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Ein Anruf genügt manchmal, um alles zu verändern: Der Vater ist gestürzt, oder die Mutter kommt im Alltag nicht mehr allein zurecht – und man selbst wohnt zweihundert, fünfhundert, tausend Kilometer entfernt. Man sitzt im Büro und hat die eigene Familie, das eigene Leben, und plötzlich steht die Frage im Raum: Wie kümmere ich mich als Angehörige um Menschen, die ich nicht jeden Tag sehe?
Pflegerische Unterstützung aus der Ferne ist längst Alltag für viele Berufstätige. Und sie bringt eigene Regeln und noch mehr organisatorische Belastungen im Vergleich zu einer Situation, in der man im selben Ort oder im selben Haus lebt. Doch woran erkennt man über die Distanz überhaupt, dass mehr Hilfe nötig wird? Was muss geregelt sein, bevor der Ernstfall eintritt? Und wie hält man das durch, ohne das eigene Leben aufzugeben?
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Susanne Karner ist Pflegeexpertin und begleitet Angehörige professionell dabei, die Versorgung ihrer Eltern über die Distanz zu organisieren. Im Gespräch erklärt sie, warum Unterstützung aus der Ferne oft schwerer wiegt, als sie von außen aussieht, woran Angehörige rechtzeitig erkennen, dass sich etwas verändert – und was sich ändern müsste, damit die Versorgung zu Hause auch fernab der Städte besser gelingt.
SBC: Frau Karner, was unterscheidet die Unterstützung aus der Ferne grundsätzlich von einer Situation, in der Angehörige im selben Ort oder im selben Haushalt leben?
Karner: Der Unterschied liegt in den Aufgaben und in den emotionalen Herausforderungen. Wer aus der Ferne unterstützt, organisiert und koordiniert vor allem: Man hält Kontakt, oft über regelmäßige Telefonate, und man baut ein unterstützendes Netzwerk vor Ort auf und steuert es. Wer in der Nähe wohnt, übernimmt dagegen häufiger auch praktische Dinge – Hilfe im Haushalt, bei der Körperpflege, beim Einkauf.
Aus der Ferne stellt sich ständig die Frage: Wie organisiere ich das alles – zusätzlich zum Beruf und eigenem Leben? Dazu kommen ganz praktische Hürden, etwa die Erreichbarkeit von Ämtern und ÄrztInnen. Und man kann sich oft kein eigenes Bild machen, ist auf die Rückmeldungen anderer angewiesen. Das verunsichert natürlich auch.
Emotional geht es sehr häufig um Schuldgefühle: Nicht vor Ort zu sein, nicht genug zu tun. Dazu die ständige Sorge, dass jederzeit etwas passieren könnte. Ein Mental Load ist in beiden Konstellationen da. Mental Load nennt man ja die psychische Belastung durch das ständige Mitdenken, Vorausplanen und Verantwortlichsein – auch dann, wenn gerade keine konkrete Aufgabe ausgeführt wird. Bei der Pflege aus der Ferne ist diese Belastung anders gelagert als bei der Pflege zu Hause: Wer nah dran ist, kämpft eher mit der Abgrenzung, weil die ständige Nähe belasten und Konflikte verschärfen kann.
Und es macht einen Unterschied, ob man Einzelkind ist oder ob Geschwister mittragen. Als Einzelkind liegt die Last auf den eigenen Schultern, sind Geschwister da kann das entlasten – aber auch konfliktanfälliger werden. Zwei weitere Dinge sind nicht spezifisch für die Ferne, aus der Distanz aber schwerer zu handhaben: Alter und Krankheit verändern einen Menschen – im Verhalten, die Kognition, das Gehör –, und es findet eine Rollenumkehr statt. Die Eltern, die früher unterstützt haben, brauchen nun selbst Unterstützung. Wenn der Kontakt nur punktuell ist, ist das schwerer aufzufangen.
SBC: Woran erkennen Angehörige über die Distanz, dass der Alltag nicht mehr gut funktioniert und mehr Unterstützung nötig wird?
Karner: Hilfreich ist der Vergleich mit früher: Wie war es beim letzten Besuch, vor einem Monat, vor einem Jahr? Ich schaue dabei auf drei Bereiche. Körperlich: Gibt es Bewegungseinschränkungen, fällt Alltägliches schwerer – etwa die Treppe, oder auch ganz grundsätzlich der Alltag in seiner Bewältigung? Psychisch: Hat sich die Stimmung verändert, wirkt die Person niedergeschlagen, ängstlicher, zieht sie sich zurück? Und kognitiv: Verändert sich das Erinnern oder die Orientierung – zeitlich, örtlich, oder auch in Alltagssituationen?
