache Lösungen an ihre Grenzen stoßen und wann ein Hausnotruf oder professionelle Sensorik sinnvoll werden,
- wer bei der Montage hilft, wenn kein Handwerker für diese Kleinigkeit vorbeikommt.
SBC: Sie haben sich Ihr ganzes Berufsleben mit Smart Living beschäftigt und sind heute 77 Jahre alt. Was ist für Sie inzwischen wirklich smart?
Ohland: Ich bin schon lange selbst Zielgruppe und erkläre den Leuten nicht mehr als junger Mensch, wie sie im Alter leben sollen. Ich mag Technik, sonst hätte ich das nicht mein Leben lang gemacht, aber sie muss für mich immer nützlich sein. Sie darf keine Spielerei sein, bei der sich nur irgendwo etwas dreht oder blinkt.
Die Frage lautet immer, welches Problem ich in meiner jetzigen Situation habe, ob es dafür eine technische Lösung gibt und ob sie mir tatsächlich hilft. Ich muss nicht zu einem Spezialisten gehen und mir für 30.000 Euro das ganze Haus vernetzen lassen, wenn ich nur ganz bestimmte, gezielte Problemlösungen brauche.
SBC: Womit fangen Sie an, wenn Menschen in Ihrem Alter Sie nach einer ersten Lösung für Komfort und Sicherheit fragen?
Ohland: Fast immer mit dem sogenannten Pantoffellicht. Je älter man wird, desto öfter steht man nachts auf, um auf die Toilette zu gehen. Und stolpert dabei über die eigenen Schuhe oder über die Schwelle, weil man das Licht nicht anmachen will, das dann sehr blendet. Wir hatten früher auch eine Taschenlampe auf dem Nachttisch. Aber viel angenehmer ist ein sanftes Licht, das einem den Weg vom Schlafzimmer ins Bad und auch wieder zurückweist.
Mit LED ist das heute einfach: Man klebt einen LED-Streifen auf die Fußleiste, am besten unten an einen Schrank oder unter das Bett. Diesen Streifen verbindet man mit einem Bewegungsmelder, den es auch gleich in einer gemeinsamen Einheit gibt. Damit keine umherliegenden Kabel oder sogar aufwendigen Stemm- oder Verlegearbeiten notwendig sind, funktioniert das auch mit Batterien, die mindestens ein halbes Jahr halten. Wenn mich das drei Euro alle sechs Monate kostet, ist mir diese Sicherheit das allemal wert.
SBC: Viele scheuen sich, so etwas selbst anzubringen. Wer hilft da, wenn für dieses kleine Projekt kein Handwerker vorbeikommt?
Ohland: Ist man gesundheitlich noch fit, kann das allein machen, oder sich an Kinder, Enkel oder Jugendliche in der Nachbarschaft wenden. Die sind noch beweglicher und meiner Erfahrung nach übernehmen sie so etwas sehr gerne, wenn man sie fragt. Genau da liegt aber auch die große Hürde, denn vielen fällt es schwer zuzugeben, dass sie so etwas gerne hätten und auch bräuchten.
Bei uns gibt es beim Arbeiter-Samariter-Bund eine Stelle, zu der man an zwei Tagen in der Woche mit seinem Handy oder Tablet kommen und sich Dinge einstellen lassen kann. Die beraten allgemein zu diesen niedrigschwelligen Lösungen und kennen meist auch jemanden in der Nachbarschaft, der vorbeikommt und das anbringen kann. Einen Handwerker brauche ich dafür nicht, und wenn der 120 Euro für An- und Abfahrt verlangt und nur fünf Minuten arbeitet, ärgert man sich wochenlang darüber.
Auch Repair-Cafés sind eine gute Adresse, denn dort sitzen Technikerinnen und Techniker, die vermutlich auch gerne kommen und etwas anschrauben, wenn man sie darum bittet.
SBC: Nächstes Thema: Hören. Was empfehlen Sie Menschen, die die Türklingel nicht mehr zuverlässig hören?
Ohland: Das höre ich immer wieder, etwa weil man die Hörgeräte gerade nicht trägt oder auch keines will. Hier hilft ein optisches Signal, das man mitnehmen kann, sodass man auch auf der Terrasse oder dem Balkon sieht, dass es blinkt, wenn jemand läutet.
