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Gemeinschaftswohnen: Welche Learnings ziehen Sie aus ihrem Projekt, Michael Flemmich?

12 lange Jahre hat Michael Flemming an diesem Projekt gearbeitet (Credit: Verein Silberstreif)

12 lange Jahre hat Michael Flemming an diesem Projekt gearbeitet (Credit: Verein Silberstreif)

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Man braucht nicht nur ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Dieses „Dorf“, das Gemeinsame, wird auch im Alter immer wichtiger. Gemeinschaftswohnen schafft das, was vielen klassischen Wohnformen fehlt: Nähe, Unterstützung und Zugehörigkeit — ohne auf Privatsphäre zu verzichten. Es geht nicht nur um geteilte Räume, sondern auch um ein bewusstes Miteinander im Alltag.

Wer gemeinsam alt werden will, braucht jedoch mehr als eine gute Idee. Er braucht Durchhaltevermögen, (politische) Verbündete — und eine gehörige Portion Beharrlichkeit. Ein Gespräch mit Michael Flemmich, Initiator des Vereins Silberstreif in Salzburg, über sein Wohnprojekt, das nun in die nächste Phase eintritt: Die Schlüsselübergabe im Juli 2026. Im Interview teilt er mit uns seine Erfahrungen aus den vergangenen 12 Jahren. 

Gemeinsam statt einsam

Gemeinschaftswohnen ist mehr als nur das Teilen von Wohnraum. Es verbindet Privatsphäre mit echter Nachbarschaft, gegenseitiger Unterstützung und einem Alltag, der weniger anonym ist. Ob Mehrgenerationenhaus, Clusterwohnen, Senioren-WG oder Wohnprojekt: Entscheidend ist, dass Menschen bewusst zusammenleben und trotzdem Raum für sich behalten.

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Wie es zum Projekt Silberstreif kam? Es ist die Geschichte seiner Großmutter, die Michael Flemmich nicht mehr losgelassen hat. Sie wohnte in einem Altbau ohne Lift, irgendwo in Salzburg. Geistig fit, aber körperlich eingeschränkt — und zunehmend allein. Hinausgehen? Nur wenn jemand kam und sie die Treppen hinuntertrug. Hineinkommen? Nur wenn jemand half. „Im höheren Alter wird dein Freundeskreis kleiner, Vereinsamung passiert schnell. Wenn du alleine wohnst im höheren Alter, kann das ganz schnell sehr prekär werden.“, sagt Flemmich.

Aus dieser Erfahrung entstand 2015 der Verein Silberstreif in Salzburg. Eine Handvoll Menschen um die 50, die sich gedacht haben: So wollen wir nicht alt werden. Gemeinsam wohnen und leben, gemeinsam — wenn es sein muss — füreinander da sein. Nicht im Pflegeheim, nicht allein – sondern mittendrin, in einer Gemeinschaft, die sich das vorher ausgemacht hat. Flemmich: „Wenn du in einem Haus wohnst mit Gleichgesinnten zwischen 50 und 95, dann wird es einfacher sein, dass dir jemand Essen vorbeibringt, nach dir schaut und dass du nicht vereinsamst.“ Zwölf Jahre nach der Idee steht nun jedenfalls der Termin der Schlüsselübergabe fest: Der 16. Juli.

Ein sichtlich stolzer Christian Rothe, ebenfalls Bewohner von Silberstreif
Ein sichtlich stolzer Christian Rothe, ebenfalls Bewohner von Silberstreif
Die Idee ist einfach – der Weg war es nicht

Ursprünglich wollten die Gründerinnen und Gründer selbst ein Grundstück kaufen und bauen. Das scheiterte schnell: Die Grundstückspreise in Salzburg sind kaum anders als in Wien. Wer über 50 ist, dem geben Banken keine großen Kredite mehr. „Ab einem gewissen Alter ist man nicht mehr so kreditwürdig“, analysiert Flemmich nüchtern.