Entscheidend ist die Frage, wie sich solche Veränderungen im Alltag auswirken – und ob die Teilhabe leidet. Wer schlechter hört, meidet vielleicht das geliebte wöchentliche Treffen mit Freunden. Wer den Harnverlust nicht mehr sicher kontrollieren kann, meidet Situationen ohne Toilette in der Nähe – oder trinkt weniger. Ich orientiere mich dabei an der ICF, der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, einem weltweiten Standard der Weltgesundheitsorganisation. Sie weitet den Blick: Denn es geht nie nur um eine einzelne Einschränkung wie das Nicht-mehr-gehen-Können, sondern um deren Folgen für Selbstständigkeit, soziales Leben und Gewohnheiten.
SBC: Was ist bei einer Unterstützung aus der Ferne essenziell – und was lässt sich schon vorbereiten, bevor der Ernstfall eintritt?
Karner: Am besten beginnt es, bevor überhaupt etwas passiert. Mein Rat: Sprechen Sie frühzeitig mit Ihren Eltern darüber, wie sie sich das Leben im Alter vorstellen: Welche Wünsche haben sie, was wollen sie auf keinen Fall? Klären Sie für sich selbst, ob und wie Sie unterstützen wollen – und was zu Ihrer eigenen Lebenssituation passt. Führen Sie dieses Gespräch auch mit Geschwistern und weiteren Angehörigen: Wer ist zu was bereit? Und regeln Sie das Formale rechtzeitig – Vollmachten, Patientenverfügung, stellen Sie einen Notfallordner mit allen wichtigen Dokumenten zusammen.
Ist die Situation dann da, verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick: Was wird jetzt gebraucht, was könnte noch kommen? Bauen Sie ein Netzwerk vor Ort auf – NachbarInnen, FreundInnen, Freiwilligen-Dienste und Verbände, Pflegedienste – und klären Sie Zuständigkeiten: Wer kümmert sich um was, wer ist AnsprechpartnerIn bei ÄrztInnen und Behörden? Bündeln Sie wichtige Unterlagen, Kontakte und medizinische Informationen an einem Ort, damit Sie im Bedarfsfall schnell darauf zugreifen können. Halten Sie regelmäßig Kontakt, etwa per Videoanruf, um Veränderungen früh mitzubekommen. Und der vielleicht wichtigste Punkt: Holen Sie sich Unterstützung, versuchen Sie nicht, alles allein zu stemmen.
SBC: Falls es einmal notwendig ist – wie bleibt man auch über die Distanz für einen Notfall gerüstet?
Karner: Mit einem Notfallplan. Ganz pragmatisch heißt das: Ein Ordner – physisch oder digital –, in dem alles Relevante liegt: Vollmacht, Patientenverfügung, Krankenversicherungskarte, Versicherungsunterlagen, wichtige Schlüssel. Dazu die Kontakte von Menschen, die im Notfall schnell vor Ort sein können – ein Verwandter, der EnkelIn, jemand aus der Nachbarschaft. Also wieder: ein Netzwerk. Und ganz wichtig: Die Betroffenen selbst müssen wissen, wo dieser Ordner liegt, beziehungsweise die Zugangsdaten kennen. Ein Notfallplan, von dem niemand weiß, nützt im Ernstfall nichts.
SBC: Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Hürden?
Karner: Zuerst die Entfernung selbst – nicht schnell da sein zu können, wenn etwas passiert. Dann das Gefühl, nicht genug zu tun oder wichtige Veränderungen zu übersehen, und dann natürlich die Organisation neben Beruf und Privatleben. Oft ist es aus der Ferne schwer, den Überblick zu bekommen: Was wird wirklich gebraucht, und welche Unterstützung ist die richtige? Die oft schwierigen Gespräche mit den Eltern über Hilfe und Veränderung, die emotionale Belastung durch Sorge, Schuldgefühle und Dauerverantwortung. Und nicht zuletzt die finanzielle Seite – Fahrtkosten, Übernachtungskosten, und eventuell auch der Arbeitsausfall.
Ich erlebe oft, wie sehr das ins eigene Leben hineinwirkt. Eine Kundin ist dreimal pro Woche 150 Kilometer zu ihrer Mutter gefahren, zusätzlich zum Beruf – irgendwann sagte ihr Mann: „Ich habe ja gar nichts mehr von dir.“ Aus der Fürsorge für den einen Menschen entsteht dann ein Konflikt mit dem eigenen Umfeld. Genau an diesem Punkt geht es nicht mehr nur um Organisation, sondern um Lebensqualität – die der Eltern und die der Angehörigen. Beides lässt sich nicht trennen.
