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Pflegeheime sind insbesondere in Deutschland sehr teuer, und die Zahl der Pflegebetten sinkt. Es fehlt das Personal, die Kosten sind selbst für eine minimale Pflege sehr hoch. Gleichzeitig altern wir als Gesellschaften: Der Anteil der Menschen 65+ liegt in Deutschland und Österreich bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung – Tendenz steigend auf ein Viertel. Und es fehlen auch die Pflegekräfte für zu Hause: In vielen Regionen – insbesondere am Land – mangelt es an diesen Strukturen. Pflege ist alternativlos – also was tun
Wir haben dazu mit dem Experten Axel Albrecht gesprochen. Er führt das Wohnquartierzentrum WoQuaZ in Weiterstadt (D) und ist Geschäftsführer von Assisted Home Solutions, das das digitale Assistenzsystem LISA entwickelt hat. Er beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Menschen so lange wie möglich selbstständig zu Hause leben können – und dennoch die Hilfe erhalten, die für ein sicheres und komfortables Leben notwendig ist.
Im Gespräch erklärt er, warum rasche Hilfe nach einem Sturz über Lebensqualität und Pflegebedürftigkeit entscheidet, warum ein Notfallknopf allein nicht reicht – und warum sogenannte virtuelle Pflegeheime die Antwort auf die großen Herausforderungen sein können.
SBC: Herr Albrecht, warum ist das Thema „im Alter zu Hause bleiben“ so dringend geworden?
Albrecht: Pflegeheime sind richtig teuer – der Eigenanteil in Deutschland variiert stark je nach Bundesland und Einrichtung zwischen ca. 2.900 Euro und über 4.500 Euro. Viele Menschen haben dieses Geld nicht, und es gibt schlicht nicht genug Plätze.
Gleichzeitig wächst der Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft rasant. In Deutschland leben derzeit knapp 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen – 86 Prozent davon werden zu Hause versorgt. Der Druck auf das System steigt unfassbar. Wir hatten früher etwa ein Prozent der Menschen, die jährlich ins Pflegeheim wechselten – wir gehen jetzt in Richtung zwei Prozent. Aber die Bettenzahl ist nicht gestiegen. Im Gegenteil: Schauen Sie sich an, wie viele Pflegeheime in den letzten Jahren wegen Geld- und Fachkräftemangel geschlossen wurden.
SBC: Zusammenfassend kann man also sagen: Der Bedarf an Pflege steigt, aber das Angebot hält nicht mit.
Albrecht: Und das ist dramatisch, weil Pflege und Unterstützung alternativlos sind. Oft braucht es ja nicht die 24-Stunden-Pflege, aber eine individuell angepasste Alltagsunterstützung. Die größte Herausforderung ist ja, dass wir in Gebäuden wohnen, die voller Barrieren und Hürden sind. Es gibt einfach nicht genug altersgerechte Wohnungen. Das zeigen auch die Zahlen deutlich: In Deutschland fehlen derzeit 2,2 Millionen seniorengerechte Wohnungen. Rollator- oder rollstuhltaugliche Wohnungen gibt es gerade einmal 600.000 – bei einem prognostizierten Bedarf von 3,3 Millionen bis 2040.
Die Folge: Menschen gehen ins Pflegeheim ohne echten Pflegebedarf zu haben. Laut Deutscher Pflegestatistik haben etwa 50 Prozent der Heimbewohner nur Pflegestufe 2. Sie könnten noch lange im eigenen Zuhause wohnen bleiben und bräuchten lediglich Unterstützung und Sicherheitsangebote. Wir gehen davon aus, dass etwa drei Viertel der Heimaufnahmen dadurch vermeidbar wären. Es gibt einfach nicht ausreichend Unterstützung in den Quartieren, also im Zuhause. Daher bieten wir auch Quartiersmanagement an – also Unterstützung im Alltag.
Und dann braucht es die Sicherheit, dass jemand nach einem Sturz innerhalb von 30 Minuten Hilfe bekommt. Das entscheidet über die Pflegebedürftigkeit und die Lebensqualität eines älteren Menschen.
SBC: Können Sie das näher ausführen – was passiert, wenn jemand zu Hause stürzt?
Albrecht: Ein Sturz ist oft der Wendepunkt. Die entscheidende Zahl ist: 30 Minuten. Werde ich nach einem Sturz nicht innerhalb von 30 Minuten gefunden, werde ich zum Pflegefall. Das gilt nicht nur für den Sturz – sondern auch nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall.