Also wurden andere Wege gesucht. Und das bedeutete: Klinken putzen, erklären, überzeugen. „Wir waren bei allen Parteien und bei allen Bauträgern“, erinnert sich Flemmich. Denn das Konzept des gemeinschaftlichen Wohnens für Menschen ab 50, selbstorganisiert, solidarisch, barrierefrei — für viele war das damals neu. Für manche war es schlicht verdächtig.

„Gemeinschaftswohnen wird nicht überall als seriöses Projekt wahrgenommen“, sagt Flemmich. Während etwa in Wien das gemeinschaftliche Wohnen vielerorts Teil des Wohnkonzepts ist, ticken die Uhren in anderen Bundesländern noch anders. Flemmich: „Alles abseits der etablierten Player und Projekte wird nicht angenommen.“

Der Durchbruch kam durch Personen, die das Projekt unterstützten – politische NetzwerkerInnen, die das Konzept verstanden. „Ohne diese Personen hätten wir bis heute nichts erreicht“, sagt Flemmich. Sein Learning: „Wer die Spielregeln kennt, hat einen entscheidenden Vorsprung.“

Der Deal: Wohnraum gegen Sozialarbeit

In der Siedlung Salzburg-Gneis, einem gewachsenen Wohngebiet am Rand der Stadt, entstand ein neues Siedlungsprojekt mit 250 Wohnungen. Große Bauvorhaben sind in eingesessenen Wohnvierteln nie unumstritten — und das war auch in Gneis so. Es gab Beteiligungsverfahren, Bürgerinnen und Bürger wurden eingebunden, es wurde intensiv diskutiert.

Silberstreif nützte diese Gelegenheit: Der Verein engagierte sich stark im Beteiligungsprozess, brachte Ideen ein, vernetzte Leute. Und genau das wurde zur Währung für den Durchbruch. Ein ungewöhnlicher Vorschlag funktionierte: Wenn Silberstreif sich bereit erklärt, in der neuen Siedlung ehrenamtlich Vernetzungsarbeit zu leisten — die Neuen mit den Alteingesessenen zusammenzubringen, das Gemeinschaftsleben anzuschieben — dann würde die Politik das Projekt forcieren. Mit der Heimat Österreich, einem der großen gemeinnützigen Wohnbauträger, wurde ein Konstrukt gefunden. Geschäftsführer Stephan Gröger erklärte sich bereit, Silberstreif ins Boot zu holen. „Das war der Deal“, sagt Flemmich: Geförderter Wohnraum gegen Sozialarbeit, Eigeninitiative gegen Berechtigung zum gemeinschaftlichen Wohnen.

Und damit war eine weitere entscheidende Frage zu klären: Wer darf hier eigentlich wohnen? In der normalen Wohnbauförderung vergibt die Stadt die Wohnungen nach einer Liste von Kriterien. Man muss Salzburger sein, lange genug in der Stadt gearbeitet haben, darf nicht zu viel verdienen. Heißt: Die Wohnungen werden zugeteilt, wer Nachbar wird ist ungewiss.

Für eine Gemeinschaft wie Silberstreif ist diese Herangehensweise nicht ausreichend. Denn der Kerngedanke ist ja: Ich möchte mit Menschen alt werden, mit denen ich mich halbwegs verstehe, die in die Gemeinschaft hineinpassen. Flemmich: „Wir wollen gemeinsam alt werden und uns gegenseitig unterstützen. Und das kann man nur machen, wenn man sich das von vornherein ausmacht.“

Und es gelang: Silberstreif erhielt das Recht, die Bewohnerinnen und Bewohner selbst auszuwählen. Die Stadt warf dann noch einen Blick über die Liste und recherchierte, ob diese Personen anspruchsberechtigt sind. Aber die Grundentscheidung, wer mit wem einzieht, lag beim Verein.