Wenn ich das Menschen als Smart Home vorstelle, lachen manche. Aber es ist smart, weil es Technik ist, die ein Problem löst, das tatsächlich da ist. Wer gut hört, braucht es nicht. Und genau darum geht es: Dass jede und jeder nur das anschafft, was im eigenen Alltag fehlt.
So gehen Sie vor
- Problem benennen: Überlegen Sie, was im Alltag konkret mühsam oder unsicher ist.
- Eine Lösung wählen: Beginnen Sie mit der Anschaffung, die das größte Problem löst.
- Datenschutz abwägen: Entscheiden Sie bei Kameras und Sprachassistenten bewusst, ob Ihnen ein günstiges Gerät mit Datenweg ins Ausland genügt – oder ob es eine oft teurere europäische Lösung mit besserem Datenschutz sein soll.
- Hilfe organisieren: Fragen Sie Familie, Nachbarschaft, Repair-Cafés oder Beratungsstellen von Hilfsorganisationen, bevor Sie einen Handwerker rufen. Oft werden Sie für diese kleinen, einfachen Lösungen auch keinen Profi finden, der dafür anrückt.
SBC: Viele ältere Menschen haben ein mulmiges Gefühl, wenn es an der Tür läutet und sie nicht wissen, wer draußen steht. Gibt es dafür eine einfache Lösung?
Ohland: Die einfachste Lösung, die ich öfter sehe: Eine WLAN-Klingel mit Kamera ab 50 Euro, direkt in der Nähe der Eingangstür montiert. Wenn es läutet, sieht man auf dem Handy oder Tablet, wer vor der Tür steht. Vielleicht fällt einem auch das Aufstehen vom Sofa schwer, und so sieht man ganz schnell, wer da ist. Oft kann man mit diesen Lösungen auch schon auch mit der Person vor der Tür sprechen und sogar die Tür vom Tablet aus öffnen..
Diese günstigen Kameras haben allerdings einen Haken, weil sie fast alle aus China kommen und die Daten über das Internet auch dort auf einem Server zwischengespeichert werden. Wer das nicht möchte, muss etwas mehr Geld für ein Gerät mit europäischer Cloud ausgeben.
Meine Erfahrung mit SeniorInnen ist aber, dass ihnen das Thema Datenschutz in dieser Thematik egal ist, weil sie damit keine Geheimnisse verbinden, sondern nur wissen wollen, wer vor der Tür steht. Der persönliche Nutzen ist wichtiger, als der Schutz der Daten.
SBC: Lässt sich die Kamera auch mit dem Türschloss verbinden, etwa für jemanden, der gerade nicht gut zu Fuß ist?
Ohland: Ja, und das ist ein schönes Beispiel. Wenn ich gehbeeinträchtigt bin, sehe ich auf dem Bildschirm, dass der oder die FahrerIn von Essen auf Rädern vor der Tür steht. Und öffne über eine App das Schloss, sodass ich keinen Schlüssel mehr hergeben muss.
Das kostet meiner Erfahrung nach in der Anschaffung ab 100 – 150 Euro, und zwar einmalig. Wer mit 45 Jahren neu baut, kann sich natürlich gleich eine umfassende Lösung einplanen. Aber im Seniorenalter möchte ich mein aktuelles Problem gelöst haben und dafür reicht oft eine einzelne Anschaffung.
SBC: Gibt es eine Lösung, die eigentlich in jeden Haushalt gehört, unabhängig vom Alter?
Ohland: Wassermelder halte ich für sehr sinnvoll, und damit meine ich nicht Melder für ein Hochwasser. Sondern für den Fall, dass man vergessen hat, den Ablaufschlauch der Waschmaschine einzuhängen, und sie trotzdem startet. Dann schlägt das Gerät laut Alarm, und man hat noch eine Chance, großen Schaden zu vermeiden.
Das betrifft grundsätzlich alle, passiert im Alter aber häufiger. Und es gibt auch Hunde, die Spaß daran haben, den Schlauch herauszuziehen. So ein Wassermelder kostet unter 50 Euro und eignet sich sogar gut als Weihnachtsgeschenk. Wenn die Kinder fragen, was man sich wünscht, und man eigentlich alles hat, kann man sich statt irgendeines Unsinns eine Türkamera oder einen Wassermelder schenken und gleich montieren lassen.