SBC: Wie arbeiten Sie mit den Menschen, die zu Ihnen kommen?
Karner: Ich berate einzelfallbezogen zu ganz konkreten Fragen. Eine typische Anfrage lautet: „Ich bin Einzelkind, lebe 500 Kilometer entfernt, mein Vater hatte einen Schlaganfall – wie geht es jetzt weiter? Ich bin berufstätig und habe selbst Familie.“ Meine Kundinnen und Kunden können eine einmalige Beratung wählen, in der ich die wichtigsten Schritte erkläre und Orientierung gebe, oder eine Begleitung über einen selbst gewählten Zeitraum, in der sie sich melden, wann immer Fragen oder Entscheidungen anstehen.
Ein großes Thema ist dabei fast immer die Kommunikation: Wie spreche ich schwierige Dinge bei meinen Eltern an, ohne dass es zum Konflikt kommt? Dazu kommt die konkrete Suche nach passenden Angeboten – beispielsweise Pflegedienste, ein Platz in einer Einrichtung, bei Kindern auch Therapieplätze. Viele haben in dieser Phase weder die Zeit noch die Kraft, sich durch Anfragen und Wartelisten zu arbeiten.
Was mir wichtig ist: Es gibt kein Richtig und Falsch darin, wie man sich kümmert. Manche starten mit dem Satz „Mein schlechtes Gewissen frisst mich auf“ – und wir arbeiten daran, was für sie möglich ist und sich stimmig anfühlt, ohne das eigene Leben aufzugeben. Eine Kundin wollte die Pflege gar nicht mehr selbst übernehmen und alles delegieren; Auch diesen Weg habe ich begleitet. Ich bewerte das nicht. Es geht um den Schritt, den der Mensch gehen will – und manchmal ist der richtige Schritt, sich herauszunehmen.
SBC: Was müsste sich gesellschaftlich und politisch ändern, damit die Unterstützung vor Ort besser gelingt?
Karner: Vor allem der Ausbau der häuslichen Versorgungsstrukturen – gerade in ländlichen Regionen. Das beginnt bei der Mobilität: Fahrdienste, Bürgerbusse und ähnliche Angebote erleichtern den Zugang zu ÄrztInnen, Therapien und Unterstützung. Es braucht aus meiner Sicht auch die regionale Vernetzung zwischen HausärztInnen, Pflegediensten, TherapeutInnen, Kliniken, Apotheken, Sanitätshäusern und Einkaufsdiensten. Konzepte wie Quartiersmanagement und Nachbarschaftshilfe gehören dazu, ebenso Community Health Nurses sowie Angebote, die Teilhabe ermöglichen. Die Einsamkeit ist ein großes Problem im Alter.
Digitale Angebote sind ein weiterer Baustein – und zwar nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur persönlichen Betreuung und Unterstützung: Das geht von Telemedizin und digitale Beratung, über Apps zur Koordination der Pflege über die Distanz, Sensorik, die Stürze erkennt und vor Bränden warnt oder das Wasser im Notfall stoppt, bis hin zu Angeboten gegen die Einsamkeit. Diese Lösungen gibt es schon, und sie müssen jetzt sichtbar und begreifbar werden. Und nicht zuletzt braucht es attraktive Arbeitsbedingungen für Fachkräfte, auch und gerade in strukturschwachen Gebieten.
SBC: Was möchten Sie Angehörigen mitgeben, die gerade Pflege und Betreuung aus der Ferne organisieren?
Karner: Dass keine Frage und kein Gefühl falsch ist. Dass es kein Richtig und Falsch gibt in der Art, wie man sich kümmert – sondern nur den Weg, der zu Ihrem Leben passt. Und dass man das nicht allein tun muss. Wer sich Unterstützung holt und die Dinge ordnet, gewinnt oft das zurück, was in der Sorge zuerst verloren geht: Das Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein.
Vielen Dank für das Interview!
Dr. Susanne Karner ist Pflegeexpertin und begleitet Angehörige bei der Unterstützung und Pflege aus der Ferne – dem sogenannten Distance Caregiving. Sie berät einzelfallbezogen zu Pflege-Organisation, Finanzen und Kommunikation. Weitere Informationen unter susanne-karner.de
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin

