Wer kommt — und wer nicht

Wenn man fragt, wer sich für dieses Modell interessiert, kommt Flemmich ins Staunen. „Wir hätten drei Häuser auffüllen können. Locker.“ Die Nachfrage war und ist enorm. Es meldeten sich vor allem Singles. Die Geschlechterbalance zu halten war besonders schwierig: Es meldeten sich weit mehr Frauen als Männer. „Frauen sind sozial ein bisschen gescheiter“, sagt Flemmich mit einem Lächeln. „Oder sie machen sich mehr Gedanken, wie sie alt werden wollen.“ Die vier Paarwohnungen im Projekt waren paradoxerweise schwieriger zu befüllen als alle anderen. Das Modell zieht Menschen an, die allein sind — oder es absehbar sein werden und sich absichern wollen. Nicht finanziell, sondern menschlich.

Die altersmäßige Durchmischung des Projekts ist dabei kein schöner Nebengedanke, sondern eine strategische Notwendigkeit. „Wir wollen nicht alle gleichzeitig 85 sein“, sagt Flemmich. Eine Gruppe, die nur aus Menschen ähnlichen Alters besteht, altert als Gemeinschaft im gleichen Takt — und irgendwann fehlt die Energie, das Miteinander am Laufen zu halten. Und wer kümmert sich um die Gemeinschaftsräume, wenn alle 80 sind?

Die unsichtbaren Kosten

„Es gibt ein paar Sachen, da sind wir erst im Laufe des Baus darauf gekommen“, sagt Flemmich mit der Nüchternheit von jemandem, der zwölf Jahre lang gelernt hat, wie Systeme wirklich funktionieren. Was viele nicht einplanen, wenn sie von gemeinschaftlichem Wohnen träumen: Die Kosten, die entstehen.

Der Verein durfte zwar gemeinsam mit Heimat Österreich sein Konzept umsetzen: Das große gemeinsame Wohnzimmer, der Fitnessraum, der Raum für künstlerische Aktivitäten, die kleine Werkstatt. Im Fall dieses von der öffentlichen Hand unterstützten Projekts werden lediglich die persönlichen Räumlichkeiten gefördert, die Gemeinschaftsflächen nicht. Diese werden zu normalen Marktpreisen finanziert, und die sind durch die Multikrisen am Markt aktuell sehr hoch. „Dass die Kosten so hoch werden, das haben wir am Anfang nicht im Schirm gehabt“, gibt Flemmich offen zu.

Besonders die „Silberstube“ im Erdgeschoss, die für die ganze Siedlung bespielt werden soll — ein offener Treffpunkt für Events wie Repair-Café, Kindergeburtstag, Flohmarkt, etc- — belastet das Budget mit rund 30.000 Euro pro Jahr. Ein Betrag, den der Verein zum Teil durch Vermietung und Veranstaltungen hereinspielen will. Aber ein Betrag, der das Projekt dauerhaft unter Druck setzt.

Dann die Rückbaukosten: Sollte der Verein irgendwann nicht mehr existieren, müssen die gemeinsam geschaffenen Räume zurückgebaut werden — damit wieder ‚normale‘ Wohnungen entstehen können. Das Geld dafür muss von Anfang an hinterlegt werden. Es liegt auf einem Konto, und fehlt natürlich beim Einrichten.

Rendering des geplanten Baus: So wird die Siedlung aussehen (Credit: Heimat Österreich)
Rendering des geplanten Baus: So wird die Siedlung aussehen (Credit: Heimat Österreich)
Wie man eine Gruppe von über 30 Menschen zwölf Jahre lang führt – und darüber hinaus

Dafür hat sich der Verein in fünf Arbeitskreise aufgeteilt: Bau und Raumgestaltung, Finanzen und Recht, Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen und Neuzugänge – und das Bespielen der Silberstube. Jede Gruppe trägt Verantwortung für seinen Arbeitsbereich, es wird gemeinsam diskutiert, geplant, umgesetzt.

Wie Entscheidungen getroffen werden? Soziokratie ist ein Überlebensmodell für Gruppen wie Silberstreif: Fast alle Baugruppen in Österreich arbeiten mit diesem Entscheidungsprinzip, das nicht auf Begeisterung aller setzt, sondern darauf, dass alle mit einem gemeinsam geschlossenen Kompromiss leben können.