SBC: Viele Angehörige wohnen weit entfernt und fragen sich, wie sie erfahren, ob bei den Eltern alles in Ordnung ist. Was raten Sie ihnen?
Ohland: Das höre ich oft von Kindern, deren Eltern eigentlich fit sind, die aber 100 Kilometer entfernt leben und sich nicht so häufig kümmern können. Beim Hausnotruf gibt es die Möglichkeit, einmal am Tag einen Knopf zu drücken, um zu signalisieren, dass es einem gut geht. Aber gerade wenn eine beginnende Demenz dazukommt, vergessen Menschen das gerne, und dann ist der Alarm groß.
Besser ist eine Lösung, die automatisch erkennt, dass das Leben normal läuft. Etwa ein Bewegungsmelder mit umgekehrter Funktion. Der meldet, wenn über einen Zeitraum keine Bewegung registriert wurde. Dazu kann man auch den Lichtschalter im Bad nutzen oder eine Kaffeemaschine. Denn wenn den ganzen Vormittag niemand das Licht einschaltet und auch kein Kaffee gemacht wird, stimmt vermutlich etwas nicht. Und dann ruft man an und bittet im Zweifel die Nachbarn, nachzusehen.
Das muss man etwas genauer durchdenken und an die Wohnung anpassen. Es lohnt sich aber, weil es ein echtes Problem der Jüngeren löst, die ihre Eltern nicht überwachen, sondern nur wissen wollen, wenn das Leben nicht so stattfindet, wie es sollte.
SBC: Solche Systeme schlagen oft erst nach Stunden an, während bei einem Sturz oder Herzinfarkt jede Minute zählt. Wo liegen für Sie die Grenzen der einfachen Lösungen?
Ohland: Diese Lösungen liegen in punkto Sicherheit unterhalb des Hausnotrufs. Wenn es aus medizinischer Sicht kritisch wird, empfiehlt meist ohnehin die Ärztin oder der Arzt einen Hausnotruf, und dann ist das auch so richtig. Viele sagen allerdings, so ein Gerät komme ihnen nicht ins Haus, weil Besucher es sehen und sie für gebrechlich halten könnten. Und bis zu dem Punkt, an dem es sein muss, sind unauffällige smarte Lösungen deutlich angenehmer.
Es gibt neben Assistenzlösungen mit Sturzsensorik außerdem kombinierte Sensoren, die ursprünglich für Privathaushalte entwickelt wurden und heute auch in deutschen Pflegeheimen eingesetzt werden. Sie erkennen Stürze und hören über ein Mikrofon, wenn Glas zerbricht oder ein Rauchmelder anschlägt, und geben das an eine Alarmkette weiter. Das liegt preislich über einem Weihnachtsgeschenk und muss von Fachleuten montiert werden, löst aber mit einer Anschaffung gleich mehrere Probleme.
SBC: Was halten Sie von Sprachassistenten wie Alexa?
Ohland: Ich habe so ein Gerät natürlich ausprobiert, aber es liegt bei mir in der Schublade, weil ich es nicht brauche. Ich kann mir aber viele Situationen vorstellen, in denen jemand froh über einen Sprachassistenten ist, weil er sich nicht oder nur schwer bewegen kann: Etwa wenn Licht oder Rollos mit der Stimme gesteuert werden können, oder wenn zitternde Hände es schwer machen, auf einem Touchscreen das Richtige zu treffen.
Oft höre ich den Einwand, dass diese Geräte die ganze Zeit zuhören. Aber das müssen sie ja, um den Befehl zu hören. Sonst müsste ja doch wieder ein Knopf gedrückt werden. Früher hatte, wer es sich leisten konnte, Hauspersonal, das ebenfalls die ganze Zeit in der Ecke stand und mitbekam, was in der Wohnung gesprochen wurde. Ein Sprachassistent wartet nur auf sein Schlüsselwort und hört erst danach wirklich auf den Inhalt. Wenn ich das so erkläre, kommen die Leute ins Grübeln, denn dahinter steckt oft eine Scheu vor dem Neuen, das man nicht gelernt hat und vorsichtshalber ablehnt.
SBC: Warum, glauben Sie, nutzen trotz der Vorteile noch so wenige ältere Menschen diese Möglichkeiten?