Und genau da liegt das Problem mit dem klassischen Hausnotruf: Nach einem Schlaganfall kann ich den Knopf nicht mehr drücken. Viele Menschen haben ihn auch gar nicht bei sich oder vergessen im Notfall, dass sie ihn drücken könnten. Manchmal gibt es auch nur fix montierte Knöpfe – wenn so ein Knopf im Notfall nicht in der Nähe ist, bringt er mir nichts. Es braucht also Lösungen, die automatisch Hilfe holen – ohne dass ich selbst aktiv werden muss. Genau das leisten moderne Assistenzsysteme. Die Wohnung als Schutzraum ist verlässlich im Gegensatz zu individuell getragenen Sturzuhren, die man vergisst zu tragen oder aufzuladen.
Barrierefreiheit reduziert das Risiko – aber auch in einem barrierefreien Zuhause wird gestürzt. Die eigentliche Schutzfrage lautet: Was passiert, wenn es trotzdem passiert? Wer findet mich? Und wann?
SBC: Wie kann dieser Schutz entstehen – und wie funktioniert Ihr Konzept konkret?
Albrecht: Stellen Sie sich einen Wohnbau vor – oft aus den 1950er Jahren, voller Barrieren, ohne Lift. Viele Menschen haben dort ihre Mietverträge seit 60 Jahren. Die Bewohner in diesen Siedlungen sind im Schnitt doppelt überaltert: Der Anteil der Menschen über 65 ist doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Wenn ältere BewohnerInnen sterben, kommen Jüngere nach, und die Älteren vereinsamen. Wir sehen, dass es in diesen Wohnbauten pro 300 Wohnungen etwa 40 bis 60 Bewohner gibt, die echte Unterstützung brauchen.
Diese Menschen brauchen vor allem Alltagsunterstützung – angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. Genau das kann eine Community Nurse, eine Gemeindeschwester leisten: Eine Fachkraft, die in dieser Wohnsiedlung koordiniert, vermittelt und unterstützt, ohne dass alle gleich ins Heim müssen. Nur ein minimaler Anteil von ein bis zwei Prozent dieser Menschen braucht trotz dieser Unterstützung ein Pflegeheim. Der Rest kann bei entsprechender Unterstützung zu Hause wohnen bleiben.
SBC: Wie funktioniert so ein virtuelles Pflegeheim – und welche Rolle spielt Technologie dabei?
Albrecht: Das virtuelle Pflegeheim verbindet drei Bausteine. Erstens nutzen wir den Bestand im Quartier – Menschen bleiben in ihrem gewohnten Umfeld, statt in einen Neubau zu ziehen. Zweitens setzen wir auf digitale Assistenzsysteme: Unser System LISA erkennt automatisch Stürze und Aktivitätsmuster – ohne Kamera und mit höchstem Datenschutz. Alle Daten bleiben in der Wohnung und es wird nur nach außen kommuniziert, wenn Hilfe benötigt wird. Die Wohnung wird zu „betreuenden“ Wohnung – ein weiterer Player in der Pflegeinfrastruktur.
Neben der Sturzsensorik, die im Notfall Hilfe holt, werten unsere Assistenzsysteme Aktivitätsmuster aus und geben Bescheid, wenn es zu Abweichungen kommt – also wenn sich die Alltagskompetenz verschlechtert. Sie funktionieren als stilles Frühwarnsystem, das Hilfe holt, bevor eine Krise entsteht. Ein frühes Eingreifen und rasches Reagieren auf negative Entwicklungen vermeidet viel Leid und medizinische Kosten. Der Hausnotruf kann das nicht leisten, denn er ist für den Notfall und nicht für proaktive Hilfe da.
Und hier kommt drittens die Caring Community ins Spiel: Wir arbeiten mit Plattformen wie Hub4Help zusammen und verbinden Ehrenamt, Pflegedienste und Kommunen mit alltäglichem Hilfebedarf. Dadurch entsteht ein soziales Netz als wichtige Bedingung für selbstbestimmtes Wohnen. Das möchte ich betonen: Unsere Technologie unterstützt dabei, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, aber auch um gezielte Unterstützung zu bekommen.
Das Ergebnis zeigt unser Referenzstandort WoQuaZ in Weiterstadt: Während der nationale Durchschnitt im Betreuten Wohnen immer noch bei sechs Prozent jährlichem Heimeinzug liegt, haben wir bei uns in zwölf Jahren eine Heimeinzugsquote von nur einem Prozent pro Jahr erreicht. Menschen wohnen bei uns mit hohem Komfort und hoher Sicherheit, weil wir dort Hilfe und Pflege individuell mit und über Technik ohne teure Bereitschaftskosten anbieten.