Silberstreif übt das einmal jährlich mit einem Experten an einem Wochenende. Ohne dieses Üben, das ist Flemmichs Überzeugung, würde die Gruppe nicht bestehen können. Denn die Konflikte, die entstehen, sind klein — und genau deshalb so gefährlich. Flemmich erläutert die Konflikte mit einem Beispiel: „Ein Bewohner will einen Hund, der andere fürchtet sich davor. Die dritte sagt, ohne ihren Hund zieht sie gar nicht erst ein, der Vierte hat eine Allergie dagegen.“

Das ist nur ein Beispiel von Konflikten von vielen, die geklärt sein müssen, wenn Gruppen zusammenziehen. Zu späte Offenheit über Erwartungen, unausgesprochene Annahmen, alte Dynamiken, die mit ins Haus einziehen: Genau das hat Silberstreif früh erkannt und schuf einen strukturellen Rahmen, der Konflikte auffangen soll — bevor sie eskalieren.

Was die Politik bisher versäumt hat — und was sich ändern müsste

Was sich Flemmich wünscht, ist eigentlich nicht kompliziert: Wenn die Politik sagt, sie will gemeinschaftliches Wohnen fördern — dann muss der Euro dem Ziel folgen. Konkret bedeutet das: Bauträger, die größere Siedlungen entwickeln, sollten verpflichtet oder zumindest incentiviert sein, Baugruppen einzuplanen. Wer bereit ist, ehrenamtlich Gemeinschaftsarbeit zu leisten, sollte dafür keine marktüblich Miete für Gemeinschaftsräume zahlen müssen. Und geförderte Erdgeschosszonen, die heute leer stehen, weil niemand die Mieten zahlen kann, sollten zu geförderten Preisen für soziale Nutzungen vergeben werden.

„Da wäre schon viel Luft nach oben“, sagt Flemmich. Die Wiener sind da weiter, das gibt er zu. Denn Wien hat erkannt, dass Bewohnerzufriedenheit ein politisches Asset ist. Dass Menschen, die mitgestalten durften, zufriedener wohnen und dass das die Gemeinschaft stärkt. Flemmich: „In Salzburg ist dieses Denken noch nicht wirklich angekommen.“

Und es gibt einen Wunsch, der nicht in Erfüllung gegangen ist. Silberstreif wollte eine kleine Gästewohnung — für Enkel, die zu Besuch kommen, oder eine Pflegekraft, wenn es irgendwann so weit ist. Das Wohnbauförderungsgesetz verbietet das, denn dass wäre Wohnraumbevorratung. Flemmich versteht die Logik, er findet sie trotzdem zu kurz gedacht — zumal es bereits einen konkreten Fall gibt: Ein Vereinsmitglied hat eine pflegebedürftige Frau, ein Pflegeheim hat die Aufnahme abgelehnt. Eine Lösung innerhalb der Gemeinschaft wäre naheliegend, formal ist sie aber nicht möglich.

Das zeigt das eigentliche Spannungsfeld dieses Projekts: Es denkt weiter als das System, in dem es stattfindet. Es will Dinge ermöglichen, für die es noch keine Gesetze und (Ver-)Ordnungen gibt.

Am ersten Etappenziel

Am 16. Juli geht das Projekt nun in eine neue Phase über: Nach zwölf Jahren, einer Pandemie, einem Krieg, explodierenden Baupreisen, einem veränderten Fördersystem und unzähligen Abenden in Arbeitskreisen — werden die Schlüssel übergeben.

Michael Flemmich nennt es das erste Etappenziel. Aber hinter dieser Bescheidenheit steckt etwas, das sich nicht in Quadratmetern oder Förderrichtlinien messen lässt: Die stille Sicherheit, dass im Alter jemand da ist. Dass jemand Essen vorbeibringt, dass jemand aufmacht, wenn man klopft.

Das ist der Kern – kein großes Konzept, keine politische Theorie. Nur das Wissen, dass die Tür zum Nachbarn nicht weit ist.

Mehr Informationen zum Verein Silberstreif: https://silberstreif.live

 

Anja Herberth
Author: Anja Herberth

Chefredakteurin

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