Ohland: Früher lebten in Deutschland, Österreich und der Schweiz oft alle Generationen unter einem Dach, und man hat durch die dünne Wand mitbekommen, was nebenan passiert, und konnte reagieren. Das gibt es heute kaum noch. Familien leben weit verstreut. Wir können nicht versuchen, das Leben von heute mit den Lösungen von damals zu organisieren. Aber alles Neue stößt auf Skepsis. Brauche ich das Wirklich? Oft sind auch die Vorstellungen der Kosten völlig unrealistisch hoch.
Dazu kommt, dass ein 70-Jähriger heute nicht mehr der 70-Jährige von vor 50 Jahren ist. Die Menschen haben sich verändert, und die alten Konzepte passen nicht mehr. Wer Hilfe braucht, sollte deshalb ohne Scheu nachfragen. Und wer sagt, er habe sein Leben lang noch nie einen Schraubenzieher in der Hand gehabt, findet in der Familie, der Nachbarschaft oder im Repair-Café ganz sicher jemanden, der ihm die zehn Minuten Arbeit abnimmt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über Günther Ohland: Günther Ohland zählt zu den Pionieren des Smart Living in Deutschland und hat die Entwicklung der Branche über Jahrzehnte unter anderem an der Spitze der SmartHome Initiative Deutschland e.V. geprägt. Aktuell ist er Head of Conference Planning & Special Contact von transformIT, das die TransformIT Europe Messe und Konferenz in Brüssel ausrichtet.
Welche smarten Helfer für SeniorInnen kosten wenig und lösen oft große Probleme im Alter?
Dazu zählen Nachtlichter mit Bewegungsmelder, optische Klingelsignale, WLAN-Türkameras, Wassermelder und einfache, per App steuerbare Türschlösser. Sie lösen jeweils ein konkretes Alltagsproblem und brauchen keine vernetzte Gesamtanlage. Viele davon eignen sich auch als Geschenk von Kindern oder Enkeln.
Was ist ein Pantoffellicht?
Ein Pantoffellicht ist eine schwache, bodennahe Beleuchtung, die nachts den Weg vom Bett ins Bad und zurück zeigt, ohne zu blenden. Meist besteht es aus einem LED-Streifen mit Bewegungsmelder, der an Fußleiste, Schrank oder Bett geklebt wird. Batteriebetriebene Varianten kommen ohne Steckdose aus und lassen sich ohne Werkzeug anbringen.
Wie erfahren Angehörige aus der Ferne niedrigschwellig, ob bei den Eltern alles in Ordnung ist?
Möglich sind Sensoren, die melden, wenn über längere Zeit keine Bewegung, kein Lichtschalten oder keine Nutzung der Kaffeemaschine registriert wird. Anders als ein täglicher Knopfdruck beim Hausnotruf funktioniert das automatisch und kann nicht vergessen werden. Solche Lösungen überwachen nicht laufend, sondern melden nur Abweichungen vom gewohnten Tagesablauf.
Sind günstige WLAN-Türkameras datenschutzrechtlich bedenklich?
Viele günstige Kameras stammen aus China und übertragen ihre Daten über Server außerhalb Europas. Wer das vermeiden möchte, sollte zu einem meist teureren Gerät eines europäischen Herstellers greifen.
Hören Sprachassistenten wie Alexa ständig mit?
Sprachassistenten warten laufend auf ihr Aktivierungswort und reagieren erst danach auf Befehle. Für Menschen, denen Bewegung oder die Bedienung eines Touchscreens schwerfällt, können sie Licht und Rollos per Stimme steuerbar machen. Ob man diesen Komfort nutzen möchte, ist eine persönliche Abwägung zwischen Nutzen und Privatsphäre.
Wer hilft bei der Montage von kleinen Smart-Home-Geräten?
Neben Familie und Nachbarschaft helfen Repair-Cafés, Zeittauschvereine und in Deutschland etwa Beratungsstellen des Arbeiter-Samariter-Bundes. Ein Handwerker lohnt sich für Arbeiten von wenigen Minuten meist nicht, oft sind es auch zu kleine Projekte die sich für die Handwerker nicht auszahlen. Professionelle Montage braucht es vor allem bei komplexeren Sensorsystemen.