SBC: Ein Einwand, den ich bei Technologie oft höre: Ich will keine Daten sammeln lassen.
Albrecht: Wir arbeiten aus genau diesem Grund mit Konzepten, die sehr viel Bedacht auf diese Einwände legen. Zum einen arbeiten wir mit Radarsensorik – nicht mit Kameras. Unsere Systeme verarbeiten Punktwolken, kein Bildmaterial. Zum anderen kann jede und jeder Betroffene selbst bestimmen, was mit den Daten passiert. Unsere Systeme sind auch dazu geeignet, vollständig lokal in der Wohnung zu laufen – ohne Daten weiterzugeben. Im Notfall sorgt LISA dann lediglich dafür, dass rasch Hilfe geholt wird.
Ich verstehe also die Einwände, aber ich habe schon so viel Leid gesehen, das mit unserer Technologie hätte vermieden werden können. In unserem Wohnquartierzentrum in Weiterstadt können sich die BewohnerInnen einen Alltag ohne unsere Lösungen gar nicht mehr vorstellen. Das ist ja unser Vorteil: Wir testen neue Herangehensweisen mit unseren HeimbewohnerInnen und bekommen sehr schnell ungefiltert zurück, wenn etwas nicht passt. Dadurch haben wir aber auch eine sehr hohe Akzeptanzquote – weil wir LISA gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt haben.
Unser Systeme arbeitet im Hintergrund wie ein Sicherheitsnetz – und langsam erkennen auch Kommunen, dass es genau das braucht. Mit alten Lösungen können wir Menschen mit Unterstützungsbedarf nicht ausreichend helfen. Die alten Pflegekonzepte reichen schlicht nicht mehr aus.
SBC: Was muss sich politisch und strukturell ändern, damit dieses Modell breit wirken kann?
Albrecht: Wir brauchen ein Umdenken auf mehreren Ebenen. Bund und Länder müssen die Förderung für seniorengerechtes Wohnen massiv ausweiten – das aktuelle KfW-Budget 455-B von 150 Millionen Euro ist mindestens um den Faktor drei zu klein. Das Geld muss dem Bedarf folgen – und der liegt, in einer Zeit, in der 86 Prozent der Menschen zu Hause unterstützt werden, nun einmal in der lokalen, quartiersnahen Hilfe.
Für Kommunen ist diese lokale Infrastruktur in Zeiten von Fachkräfte- und Geldmangel eine günstige und gleichzeitig hochwirksame Antwort auf eine der drängendsten sozialen Fragen unserer Zeit. Und eines sollte uns allen klar sein: Wenn Familien in der Pflege alleine gelassen werden, wenn Hilfe fehlt und Unterstützung ausbleibt, dann suchen sich Populisten genau dieses Thema. Pflege trifft Familien mitten ins Herz – emotional, finanziell, im Alltag. Wer das ignoriert, gibt anderen die Bühne.
Es braucht daher die Offenheit für neue Konzepte. Für Lösungen, die trotz Geld- und Fachkräftemangel funktionieren, die Familien wirklich beistehen und für Sicherheit sowie eine hohe Lebensqualität im Alter sorgen. Die Technologie und die Konzepte dafür gibt es bereits. Was fehlt, ist der politische Wille, sie flächendeckend einzusetzen. Das Problem, das wir früher bei der Kinderbetreuung hatte, haben wir heute in der Altenbetreuung.
Die Pflege zu Hause wird ja vor allem von Frauen gestemmt – mit allen Folgen: Häufig sind finanzielle Einbußen, ein höheres Risiko für Altersarmut sowie körperliche und psychische Überlastung die Folge, wenn Beruf, Alltag und Pflege dauerhaft gleichzeitig bewältigt werden müssen. Frauen gehören wie Männer in das gesellschaftliche Leben und nicht an den Herd, in die Kinder- oder Altenbetreuung – wir können uns die Familienstrukturen der 50er Jahre nicht mehr leisten.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Axel Albrecht ist Geschäftsführer der Assisted Home Solutions GmbH und Leiter des Wohnquartierzentrums WoQuaZ Weiterstadt. Mehr Informationen unter assistedhome.de und woquaz.com.
Author: Anja Herberth
Chefredakteurin








